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Innovationen der Medizintechnik (8): Besondere OP verbessert Präzision von Prostatakrebs-Eingriffen

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Von: Marie-Julie Hlawica

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Professor Dr. Jürgen Gschwend zeigt eine Abbildung der männliche Vorsteherdrüse.
Professor Dr. Jürgen Gschwend zeigt eine Abbildung der männliche Vorsteherdrüse. © Marie-Julie Hlawica

Prostatakrebs ist eine der häufigsten Krankheiten bei Männern fortgeschrittenen Alters. Am Klinikum rechts der Isar, werden die Tumore speziell behandelt, wie der Leiter der Urologie hier erklärt...

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. In unserer aktuellen Serie blicken wir auf besonders innovative Medizintechnik, die in München eingesetzt wird.

Mit der Radio-Guided-Surgery identifiziert das Klinikum rechts der Isar etwa kleinste Tumorreste in der Prostata. Wie es funktioniert, erklärt Urologie-Leiter Professor Dr. Jürgen Gschwend.

Keine Tumorreste mehr nach Prostatakrebs durch Radio-Guided-Surgery - Behandlungsmethode ermöglicht sehr hohe Lebensqualität

Prostatakrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Männern. Fast jeder Zehnte – häufig um das 65. Lebensjahr   – ist betroffen. Bei der Behandlung der männlichen Vorsteherdrüse setzen Professor Dr. Jürgen Gschwend, Leiter der Urologie am Klinikum rechts der Isar, und sein Team gemeinsam mit der Klinik für Nuklearmedizin eine innovative Methode ein: die „strahlenbegleitende OP“ (Radio-Guided-Surgery).

Damit können selbst kleinste Tumore lokalisiert und effektiv entfernt werden, zum Beispiel wenn nach einer Operation Tumorreste oder sogenannte Krebs-„Rezidive“ im Körper vermutet werden.

„Die neue Präzisionsmethode spürt gezielt Tumorrezidive auf. Wir sehen die exakte Lage und Größe und können so, durch die komplette Entfernung eines Rezidivs, die ‚Krebs-Uhr‘ vieler Patienten sozusagen wieder auf Null stellen und ihnen damit eine sehr hohe Lebensqualität sichern“, erklärt der Facharzt.

Wissenschaftliche Auswertungen der Arbeitsgruppe zeigen, dass die Patienten im Mittel 24 Monate nach der Radio-Guided-Surgery keine weiterführende Therapie benötigen.

So funktioniert die Radio-Guided-Surgery und wer kommt für diese Behandlung in Frage

Für den Eingriff mit der Methode wird der Patient einen Tag vorher vorbereitet. „Durch einen speziellen radioaktiven Marker, den die Nuklearmedizin intravenös verabreicht, reichern sich strahlende Moleküle in den vom Krebs betroffenen Regionen, speziell befallenen Lymphknoten, an.

Mit radioaktiven Markern macht sein Team kleinste Tumore erkennbar.
Mit radioaktiven Markern macht sein Team kleinste Tumore erkennbar. © Marie-Julie Hlawica

Vom Nuklearmediziner werden sie mit der speziellen PET/CT-Bildgebung als deutlich radioaktiv leuchtende Punkte identifiziert, und können dann effektiv sowie punktgenau vom Chirurgen mit einer speziellen Sonde identifiziert und operativ entfernt werden.“ So können verborgene, teils nur drei bis vier Millimeter kleine Rezidive, die mit üblichen Methoden nicht auffallen, verlässlich sichtbar gemacht werden.

Nicht alle Patienten mit einem Tumor-Rezidiv kommen aber dafür in Frage. Gschwend: „Patienten, die bereits wegen Prostatakrebs operiert wurden, werden engmaschig beobachtet. Steigt der sogenannte PSA-Wert im Blut, der für uns Ärzte ein wichtiger Tumor-Marker ist, wieder an, handeln wir schnell und ganz individuell.“

Neben einer Bestrahlung oder medikamentösen Behandlung kommt als Option eben die Operation mit der schwach radioaktiven Markierung in Frage. Die Sorge vor der Strahlenbelastung sei dabei unbegründet, so der Experte: „Die Strahlendosis entspricht etwa einer normalen Computertomographie.“

Methode wird 50 bis 70 Mal im Jahr durchgeführt - schnelle Rückkehr ins normale Leben fast garantiert

Mit Professor Gschwend führen derzeit fünf Urologie-Spezialisten die Radio-Guided-Surgery im Klinikum rechts der Isar durch. Die Zahl der OP-begleiteten Experten liegt bei mehr als zehn Personen. „Dazu zählen neben dem Team der Urologen etwa ein Nuklearmediziner, ein Radiologe, ein Strahlenexperte und weitere Fachrichtungen“, erklärt Gschwend.

Was der Urologe bedauert: Die Krankenkassen übernehmen die zusätzlichen Kosten – circa 1000 Euro – bislang nicht. Trotzdem kommt die Methode im Klinikum rechts der Isar 50 bis 70 Mal im Jahr mit Erfolg zum Einsatz. „Meist verlässt der Patient schon nach fünf Tagen wieder das Krankenhaus, kann sehr früh wieder in seinen gewohnten Alltag zurückkehren, arbeiten gehen oder sportlich aktiv sein.“

Gschwend richtet Appell an Männer zur Vorsorge - Erkrankung muss keine gravierenden Auswirkungen auf das Leben haben

Internationale Studien zeigen, dass Prostatakrebs in asiatischen Ländern wie Vietnam oder Japan viel seltener vorkommt. „Gesunde Ernährung, weniger fettes Fleisch, überhaupt weniger tierische Fette, mehr Gemüse und Salat sind wohl wichtige Gründe dafür“, so Gschwend.

Auch wenn der Großteil seiner Patienten älter ist, appelliert er an alle Männer ab 45 Jahren, den Arztbesuch beim Urologen nicht aus falsch verstandenem Stolz zu verzögern: „Frauen gehen üblicherweise regelmäßig zum Gynäkologen. Bei Männern ist der Gang zum Urologen nicht selbstverständlich.“ Auch wenn die gesetzlichen Kassen die Vorsorgeuntersuchung zu Prostatakrebs mittels des PSA-Wertes noch nicht übernimmt, sei die Leistung mit rund 25 Euro beim niedergelassenen Urologen erschwinglich: „Nehmen Sie sich wichtig genug für Vorsorge und Gesundheit, nicht erst, wenn Sie Beschwerden haben.“

In einem weiteren heiklen Punkt kann Professor Gschwend die Ängste nehmen: „Trotz Prostatakrebs-Erkrankung kann ein Mann heute oftmals ein völlig normales Leben führen und auch die Sexualität bleibt oft erhalten.“

Studienzentrum

Die Urologie am Klinikum rechts der Isar nimmt aktuell als eines von vier Studienzentren an der weltweit größten, nationalen Früherkennungsstudie zu Prostatakrebs teil. Bei der PROBASE-Studie werden über 40 000 männlichen Probanden im Alter von 45 bis 50 Jahren untersucht.

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