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Innovationen der Medizintechnik (9): Paracelsus-Klinik Bogenhausen weltweit erste Klinik mit „Carlo“

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Von: Romy Ebert-Adeikis

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Derzeit ist ein Laserschnitt mit „Carlo“ nur für Eingriffe am Oberkiefer zugelassen. Das soll sich aber bald ändern.
Derzeit ist ein Laserschnitt mit „Carlo“ nur für Eingriffe am Oberkiefer zugelassen. Das soll sich aber bald ändern. © Michael Kuhlmann

Um Oberkiefer-Operationen künftig besser durchführen zu können, hat ein Team um Prof. Dr. Philipp Jürgens „Carlo“ entwickelt. Wer „Carlo“ ist und wie er helfen kann...

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. In unserer aktuellen Serie blicken wir auf besonders innovative Medizintechnik, die in München eingesetzt wird. Wie das Laser-Roboter-System „Carlo“, mit dem in Bogenhausen Kiefer-Fehlstellungen behandelt werden. Warum die Idee zunächst eine Utopie war, welche Vorteile es gibt, erklärt Mitentwickler Professor Dr. Philipp Jürgens.

Innovation der Medizintechnik: „Carlo“ hilft bei Operationen im Oberkiefer

„Dass Menschen Knochen bearbeiten, ist so alt wie die Menschheit selbst“, sagt Professor Dr. Philipp Jürgens, Leiter der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie an der Paracelsus-Klinik in Bogenhausen. Während man in der Steinzeit mit Faustkeilen Werkzeuge schnitzte oder mutmaßlich Besessenen den Schädel öffnete, sind es heute Bohrer und Sägen, die bei medizinischen Behandlungen zum Einsatz kommen.

Prof. Dr. Philipp Jürgens ist Mitentwickler von „Carlo“.
Prof. Dr. Philipp Jürgens ist Mitentwickler von „Carlo“. © Valentin Pellio

„Das Prinzip ist dabei gleich geblieben: Man nimmt ein Material, das härter ist als der Knochen selbst und wirkt damit mechanisch auf ihn ein, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen.“ In der Paracelsus-Klinik hat sich dieses Paradigma nun verändert: Seit Mai kommt hier mit „Carlo“ bei der Kieferchirurgie ein Laser zum Einsatz. Dieser sitzt auf einem flexiblen Roboterarm. An der Entwicklung hat Jürgens maßgeblich mitgewirkt.

Der Laser „Carlo“ ist an einem flexiblen Roboterarm angebracht.
Der Laser „Carlo“ ist an einem flexiblen Roboterarm angebracht. © Michael Kuhlmann

Seit dem Sommer hat der Chirurgie-Experte schon bei knapp 50 Patienten mit dem Lasersystem Kiefer-Fehlstellungen operiert. Zugelassen ist „Carlo“ bisher nur für Operationen am Oberkiefer. „Wir gehen aber davon aus, dass wir Mitte 2022 auch eine Zulassung für den Unterkiefer bekommen“, sagt Jürgens, der auch eine Praxis im Arabellapark führt.

Operationen im Oberkiefer mit „Carlo“: Diese Vorteile hat die neue Methode

Der Knochenschnitt mit dem Laser hat dabei mehrere Vorteile. So habe sich gezeigt, dass die Heilung vier bis fünf Tage schneller erfolgt als bei bisherigen Methoden. Der Grund: Durch Sägen oder Bohren erhitzt der Knochen drei bis vier Millimeter rund um den Schnitt auf bis zu 70 Grad Celsius und macht die Zellen dort kaputt. „Mit dem Laser bleibt der Knochen bis zur Schnittfläche vital und auf dieser selbst bleibt kein Sägemehl oder Ähnliches hängen.“

Gleichzeitig erweitert das System die chirurgischen Möglichkeiten. „Mit den bisherigen Instrumenten konnte man nur Löcher oder gerade, maximal leicht gekurvte Schnitte setzen“, erklärt der Chirurg. Der Laser ermöglicht mit seiner Präzision ganz andere Schnittmuster. Das habe beim Zusammenwachsen den Vorteil, dass der Knochen sich zum Teil selbst halten kann, sagt Jürgens.

Laser-System inzwischen auch weltweit gefragt - Einsätze bisher nur in Europa

Die Planungen für den Laserschnitt werden von ihm selbst anhand von CT-Scans erstellt. Nach dessen Vorgaben führt „Carlo“ den Schnitt dann weitestgehend automatisiert durch. Der Patient muss dafür nur so platziert werden, dass er sich mit der Vorlage deckt. Bewegt er sich, stoppt das System automatisch. Ein Schnitt an der falschen Stelle oder Unfälle, wie das Abrutschen der Knochensäge, werden dadurch verhindert.

Im Klinikalltag wurde „Carlo“ zuerst in Bogenhausen eingesetzt. Inzwischen verwenden das System auch Häuser in Basel und dem französischen Amiens. „Die Nachfrage ist groß“, weiß Jürgens. Selbst Ärzte aus Brasilien haben sich bei ihm bereits nach dem Gerät erkundigt.

Von der Utopie zur Klinik-Realität

Schon in den 70er-Jahren hatten Wissenschaftler an der Behandlung von Knochen mittels Lasern geforscht. Damals dauerten die einzelnen Laserstrahlen aber noch viel länger, „sodass der Knochen quasi verkohlt ist und nicht mehr heilen konnte“, erklärt Experte Professor Dr. Philipp Jürgens.

Mit modernen Lasern ist das anders. Seit Ende der 90er-Jahre haben Teams in München und der Schweiz – darunter auch Jürgens – die Möglichkeiten einer sogenannten „kalten Laserablation“ erforscht, die den Knochen nur für den Bruchteil einer Sekunde und punktuell erhitzt. „2010 waren wir dann an dem Punkt, dass wir wussten, es geht. Aber für alle notwendigen Geräte war zu wenig Platz in den OP-Sälen“, erinnert sich Jürgens.

Am Ende half der Zufall: Der Vater einer Patientin war Laserphysiker und entwickelte ein gerade mal faustgroßes Strahlengerät. Mit ihm gründete Jürgens die Firma AOT, um „Carlo“ herzustellen. Getestet wurde das System in der Paracelsus-Klinik München sowie in Kliniken in Basel, Wien und Hamburg.

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