Gesundheit: Psycho-Onkologin Sabine Helmerding

Mehr als nur Patient sein

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Sabine Helmerding hat sich zur Psycho-Onkologin weitergebildet und betreut seitdem im Comedicum-Zentrum an der Landshuter Allee häufig Krebspatienten.

Aus der Reihe „Krebs“: Nach einer Krebsdiagnose erleidet jeder dritte Betroffene eine psychische Störung. Wie Psycho-Onkologen in solchen Fällen helfen können, lesen Sie hier.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. Derzeit dreht sich alles um Krebs. Was Betroffenen und ihren Angehörigen helfen kann, die Krankheit psychisch zu bewältigen und welche Hilfen ihnen zustehen, erklärt die Psycho-Onkologin Sabine Helmerding.

Wie ein Zug, der trotz voller Fahrt plötzlich auf einem unbekannten Nebengleis geparkt wird: So beschreibt Psychotherapeutin Sabine Helmerding den Moment, wenn Menschen die Diagnose Krebs bekommen. „Oft werden die Betroffenen und Angehörigen komplett aus ihrem Alltag gerissen“, weiß die Münchnerin, die sich zur Psycho-Onkologin weitergebildet hat und seitdem im Comedicum-Zentrum an der Landshuter Allee häufig Krebs­patienten betreut.

Dass die Psyche Auswirkungen auf die Lebensdauer oder Überlebens­chancen von Krebs­patienten hat, ist zwar nicht bewiesen. „Aber es gibt einen deutlichen Einfluss auf die Lebensqualität“, sagt Helmerding. Etwa ein Drittel aller Betroffenen entwickelt im Verlauf der Erkrankung eine psychische Störung. „Dabei kann es sich neben der akuten Belastungsreaktion nach Erhalt der Diagnose auch um eine länger anhaltende Depression, Angst- oder posttraumatische Belastungsstörung handeln“, so Helmerding. Studien zufolge sind besonders junge Menschen und solche, die schon früher psychisch erkrankt waren, gefährdet.

Für die Verarbeitung muss jeder seine eigene Methode entwickeln, sagt Helmerding. „Grundsätzlich gilt: Darüber zu reden ist besser, als Ängste in sich hineinzufressen. Aber man darf sich auch erlauben, zu steuern, wer wann wie viel erfahren soll.“

Psycho-Onkologen helfen den Krebspatienten in zweierlei Hinsicht: „Oberstes Ziel ist, die Belastung der Erkrankten und ihrer Angehörigen zu reduzieren, damit sie die Zeit der Therapie mit einem möglichst geringen Verlust an Lebensqualität erleben können“, erklärt Helmerding. Dabei geht es um persönliche Bewältigungsstrategien sowie die Kommunikation innerhalb der Familie oder mit dem Arzt. Aber auch um rein praktische Fragen wie den Anspruch auf einen Behindertengrad, auf Krankengeld oder die Möglichkeit einer Kosmetikberatung, um Auswirkungen der Chemotherapie zu kaschieren.

„Jeder Krebspatient hat Anspruch auf eine psychosoziale Beratung“, so Helmerding. In spezialisierten Tumorzentren gehört ein Screening der psychischen Belastung bereits zum vorgeschriebenen Standardprogramm und Psycho-Onkologen sind vor Ort anwesend. Andere Patienten können sich beim Netzwerk psychosozialer Onkologie München über Ansprechpartner und Beratungsstellen informieren. „Stellt sich heraus, dass tatsächlich psychotherapeutischer Unterstützungsbedarf besteht, wird dieser auch von den Krankenkassen finanziert.“

Romy Ebert-Adeikis

Vier Tipps zum Umgang mit schweren Erkrankungen wie Krebs

  1. Identitäts-Falle vermeiden:
    „Es ist ganz wichtig, dass die Krankheit das Leben nicht dominiert“, so Psycho-Onkologin Sabine Helmerding. Viele sehen sich nur noch als kranke Person, nicht mehr als Mutter, Ehemann oder Arbeiter. So kann es je nach Fall gut sein, weiter zu arbeiten oder seine Hobbys zu verfolgen. „Wenn ich immer gerne Sport gemacht habe, ist es wichtig, das aufrechtzuerhalten – wenn auch in einer an die Gesundheit angepassten Form.“
  2. Unterstützung holen:
    Vier Ohren hören mehr als zwei. Bei Arztgesprächen hilft es, Angehörige, Freunde oder einen Psycho-Onkologen mitzunehmen, um Missverständnisse zu vermeiden.
  3. Probleme angehen:
    Wer weiß, was ihn konkret sorgt, kann Probleme gezielt angehen. „Oft sind Betroffene vor Panik wie gelähmt. Hilfreich ist es, Ruhe zu bewahren und einen Schritt nach dem anderen zu gehen.“
  4. Rücksicht auf sich selbst:
    „Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen, entwickeln Sie Ihren Rhythmus“, rät Helmerding. Dazu gehört auch, Angehörigen klare Ansagen zu machen, wie viel Hilfe man will.

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