Gesundheit: Prof. Tobias Feuchtinger vom Kinderkrebszentrum

Eine Krankheit von Körper wie Seele

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Kinder spielen in der ambulanten Tagesklinik am Haunerschen Kinderklinikum. Pro Tag erhalten bis zu 40 kleine Patienten dort ihre Therapie.

Aus der Reihe „Krebs“: Es ist wohl das Horrorszenario aller Eltern – eine Krebsdiagnose bei ihrem Kind. Leukämie die häufigste Form. Die Hoffnung: 80 Prozent können geheilt werden.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. Derzeit dreht sich alles um Krebs – dieses Mal bei Kindern. Welche Unterschiede es zu erkrankten Erwachsenen gibt und was das für die Therapie bedeutet, erklärt Professor Tobias Feuchtinger vom Kinderkrebs­zentrum im Haunerschen Kinderspital.

Professor Tobias Feuchtinger vom Kinderkrebszentrum im Haunerschen Kinderspital.

Menschen, Möbel und Medizingeräte umschifft der knallorange Bagger im Doktor von Haunerschen Kinderspital. Unermüdlich fährt mit dem Tretwagen ein Mädchen den schmalen Gang des Zentrums für pädiatrische Hämatologie und Onkologie auf und ab. Ihr immer auf den Fersen: ihre Mutter, die einen Infusionswagen schiebt, dessen Schläuche nicht von dem Mädchen getrennt werden dürfen. So geht Spielen, wenn man Krebs hat.

„Für Kinder ist eine Krebstherapie eine enorme Belastung“, weiß Zentrumsleiter Professor Tobias Feuchtinger. Zur körperlichen Schwäche kommt die Isolation durch die vielen Einschränkungen. „Krebs ist nicht nur eine Krankheit des Körpers, sondern auch der Seele und des Sozialen.“ Im Kinderkrebszentrum sind darum auch Psychologen, Sozialpädagogen, Kunst- und Musiktherapeuten für die kleinen Patienten da. Auch für die Familien sei die Diagnose Krebs oft das Schlimmste, was sie sich vorstellen können. „Darum behandeln wir Eltern und Geschwister oft mit – etwa wenn Konflikte aufbrechen oder die Krankheit eine finanzielle Bedrohung für die Familie darstellt.“

Circa 110 neue Patienten aus ganz Oberbayern kommen pro Jahr ins Zentrum. Bayernweit erkranken im Schnitt jedes Jahr 280 Kinder unter 15 Jahren. „Oft treten die Erkrankungen in den Wachstums­phasen, also im Krabbler- und Pubertätsalter, auf“, sagt Feuchtinger. Denn anders als bei Erwachsenen liegt die Ursache selten in einer langen toxischen Belastung des Körpers, sondern in genetischen Veränderungen beim Zellwachstum.

Darum treten auch ganz andere Krebsarten auf als bei Erwachsenen. „Am häufigsten ist die Leukämie, gefolgt von Tumoren in Lymphknoten und Gehirn“, so der Oberarzt. Gemeinsam machen sie mehr als zwei Drittel aller Krebserkrankungen bei Kindern aus. Eine chirurgische Tumorentfernung ist selten möglich. Standardmäßig kommen hingegen Chemotherapie und Bestrahlung infrage. Und das durchaus in normalen Dosen. „Kinder haben starke Lebenskräfte. Sie erholen sich von einer Chemotherapie oft sehr viel schneller als Erwachsene“, so Feuchtinger.

Der Erfolg gibt den Medizinern recht: Etwa 80 Prozent der an Leukämie erkrankten Kinder werden geheilt, das heißt, sie bleiben langfristig gesund und haben eine normale Lebenserwartung. „Um 1950 sind noch alle Kinder mit Leukämie gestorben“, so Feuchtinger. Neue Therapien mit Antikörpern oder Medikamenten, die gezielt Tumorzellen angreifen, spielen im Kinderkrebszentrum noch eine untergeordnete Rolle. Sie werden nur angewandt, wenn die Standardtherapien nicht anschlagen. „Natürlich gibt niemand gern einem Kind eine Chemo. Aber es ist nunmal die Therapie, die in über 80 Prozent die Krankheit besiegt.“

Und die inzwischen nicht nur stationär möglich ist. Bis zu 40 Patienten betreut das Zentrum täglich in seiner ambulanten Tagesklinik. Abends dürfen die Kinder wieder im gewohnten Umfeld schlafen. „Die Nachfrage nimmt enorm zu“, so Feuchtinger. Für die Familien sei das oft eine große Entlastung.

Romy Ebert-Adeikis

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