„Die Wiesn ist ein Lebensgefühl“

„Wie’s ohne Wiesn geht“ (6): So ist der Wiesn-Ausfall für die 91-jährige Breznverkäuferin Juliane Schartner

 Seit 1963 arbeitet Juliane Schartner (91) beim Oktoberfest
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Seit 1963 arbeitet Juliane Schartner (91) beim Oktoberfest.

Die Wiesn muss dieses Jahr wegen Corona ausfallen. Was die 91-jährige Breznverkäuferin, die sonst jedes Jahr mit dabei war, dazu sagt und warum ihr der Ausfall dieses Jahr sogar entgegen kommt...

  • Keine Wiesn wegen Corona dieses Jahr.
  • Juliane Schartner (91) arbeitet seit fast 60 Jahren auf der Wiesn.
  • Warum ihr die Wiesn-Absage dieses Jahr entgegen kommt.

München – Fast 60 Jahre lang hat Schartner bei der Wiesn gearbeitet, die meisten davon als Bedienung im Löwenbräu-Zelt. Seit 2006 hat die Rentnerin aus Sendling-Westpark nun ihren eigenen Breznstand im Paulaner Festzelt. Auch 2019 – mit 90 – hat sie alle 16 Festtage bis zu zwölf Stunden hinter der Theke verbracht. Anstrengend sei das aber nicht. „Da ist ja ein Stuhl drin zum Hinsetzen.“

Hart gearbeitet hat Schartner schon immer: Als Kind beim Aufpassen auf ihre Geschwister, in der Hauswirtschaftslehre und ab 1963 als Bedienung im Mathäser und auf der Wiesn. Selbst aufs Oktoberfest zu gehen, hatte sich ihre Familie bis dahin nie leisten können.

Erst reizte sie das Geld – später überwog der Spaß

„Am Anfang reizte mich natürlich das Geld, was man dort verdienen konnte“, erzählt die Rentnerin heute. 600 Mark verdiente sie in ihrer ersten Saison, so viel wie ihr Gatte in einem Monat. „Abends war ich dafür fix und fertig, so sehr, dass ich meinen Mann nicht mehr erkannt habe“, sagt Schartner lachend.

Doch über die Jahre sei es ihr immer mehr um den Spaß gegangen: Um die Kolleginnen, die zu Freundinnen wurden. Um die Fußballkameraden ihres Sohnes, die sie bis heute immer auf eine Maß an ihren Tisch einladen. Und um ihre Töchter und Enkelinnen, die alle zumindest zeitweise ihrer Mutter und Oma auf die Wiesn gefolgt sind und deren Erlebnisse dort als Fotos an Schartners Wohnzimmerwand hängen.

„Es herrscht ein anderes Lebensgefühl auf der Wiesn“, schwärmt die 91-Jährige. „Da bist du ein anderer Mensch, schaltest von deinem Alltag einfach ab und genießt.“

Fotostrecke: Impressionen von Juliane Schartner (91) auf dem Oktoberfest

Wie sie zum Wiesn-Ausfall steht

Dabei hat die Rentnerin auch die schlimmen Tage alle miterlebt: als Franz Josef Strauß starb „und wir alle dachten, dass es mit der Wiesn jetzt aus ist“. Oder das Oktoberfest-Attentat: „Ich hatte gerade mein Radl aufgesperrt, da gab’s den Knall“, erzählt Schartner.

Dass ihre „schönste Zeit des Jahres“ heuer coronabedingt ausfallen muss, nimmt die 91-Jährige gelassen. „Alles andere wäre der Gau gewesen. Man hätte München danach absperren müssen, weil alle krank geworden wären.“ Tatsächlich kommt ihr persönlich die Absage sogar entgegen. „Ich hätte dieses Jahr wegen einer Herz-OP wahrscheinlich eh aussetzen müssen“, sagt sie seufzend.

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Doch gar nicht mehr auf dem Oktoberfest zu arbeiten, ist für die Rentnerin unvorstellbar. „Und wenn ich 100 Jahre alt werde, dann habe ich auch mit 100 noch meinen Breznstand“, sagt sie rigoros.

Genügend Hilfe aus der Familie hat sie ja: „Jetzt wäre meine jüngste Enkelin, die 17-jährige Sophie an der Reihe“, sagt Schartner schmunzelnd. Und so ist ein Abschied von ihr immer nur einer auf Zeit: „Wir sehen uns auf der Wiesn“, ruft die 91-Jährige einem an der Türe nach. „Nicht dieses Mal, aber das nächste.“  

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Romy Ebert-Adeikis

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