200 Jahre städtische Friedhöfe: Der Friedhof Sendling

Das stille Fleckchen am Harras

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Klaus Huber führte 25 Jahre lang Interessierte über den Sendlinger Friedhof.

Sendling – Fällt der Name „Harras“, so denken die Meisten wohl ein ein geschäftiges, lautes Quartier der Stadt. Doch viele vergessen, dass es dort auch einen friedlichen Bereich gibt...

Jubiläum „200 Jahre städtische Friedhöfe“: In der Hallo-Serie stellen wir Gesichter, Anekdoten und Besonderheiten der bekanntesten Münchner Gottesäcker vor. Heute: der Friedhof Sendling.

Sobald man das kleine Tor an der Albert-Roßhaupter-Straße passiert, tritt das laute Brummen der Autos in den Hintergrund. Mitten am geschäftigen Harras kehrt auf rund zwei Hektar Friedhof Ruhe ein. Bestattet wurden hier einige der wichtigsten Grundbesitzer des Viertels.

Einige der ersten Sendlinger Friedhöfe wurden 1906 beim Kanalbau zufällig entdeckt: An der Plinganserstraße zwischen Steiner- und Heißstraße fand man ein Reihengrabfeld. „141 Gräber stammten schätzungsweise aus 600 bis 800 nach Christus. Sechs Stück sogar aus 2000 vor Christus“, erläutert Klaus Huber, der 25 Jahre lang Interessierte über den Friedhof führte.

1872 wurde der jetzige Sendlinger Friedhof errichtet – auf etwa einem Achtel der Fläche. Eingemeindet wurde das Viertel schließlich im Jahr 1877. Aus Platznot erweiterte die Stadt das Gelände bereits in den 1880er-Jahren in Richtung Süden. Doch das reichte nicht aus: „Jahrzehntelang konnte hier kaum jemand beerdigt werden, weil der Friedhof voll war. Jetzt gibt es aber langsam wieder Plätze.“

Der Friedhof im Stadtviertel Sendling wurde 1872 gegründet. Er umfasst eine Fläche von circa 2,1 Hektar und beherbergt 4169 Gräber.

Ihre letzte Ruhe fand auf dem Sendlinger Friedhof zum Beispiel die Familie Stemmer. Ein Nachfahre des Stemmerhofes verunglückte laut Huber tragisch: Bei einem Feuerwehrfest kam er unter die Räder eines Traktors. Aber auch Sendlinger Unternehmer ruhen am Harras: Die Familie Kaffler errichtete gegenüber der Margaretenkirche an der Ecke Plinganserstraße ein großes Hochhaus – „für Sendlinger Verhältnisse in den 1920er Jahren“, so der 78-Jährige Architekt.

Ein ganz besonderer Kleinstschreibkünstler ruht außerdem unter der Erde in Sendling: Valentin Kaufmann war Hausmeister im Schlacht- und Viehhof. Bei einer Stammtischwette sollte er eine Postkarte mit 70 000 Buchstaben füllen. Das wollte er übertreffen und schaffte es, 200 000 Buchstaben unterzubringen. Aus einer Wette wurde seine Passion: Insgesamt 30 Miniaturbücher schrieb Kaufmann. Für die kleinste Version von Schillers Das Lied von der Glocke habe der Hausmeister einen Weltrekord aufgestellt.

Fritz Endres war SPD-Politiker und wurde im Konzentrationslager Dachau gefangen gehalten. Beerdigt ist auch er auf dem Sendlinger Friedhof. Ein Erlebnis bleibt Huber besonders im Gedächtnis: „Bei einer Führung habe ich ein SPD-Mitglied auf das heruntergekommene Grab von ihm aufmerksam gemacht. Ein Jahr später stand dort ein neuer Grabstein.“ Huber schmunzelt.

Sophia Oberhuber

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