200 Jahre städtische Friedhöfe: Der Südfriedhof in der Isarvorstadt

Von Studenten-Spuk und Spielsucht

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Der alte Südliche Friedhof liegt im Stadtviertel Isarvorstadt. Er wurde 1563 und umfasst eine Fläche von 10 Hektar. Insgesamt finden sich auf dem Areal rund 18.000 Gräber.

Isarvorstadt – Als ehemaliger Pestfriedhof wurde er im 16. Jahrhundert gegründet – Heute wird dort niemand mehr beerdigt – Dafür könnte es sich beim Südfriedhof beinahe um ein Freilichtmuseum handeln

Jubiläum „200 Jahre städtische Friedhöfe“: In der Hallo-Serie stellen wir Gesichter, Anekdoten und Besonderheiten der bekanntesten Münchner Gottesäcker vor. Heute: der Südfriedhof.

Wäre er nicht eine pietätvolle Ruhestätte, er wäre Münchens schönstes Freilichtmuseum: Der Alte Südliche Friedhof, einige Schritte vom Sendlinger Tor entfernt. 

Es heißt, ihre Seelen spuken auf dem Alten Südlichen Friedhof: Dieses Grabmal erinnert an den Feuertod der Münchner Kunststudenten 1881 in der nahen Hans-Sachs-Straße.

Der ehemalige Pestfriedhof aus dem 16. Jahrhundert wurde bereits 1850 in Reiseführern als Touristenziel erwähnt. Viele berühmte Münchner liegen hier am Fuße der kleinen Stefanskirche begraben, die künstlerische Schönheit ihrer Grabstätten lockt auch heute Reisende und Anwohner an. Deswegen plant die städtische Friedhofsverwaltung dort auch ein Info-Zentrum (Hallo berichtete).

Historisch Bedeutendes gibt es genug zu erzählen, aber auch skandalöse und schaurige Geschichten...

Die Münchner Kunsthistorikerin und Südfriedhof-Spezialistin Dr. Claudia Denk (links) ist mit den mysteriösen Geschichten um den Friedhof vertraut. Zusammen mit ihrem Kollegen John Ziesemer (rechts), hat sie diese in einem Buch veröffentlicht.

Die bekannteste ist wohl die vom tödlichen Faschingsfest von neun Kunststudenten, die am 18. Februar 1881 bei einem Kostümball im nahegelegenen Vergnügungspalast „Kolosseum“ in der Hans-Sachs-Straße feierten – und zu Tode kamen. 

Die Studenten hatten arktische Kulissen, ein Iglu, aufgebaut. Gegen Mitternacht kam es zum Unglück: Ein als Eskimo verkleideter Student grillte über offenem Feuer, die Watte seines Kostüms entzündete sich und der junge Mann stand in Flammen. Auch die herbeieilenden Helfer gerieten in Brand und während nebenan laut gefeiert wurde, kämpften mehr als ein Dutzend Menschen um ihr Leben. Neun von ihnen erlagen ihren Verletzungen. 

Diese Faschingsnacht 1881 ist bis heute als „Eskimotragödie“ überliefert – ihre Schreie sollen bis heute noch nachts zu hören sein. Die Ruhestätte der Studenten im alten Friedhofsteil, parallel zur Pestalozzistraße, erinnert an den qualvollen Tod.

Die Münchner Kunsthistorikerin und Südfriedhof-Spezialistin Dr. Claudia Denk kennt eine weitere spannende Begebenheit, die sich am Alten Südfriedhof abspielte: Die Witwe des Händlers Georg Lorenz verkaufte 1903 das damals dort begehrte Grab ihres Mannes – um ihre Spielschulden zu begleichen. Ihren Mann ließ sie indessen heimlich auf dem Armenfriedhof verscharren. 

Die Grabstätte der Familie von Klenze.

Autor Josef Ruederer griff dies 1909 in seiner Novelle „Das Grab des Herrn Schefbeck“ in abgewandelter Form auf. „Die Geschichte ist wunderbar und immer noch viel zu unbekannt“, betont Denk.

Das denkmal- und naturgeschützte Areal umfasst den nördlichen Teil des Friedhofs, der der Form eines Sarkophags nachempfunden ist und den südlichen, älteren Teil, in dem man unter Arkaden wandelt. Beerdigt wird hier lange nicht mehr: 1944 wurden Bestattungen eingestellt.

Marie-Julia Hlawica

König Ludwig I. plante den Friedhof mit

Im Auftrag von König Ludwig I. gestaltete Architekt Friedrich von Gärtner 1842 den ehemaligen Pestfriedhof weiter.

Im Auftrag von König Ludwig I. gestaltete Architekt Friedrich von Gärtner 1842 den ehemaligen Pestfriedhof weiter. Er ist heute einer der wichtigsten Friedhöfe Europas. Historikerin Denk hat die Grabmäler untersucht, die Ergebnisse mit Kollege John Ziesemer im Buch „Kunst und Memoria“ veröffentlicht: „Der Friedhof ist eine Kostbarkeit. Als Ort der Kunst und der Bestattungskultur im Sinne Ludwigs I. ist er einzigartig.“ 

Die Gräber des Alten Südfriedhof spiegeln Münchens Aufstieg im vorletzten Jahrhundert wider. Bekannte Bürger und deren Familien wie Joseph von Fraunhofer, Leo von Klenze, Ludwig Schwanthaler, Justus Liebig, Franz Xaver Gabelsberger oder Friedrich von Gärtner selbst fanden hier ihre Ruhestätte.

Informations-Zentrum

Seit 2009 wird diskutiert, ob der Friedhof ein Mini-Museum bekommt. Dieses Jahr soll die Entscheidung fallen. „Wir befinden uns derzeit in der stadtweiten Abstimmung“, so die Chefin der Friedhofsverwaltung, Kriemhild Pöllath-Schwarz.

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