Gesundheit: Bernd Strohschein, Leiter der Münchner Tinnitus-­Selbsthilfegruppe

Tinnitus: Achtung vor Behandlungs-Trends wie Botox!

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Bernd Strohschein, Leiter der Münchner Tinnitus-Selbsthilfegruppe, gibt Betroffenen Tipps mit der Krankheit umzugehen.

Phänomene, bei denen der Körper den Menschen austrickst: Der Tinnitus. Betroffene sind verzweifelt und Angehörige oft verständnislos. Hallo klärt auf.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. In der aktuellen Serie beleuchten wir Phänomene, bei denen der Körper den Menschen austrickst – wie beim Tinnitus. Wie es sich mit dem Leiden lebt und warum immer mehr betroffen sind, erklärt Bernd Strohschein, Leiter der Münchner Tinnitus-­Selbsthilfegruppe.

Bernd Strohschein: Konzentration ist essentiell 

Wenn Bernd Strohschein nachts aufwacht, ist es oft besonders schlimm. Statt nächtlicher Ruhe hört der 64-Jährige einen lauten, hohen Ton: seinen Tinnitus. „Zum Glück weiß ich inzwischen, wie ich mich am besten ablenken kann“, sagt der Waldperlacher.

Sein Rezept: Kopfhörer und Musik. „Dann konzentriere ich mich ganz bewusst auf irgendein Begleitinstrument. Und am nächsten Morgen wache ich oft mit den Kopfhörern wieder auf.“ Nach gut 35 Jahren mit dem Leiden weiß Strohschein inzwischen genau, wie er sich austricksen kann.

Bernd Strohschein: Der Tinnitus ist jetzt seine Aufgabe für die Rente

So gut, dass er es sich in seinem Ruhestand zur Aufgabe gemacht hat, über das Phänomen aufzuklären. Seither leitet er die Tinnitus-Selbsthilfegruppe München, hält Vorträge zu dem Thema und steht als ehrenamtlicher Berater der Deutschen Tinnitusliga zur Verfügung.

Jedes Jahr kommen in Deutschland circa 280 000 Fälle von chronischem Tinnitus hinzu – das entspricht einem Blubbern, Rauschen oder Pfeifen im Ohr, das länger als drei Monate anhält. „Als es bei mir vor gut 35 Jahren losging, bin ich von Arzt zu Arzt gerannt und habe alles ausprobiert, was mir helfen sollte“, erzählt der 64-Jährige. Aber der Dauerton in seinen beiden Ohren blieb, wurde immer schlimmer.

Tinnitus - Es gibt 400 verschiedene Auslöser

Erst vor wenigen Jahren konnten die Ärzte dem Münchner erklären, was der Grund dafür ist. „Ich habe eine Schwerhörigkeit bei einer Frequenz von 8000 Hertz. Weil das Ohr diese Frequenz nicht mehr richtig wahrnimmt, schafft mein Gehirn einen Ersatzton in genau dieser Höhe.“

Doch das ist nur einer – wenn auch häufiger – von rund 400 verschiedenen Auslösern für Tinnitus. „Was immer öfter ein Auslöser ist, ist Stress“, so Strohschein. Dadurch kann das limbische System gestört werden, welches unter anderem für die Rauschunterdrückung zuständig ist. „Diese Form betrifft immer mehr junge Menschen schon ab 35 Jahren.“ Das Problem: Reagiert man nicht frühzeitig mit Entschleunigung, ist die Gefahr groß, dass das Leiden chronisch wird.

Achtung vor Behandlungstrends wie Botox!

Zwar kann auch nach vielen Jahren ein Tinnitus plötzlich verschwinden – das ist aber äußerst selten, selbst nach einer stationären Therapie. „Man wird keine Klinik ohne Tinnitus verlassen. Im Idealfall geht er zurück“, sagt Strohschein und warnt vor Behandlungstrends wie Botox, Tinnitus-Apps oder Naturheilmitteln, die teilweise sogar von Krankenkassen übernommen werden. Denn statt zu helfen, können solche Methoden sogar noch mehr Schaden anrichten. „Die Gefahr ist groß, dass Betroffene in die Depression rutschen, weil ihnen Heilungsversprechen gemacht und sie dann immer wieder enttäuscht wurden.“

Der Tinnitus treibt manche in den Selbstmord

Der Tinnitus wird zum Lebensmittelpunkt, treibt manche in ihrer Verzweiflung sogar in den Selbstmord. Auch solche Fälle kennt der Tinnitus-Berater. „Stattdessen ist es wichtig, Instrumente an die Hand zu bekommen, wie man sich vom Tinnitus ablenken kann“, sagt Strohschein. Dafür sorgen kann eine kognitive Verhaltenstherapie bei einem Psychotherapeuten.

Bernd Strohschein hat seine Form der gezielten Ablenkung selbst gefunden: die Musik in seinen Kopfhörern. rea

Hilfe zur Selbsthilfe am Ostbahnhof

Zwischen 15 und 20 Personen treffen sich immer am letzten Dienstag im Monat am Ostbahnhof zur Tinnitus-Selbsthilfegruppe. Von 18 bis 20 Uhr tauschen sich Betroffene aus, Neuzugänge bekommen vorab ein Einzelgespräch mit einem der Leiter. Regelmäßig gibt es auch Fachvorträge. Mehr Infos unter www.tinnitus-selbsthilfe-muenchen.de.

Für Angehörige besonders schwer zu verarbeiten ist das Thema Krebs. Was Betroffenen und ihren Angehörigen helfen kann, die Krankheit psychisch zu bewältigen und welche Hilfen ihnen zustehen, erklärt die Psycho-Onkologin Sabine Helmerding bei Hallo.

Eine Blutverjüngung inklusive gibt es bei der Blutegeltherapie. Redakteurin Hanni Kinadeter hat die kleinen Tierchen beim Hallo-Selbstversuch getestet.

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