200 Jahre städtische Friedhöfe: Der Waldfriedhof Gräfelfing

Wo Mord sich jährt...

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Was auf dem Waldfriedhof Gräfelfing so scheinbar friedlich in der Sonne schimmert, erzählt eine mörderische Geschichte.

Gräfelfing – Auf den ersten Blick mag dieser Ort aussehen wie ein regulärer Friedhof. Doch hier liegen Zeugen der schauderhaftesten Geschichten aus München begraben...

Jubiläum „200 Jahre städtische Friedhöfe“: In der Hallo-Serie stellen wir Gesichter, Anekdoten und Besonderheiten der bekanntesten Münchner Gottesäcker vor. Heute: der Gräfelfinger Waldriedhof.

Zum Jubiläum hat die Gemeinde das Holzkreuz der 53 Russen restauriert.

Gold leuchten die lateinischen und kyrillischen Schriftzeichen auf dunklem Holz. Doch was auf dem Waldfriedhof Gräfelfing so scheinbar friedlich in der Sonne schimmert, erzählt eine mörderische Geschichte – die sich Anfang Mai zum 100. Mal jährt. In den Revolutionswirren von 1919 wurden in der Kiesgrube nebenan 53 russische Kriegsgefangene von Regierungstruppen erschossen.

Heimatforscher Dietrich Grund (77) aus Taufkirchen.

„Der Fall ist deswegen markant, weil es sich dabei um den größten Mordkomplex dieser Zeit in München handelt“, sagt Heimatforscher Dietrich Grund. Der 77-jährige Taufkirchner recherchiert seit zehn Jahren zum „Mord in Gräfelfing“. Am Dienstag, 9. April, wird er darüber im Rahmen der Revolutionswerkstatt referieren.

Was ihm dann besonders wichtig ist: „Klarzumachen, dass es ein großes Unrecht war.“ Seinen Recherchen zufolge waren die Russen bei ihrer Festnahme in Pasing unbewaffnet, das Feldgericht in Gräfelfing lief ohne Verteidiger und echte Anhörung ab. Dokumentiert wurde das von den Militärs selbst. „Ein vergleichbares Dokument habe ich bei meinen Recherchen zu ähnlichen Feldgerichten nie entdeckt“, so Grund.

Vom Unrecht würden aber weder das Grabmal neben der alten Aussegnungshalle, noch die 2014 aufgestellte Stele vor dem Friedhofs­eingang zeugen. „Die Gemeinde traut sich nicht, von einem Verbrechen zu sprechen. Da steht etwas von unglücklichen Umständen“, ärgert sich Grund.

Auch ein koreanisches Grab gibt es auf dem Friedhof. Hier liegt Mirok Li begraben.

Immerhin: Dass es das 1921 aufgestellte Grabmal überhaupt gibt, ist Glück. „Hitler kam 1936 zur Bestattung seines Chauffeurs Julius Schreck, der in der heutigen Ruffiniallee lebte. Da musste das Russengrab natürlich weg“, erzählt die ehemalige Gemeindearchivarin Friederike Tschochner. Erst 1945 wurde es wieder aufgestellt – während das Grabmal Schrecks zu einer Pieta für die im Krieg Gefallenen umgearbeitet wurde.

Zum Jubiläum hat die Gemeinde das Holzkreuz der 53 Russen restauriert. Ob es auch eine Gedenkfeier geben wird, ist derzeit noch unklar.

Romy Ebert-Adeikis

Der Vortrag „Mord in Gräfelfing“ ist am Dienstag, 9. April, ab 19 Uhr in der Kulturschmiede Sendling.

Riemerschmids Waldfriedhof für das Land

Der Waldfriedhof der Gemeinde Gräfelfing umfasst eine Fläche von circa fünf Hektar und beherbergt rund 3500 Gräber. Er wurde 1913 gegründet.

„Was München hatte, wollte natürlich auch Gräfelfing: einen Waldfriedhof“, sagt die frühere Gemeindearchivarin Friederike Tschochner. Für die Gestaltung konnte Gräfelfing 1913 den Direktor der Münchner Kunstgewerbeschule, Richard Riemerschmid, gewinnen, der sich 1957 auf „seinem“ Friedhof auch beerdigen ließ.

Sein von Efeu umranktes Grab spiegelt das Prinzip des Friedhofs wider: „Die Toten kehren in den Schoß der Natur zurück“, so Tschochner. Zudem ist für jedes Karree eine andere Gestaltung vorgesehen: Am Mittelgang gibt es liegende Grabsteine, außen stehende. Verwirklicht ist das besonders im alten, denkmalgeschützten Teil des Friedhofs, der 1940 und 1949 erweitert wurde.

Im neuen Teil sind etwa Schauspieler Horst Tappert und „Winnetou“ Pierre Brice beerdigt.

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