„Gesund in Serie“ - Berufskrankheiten

Wie die Musikerambulanz im Klinikum rechts der Isar Berufsmusikern mit Stimmlippenlähmung hilft

Valerie McCleary-Thornton beim Singen
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Heute kann Valerie McCleary-Thornton wieder singen. Sie hat eine Stimmlippenlähmung weitgehend überwunden.
  • Ursula Löschau
    vonUrsula Löschau
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In der Musikerambulanz im Klinikum rechts der Isar werden Musiker mit berufsbedingten Beschwerden behandelt - eine Stimmlippenlähmung kann für Sänger verheerend sein.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. Derzeit geht es um Berufskrankheiten – zum Beispiel darum, was passiert, wenn einer Sängerin die Stimme versagt. HNO-Fachärztin Dr. Simone Graf ist unter anderem für den Bereich Stimmheilkunde in der Musikerambulanz im Klinikum rechts der Isar zuständig und informiert über mögliche Ursachen und Behandlungschancen.

Für Valerie McCleary-Thornton ist ein Leben ohne Gesang nicht vorstellbar. Schon während ihrer Kindheit in Nordirland sang die heute 74-Jährige im Kirchenchor. Schnell war sie auch in der Münchner Musikerszene daheim, nachdem es sie Anfang der 80er-Jahre an die Isar verschlagen hatte. Unter anderem arbeitete sie lange mit Ecco Meineke und Werner Schmidbauer.

Schockdiagnose Stimmlippenparese - Musikerin stieß auf neue spezialisierte Ambulanz

Dann im Herbst 2015 der Schock: Diagnose „Stimmlippenlähmung.“

„Als ich dachte, ich kann nie mehr singen, war das für mich wie ein Todesurteil. Wenn man jahrzehntelang auf der Bühne steht und das dann nicht mehr kann, verliert man ein Stück seiner Seele“, sagt McCleary-Thornton rückblickend.

Ihr Glück: Nach monatelanger logopädischer Behandlung erfährt sie von der damals noch neuen Musikerambulanz im Klinikum rechts der Isar. Pro Jahr nutzen inzwischen circa 200 Patienten das interdisziplinäre Angebot.

HNO-Fachärztin Dr. Simone Graf ist in der Musikerambulanz unter Anderem für Stimmheilkunde zuständig.

Dr. Simone Graf ist für die Fachbereiche Hals-Nasen-Ohren- und Stimmheilkunde zuständig. In ihre Stimmsprechstunde kommen etwa 70 Prozent Berufssprecher und 30 Prozent Sänger mit unterschiedlichen Beschwerden, darunter auch Patienten mit einer sogenannten Stimmlippenparese.

Die Stimmlippen bestehen aus Muskeln und Schleimhaut. „Der Nerv, der sie steuert, kann verletzt werden. Dann spricht man von einer Lähmung“, erklärt Graf. „Das kann durch Viren, zum Beispiel durch eine banale Erkältung ausgelöst werden oder durch eine mechanische Schädigung.“ Häufigste Ursache: Operationen an der Schilddrüse. Bei Valerie McCleary-Thornton passierte es wohl bei einer Magenspiegelung. „Das ist sehr selten“, weiß die Expertin aus Erfahrung.

HNO-Ärztin: Kombination aus Augmentation und Logopädie wirkungsvoll

Geholfen hat der Sängerin eine sogenannte Augmentation. Dabei wird ein Medikament in die gelähmte Stimmlippe injiziert. „Sie wird aufgespritzt wie die Lippe im Mund“, erklärt Graf. So kann sie ihren Teil zur Stimmerzeugung wieder beitragen.

„In der Ambulanz kommt das ein- bis zweimal wöchentlich vor, in der Regel bei örtlicher Betäubung“, so die Ärztin. Noch häufiger sei die „konservative Behandlung“ mit Methoden der Logopädie oder, wie auch bei der 74-Jährigen, eine Kombination aus beidem.

Erfahrungsgemäß könne die Erkrankung damit zu 95 Prozent kompensiert werden.

Stimmlippenparese - Krankenkasse übernimmt Kosten für Behandlung

Für die Kosten kämen die Krankenkassen auf, sei es bei Profi- oder bei Amateurmusikern. Sollte es doch um die Frage gehen, ob zum Beispiel ein Sänger in seinem Beruf nicht mehr arbeiten kann, werden Gutachter hinzugezogen. Die Expertin sagt: „Bei Normalversicherten läuft die Prüfung wie bei jeder anderen Berufsgruppe.“

Ihr Rat, um Schädigungen zum Beispiel durch Überbelastung vorzubeugen: „Man sollte nicht mit Schmerzen singen oder arbeiten und frühzeitig einen Facharzt aufsuchen.“

Valerie McCleary-Thornton hat übrigens gut ein Jahr nach der Lähmung einen ersten Auftritt gewagt und wäre jetzt bereit für die Rückkehr auf die Bühne – sobald die Corona-Pandemie es zulässt.

Die Ambulanz für Musikermedizin im Klinikum rechts der Isar

Bewegungsstörungen, Schmerzen, Lampenfieber, Probleme mit der Stimme oder dem Gehör: Es gibt eine Reihe von Erkrankungen, die bei Musikern und Sängern häufiger auftreten und im Extremfall zur Berufs- oder Arbeitsunfähigkeit führen können. Rat und Hilfe gibt es in der Ambulanz für Musikermedizin des Universitätsklinikums rechts der Isar. Dort arbeitet ein Team verschiedener Experten aus Neurologie, Handchirurgie, Hals-Nasen-Ohren- und Stimmheilkunde sowie psychosomatischer Medizin zusammen und bietet Musikern ein spezialisiertes Präventions-, Diagnose- und Therapieangebot. Professionelle Musiker aus Orchestern, Opernhäusern und Musikhochschulen werden dort ebenso behandelt wie Studenten und Amateurmusiker. Laut HNO-Ärztin Dr. Simone Graf sind 75 Prozent der Hilfesuchenden Berufsmusiker. Nähere Informationen gibt’s unter www.mri.tum.de/musikermedizin.

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