Rückenpatienten immer jünger

Gesund heranwachsen (5): Zu wenig Bewegung bei Kindern führt zu Haltungs- und Langzeitschäden

Über 20 Prozent der elf- bis 17-Jährigen haben Studien zufolge regelmäßig Rückenweh.
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Über 20 Prozent der elf- bis 17-Jährigen haben Studien zufolge regelmäßig Rückenweh.

Immer mehr junge Menschen haben Probleme mit Rückenschmerzen. Warum das so ist und was man dagegen tun kann, verrät Kinderorthopädin Prof. Sandra Utzschneider.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. Aktuell widmen wir uns dem Thema „Gesund heranwachsen“. Rückenschmerzen spielen inzwischen auch immer öfter bei Kindern eine Rolle. Woran das liegt, wann besondere Vorsicht geboten ist und in welchem Fall ein Arztbesuch nötig ist, erklärt die Kinderorthopädin Prof. Sandra Utzschneider.

„Sitz gerade!“ – das hat wohl jeder schon einmal gehört. Tatsächlich fällt das Geradesitzen immer mehr Kindern schwer: Der KiGGs-Studie des Robert-­Koch-Instituts zufolge klagen 28 Prozent der elf- bis 17-jährigen Mädchen und 20 Prozent der gleichaltrigen Jungen über regelmäßige Rückenschmerzen.

„Das ist auf einen zunehmenden Bewegungsmangel zurückzuführen“, sagt die Münchner Kinderorthopädin Sandra Utzschneider. „Der Medienkonsum spielt dabei eine große Rolle, aber auch, dass mehr Kinder in Ganztagsschulen gehen.“

Münchner Kinderorthopädin Sandra Utzschneider.

Das fehlende Toben und stundenlange Lümmeln vorm Computer oder Handy führt zu Verspannungen im Nacken und unteren Rücken sowie langfristig zu Schmerzen. „Spätestens im Erwachsenenalter“, warnt Utzschneider. „Mit einer Steilstellung im Lenden- oder Halswirbelbereich schafft man sich Probleme fürs Leben.

Das ist oft ein Grund dafür, warum fitte Menschen mit Anfang 30 auf einmal einen Bandscheibenvorfall bekommen.“ Die erschreckende Beobachtung der Kinder­orthopädin: „Die betroffenen Kinder werden immer jünger. Früher tauchten Probleme meist erst im Jugendalter auf.“ Inzwischen kämen auch immer öfter Grundschulkinder mit Schmerzen zu ihr.

Besondere Aufmerksamkeit sei bei Wachstums­schüben wichtig, so die Expertin. „In solchen Phasen ist die Gefahr am größten, dass das Kind Symptome ausbildet.“

Mehr Bewegungen für einen gesunden Rücken

Ein Besuch beim Kinderorthopäden sollte spätestens dann angedacht werden, wenn ein Kind mehrere Wochen lang über Rückenschmerzen klagt. „Dann klären wir ab, ob eine wirkliche Erkrankung oder nur ein schwacher Rücken vorliegt.“

Ein solcher ist zwar zum Teil auch genetisch bedingt – so fällt es Menschen, mit sehr weichem Bindegewebe schwerer, sich länger aufrecht zu halten.

Der Schlüssel für einen dauerhaft gesunden Rücken ist für Utzschneider aber die Bewegung. Dabei gehe es nicht um einen speziellen Sport, es reiche auch Toben am Spielplatz. „Hauptsache man trainiert die Muskeln und bewegt auch mal die Arme.“ Eltern sollten dabei mit gutem Beispiel vorangehen und täglich mindestens eine Stunde rausgehen.

Darauf ist beim Schulranzen zu achten

Auf was beim Kauf eines Schulranzen zu achten ist, erklärt Kinder­orthopädin Sandra Utzschneider.

„Ein gesunder Rücken wird nicht krank, nur weil er einen schlechten Ranzen trägt“, sagt Kinder­orthopädin Sandra Utzschneider. Dennoch kann die richtige Wahl die Rückengesundheit fördern. Das ist zu beachten:

• Sitz: Weil jedes Kind einen anderen Rücken hat, sollte der Schulranzen gemeinsam ausgesucht werden – und zwar nicht nur nach Optik. „Er muss für das Kind bequem sein und sollte nicht zu tief sitzen.“ Nach einem Wachstumsschub ist ein Wechsel des Rucksacks empfehlenswert.

• Ausstattung: Möglichst breite, gepolsterte Träger und Brust- oder Bauchgurte helfen, die Last zu verteilen. „Sonst zieht diese die Kinder nach hinten.“

• Gewicht: Ein gepackter Rucksack sollte nicht mehr als zehn Prozent des Körpergewichts ausmachen. Leer ist ein Gewicht von maximal 1500 Gramm ratsam.

• Richtig packen: „Alles, was schwer ist, sollte nah am Rücken getragen werden.“

• Umhänge- und Rolltaschen sind wegen der einseitigen Belastung eher kontraproduktiv.

rea

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