Jährlich 400 kleine Patienten

Gesund heranwachsen (6): Kinderkopfweh nicht unterschätzen - Das sagt der Leiter der Münchner Kopfschmerzambulanz

Kind hält sich beide Arme an den Kopf wegen Kopfschmerzen
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Kopfschmerz und Migräne nehmen im Kindes- und Jugendalter zu. Hallo hat mit Prof. Dr. Heinen über die Ursachen gesprochen. (Symbolbild)
  • Marie-Julie Hlawica
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Immer häufiger haben bereits Kinder und Jugendliche Kopfschmerzen. Hallo hat mit dem Leiter der Kopfschmerzambulanz über Ursachen und vieles mehr gesprochen.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. Aktuell widmen wir uns dem Thema „Gesund heranwachsen“. Immer mehr Kinder klagen mittlerweile auch über regelmäßige Kopfschmerzen. Was die Ursachen dafür sind und warum die Corona-Pandemie bei manchen Kindern sogar eine Verbesserung bewirkt, erklärt der Leiter der Kopfschmerzambulanz für Kinder und Jugendliche, Professor Dr. Florian Heinen.

Chronisches Kopfweh bei Kindern kann bereits sehr früh auftreten: „Auch Dreijährige können Migräne-­Attacken haben. Sie äußern sich nur anders, als bei Erwachsenen: Kinder sind nicht fit, können nicht spielen, ihnen ist übel, sie haben oft mehr Bauch- als Kopfschmerzen.“

Ältere Kinder fühlen sich mit heftigsten Schmerzen ausgeknockt, können sich akut nicht mehr konzentrieren, brauchen Dunkelheit und suchen Schlaf.

„Es ist wichtig, diese Kinder mit ihrer Situation von Anfang an ernstzunehmen“, sagt Professor Dr. Florian Heinen (60) vom Münchner Integrierten Sozialpädiatrischen Zentrum (iSPZ). Er ist dort Leiter der Kopfschmerzambulanz für Kinder und Jugendliche.

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Ursachen sind häufig komplex

Einmal im Monat leichtes, kurzes Kopfweh mag unauffällig sein, so der Experte. Heftige Schmerzen zweimal pro Woche sind es nicht. „Beeinträchtigt und behindert Kopfschmerz aber den Alltag der Kinder, muss man dringend die Ursache finden und konsequent helfen.“

Circa 400 Patienten zwischen null und 18 Jahren werden jährlich von den Spezialisten im iSPZ, das an das Haunersche Kinderspital angegliedert ist, behandelt. Dort arbeiten Kinderneurologen, Psychologen, Physiotherapeuten und Sozialarbeiter, es gibt Austausch mit anderen fachärztlichen Abteilungen, etwa der Orthopädie oder Genetik.

„In persönlichen Gesprächen und per Fragebogen erfassen wir die familiäre- und häusliche Situation, klären ab, ob innere oder äußere – etwa schulische – Faktoren den Kopfschmerz begünstigen, ob situativer Stress oder familiäre Veranlagung vorhanden sind.“

Denn die Ursachen sind komplex. „Etwa 40 Gene gelten heute als Migräne-beteiligt, aber noch wissen wir nicht zuverlässig, wie sie sich untereinander beeinflussen“, sagt Heinen.

Behandlung von Kopfschmerzen unbedingt mit Arzt absprechen

Der Experte rät in jedem Fall, Kopfweh schnell zu behandeln. Das kann mit klassischen Hausmitteln wie Entspannungsmethoden oder ätherischen Ölen, aber auch bewährten Arzneimitteln geschehen.

„Die richtige Behandlung und Medikamentation muss unbedingt mit dem Arzt besprochen und maßgeschneidert werden. Manche Kinder reagieren besser auf Ibuprofen, manche auf Paracetamol. Bei Aspirin wissen wir, dass es erst ab zwölf Jahren eingesetzt werden darf.“

Warum die Corona-Pandemie bei manchen Kindern sogar eine Verbesserung bewirkt

Fakt ist: Kopfschmerz und Migräne nehmen im Kindes- und Jugendalter zu. Das sei zwar keine neue Dramatik, zeige aber über die vergangenen Jahrzehnte, „dass wir das Phänomen Kopfschmerz wirklich in all seinen Facetten ernst nehmen müssen“, so der Kinder-Neurologe.

So spielen bei einigen Kindern falsche Ernährung, zu wenig Flüssigkeit, Schlaf- und Bewegungsmangel eine Rolle. „Da dann einen 15-Jährigen zu überzeugen, drei Mal die Woche Ausdauersport zu machen, ist nicht einfach. Wir achten darauf, dass die Empfehlungen und Therapien leb- und umsetzbar sind und nicht zu zusätzlichen Konflikten oder zu Erfolgsdruck führen.“

Immerhin: Wegen der Corona-­Pandemie ist Schlafmangel-­bedingter Kopfschmerz bei Kindern auffällig zurückgegangen. „Schulkinder sind heute managermäßig zeitgetaktet. Durch Homeschooling hat sich ihr Schlafrhythmus reguliert, konnte individueller werden. Viele Kinder, die deshalb Schmerzen hatten, schlafen jetzt erstmals ausreichend – und ihr Kopfweh ist weg.“

Kopfschmerzen bei Kindern: Woran aktuell geforscht wird

„Kinderkopfschmerz beschäftigt die Forschung verstärkt, aber immer noch viel zu wenig“, sagt Professor Florian Heinen: Neue Erkenntnisse gibt es zu Babys mit sogenannten Dreimonatskoliken. „Die Irritation könnte auch im vegetativen Nervensystem liegen. Erste Hinweise gehen dahin, dass diese Kinder schreien, weil sie sich unwohl fühlen, so etwas wie Baby-Kopfschmerz haben.“

Eine aktuelle wissenschaftliche Studie vom iSPZ für ganz Deutschland kümmert sich derzeit um Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren (www.moma-migraine.de).

mjh

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