Weltreise durch München (12)

Das Erbe des russischen Eremiten Väterchen Timofej – Garten Eden im Oly-Park 

OB Ude und "Väterchen Timofej"
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OB Ude und "Väterchen Timofej" im Jahr 1999 an seinem angeblich 105. Geburtstag. Er hatte allerdings auch gerne erzählt, dass er 2000 Jahre alt sei. F.: dpa/Ursula Düren, dbo

Dieses Jahr verzichten die meisten auf einen Urlaub in ferne Länder. Wie und wo man auch in der Landeshauptstadt auf exotischen Urlaubsflair trifft, verraten wir in unserer Serie...

Die Durchsage „Ready for boarding“ werden diesen Sommer nur wenige Münchner hören. Auf einen Urlaub in fernen Ländern verzichten die meisten. Für spannende Kulturen und exotisches Essen reichen aber ein paar Schritte vor die eigene Wohnungstüre. In unserer Serie „Weltreise durch München“ nehmen wir Sie mit an die schönsten Reiseziele – und das alles, ohne die Stadt zu verlassen. Also: „Fasten your seatbelts, ready for take-off“. 

Es stört schon ein bisschen: das Rattern der Achterbahn, der Schlager, der aus dem Lautsprecher herüberdröht, in diese Oase der Ruhe, in der es bis auf das Summen der Insekten und dem Rauschen der Blätter im Wind wirklich still ist. Auf der Schotterfläche, rund um die etwas versteckt gelegene Adresse Spiridon-Louis-Ring 100, liegt der „Sommer in der Stadt“ in seinen letzten Zügen. 

„Ach, das geht vorbei“, sagt Serge Kaiser lächelnd mit russischem Akzent und winkt ab. Breite Schultern, Glatze, getrimmter Bart, blaue Augen, die unter finsteren Augenbrauen hervorstechen – optisch ist Kaiser ja irgendwie mehr so der Typ Türsteher. Bis er zu sprechen anfängt. Bis er erzählt, dass dies ein Ort sei, wo es „Gefühl“ gebe, „Energie“ und „natürliche Frequenzen“. Kaiser ist der Nachfolger von Timofei Wassiljewitsch Prochorow – besser bekannt als Väterchen Timofej, der 2004 im Alter von, so sagt man, 110 Jahren gestorben ist.

Serge Kaiser ist der Nachfolger von Väterchen Timofej.

Kaiser hat Timofej während seiner letzten zehn Lebensjahre begleitet: „Ich kam hierher als Handelsvertreter für einen russischen Markt. Ich traf Timofej und es war so ein Hoppla-Kontakt – wir waren verwandte Seelen.“ 

Timofej, geboren im russischen Kaiserreich, habe während des Zweiten Weltkriegs eine Marienvision gehabt

 Die Muttergottes habe ihn beauftragt, eine Kirche im Westen zu errichten. Im heutigen südlichen Olympiapark also lies sich Timofej 1952 mit seiner Gefährtin Natascha nieder und baute aus Kriegsschutt ein Häuschen, eine Kapelle und die Ost-West-Friedenskirche, ausgekleidet mit Alufolie, um ihr mehr Glanz zu verleihen. 

Im Olympiapark baute Väterchen Timofej seine Kapelle.

Ein Schwarzbau war es natürlich, doch Timofej, den die Münchner lieb gewonnen hatten, trotzte immer wieder den Behörden und schaffte es sogar, dass die Pläne für die Olympischen Spiele 1968 so geändert wurden, dass sein Kleinod an Ort und Stelle bleiben konnte.

Heute kümmern sich Ehrenamtliche des Vereins Stiftung Ost-West-Friedenskirche um diese kleine Oase

Die Münchner Fotografin Camilla Kraus hatte sich in das Ensemble verliebt und für eine Sanierung eingesetzt. „Wir sind ihr sehr dankbar“, sagt Kaiser. Doch suche der Verein nach einem „guten“ Investor. Denn die Pflege, die kostet. Und sie würden gerne noch mehr umsetzen. Mit Kindern beispielsweise, die bereits einen Raum zum Malen in dem kleinen Museum haben. Oder Yoga praktizieren.

Man kann es sich gut vorstellen: Dass Kaiser, der eigentlich als Gärtner arbeitet und zwischendrin über den „gestörten Chakrenfluss“ der Menschen philosophiert, nicht nur morgendliche Liturgien abhält, sondern in dem grünen Idyll mit Besuchern meditiert. 

Viele Münchner haben die etwas versteckt gelegene Kapelle noch nie bemerkt.

„Unsere Tür steht täglich offen“, sagt Kaiser. Und sie kommen gerne, die Gäste aus aller Welt, vor allem während des Tollwood-Festivals, das normalerweise rund um das Kleinod jedes Jahr stattfindet. Ob oder in welcher Form es heuer Cronona-bedingt stattfindet, das weiß man noch nicht. Manche Besucher kommen gezielt, andere verirren sich zufällig bei einem Spaziergang durch den Olympiapark hierher: „Münchner, die sagen: Ich lebe seit 25 Jahren in der Dachauer Straße und war noch nie an diesem Ort“, berichtet Kaiser. 

Er mag es, die Menschen zu beobachten, wenn sie in den paradiesähnlichen Garten eintreten, und manchmal aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Ein Mann steckt seinen Kopf durch die winzige Tür des ebenso winzigen Timofej-Museums: „Entschuldigung, ich habe an der Ecke eine tolle Samenkapsel gesehen. Darf ich die mitnehmen?“ Kaiser legt ihm bedächtig die Hand auf die Schulter und nickt ihm zu.

Möchte man den abenteuerlichen Geschichten Glauben schenken, dann wäre es um der Menschheit Willen wert, diesen Ort zu erhalten: Timofej hätte eine weitere Vision gehabt. Jesus sei erschienen und habe gesagt, wenn die Kirche weiter bestehen würde, käme eine Zeit, in der Milch und Honig fließen. „Naiv wie ich war, habe ich Timofej gefragt, was das bedeutet“, sagt Kaiser. „Er antwortete, dass eine goldene Zeit kommen wird. Eine Zeit ohne Krieg und Leid.“

Fun Facts

  • 9391 Russen leben in München.
  • Neun Tage würde es theoretisch dauern, mit dem Radl nach Moskau zu fahren. 

Weitere tolle Artikel um die Weltreise in München finden sie hier.

dbo

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