Infarkt ist nicht gleich Infarkt

Typisch Mann, typisch Frau (7): Symptome und Sterberisiko bei einem Herzinfarkt sind verschieden

Professor Dr. Harald Kühl zeigt seiner Patientin Inge Tiller, wie die eingesetzten Stents ihre Herzkranzgefäße geweitet haben.
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Professor Dr. Harald Kühl zeigt seiner Patientin Inge Tiller, wie die eingesetzten Stents ihre Herzkranzgefäße geweitet haben.
  • Romy Ebert-Adeikis
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Bei einem Herzinfarkt gibt es sowohl bei den Beschwerden, als auch bei den Therapieverfahren Unterschiede zwischen Mann und Frau. Professor Dr. Harald Kühl klärt in Hallo darüber auf.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. In unserer neuen Serie geht es um Erkrankungen, die in besonderem Maße nur ein Geschlecht betreffen. So werden Herzinfarkte vor allem Männern zugeordnet. Dabei ist das Risiko, am Infarkt zu sterben, bei Frauen größer. Was die Gründe dafür sind und wie sich die Symptome bei den Geschlechtern unterscheiden, erklärt Professor Dr. Harald Kühl, Chefarzt der Klinik für Kardiologie an der München Klinik in Harlaching.

„Ein Herzinfarkt – das wäre das Letzte gewesen, woran ich gedacht hätte“, sagt Inge Tiller. Die 62-jährige Harlachingerin wollte sich im November 2020 eigentlich zum Orthopäden bringen lassen. Seit einem kleinen Sturz am Weihnachtsmarkt plagte Tiller nachts der Rücken. Nicht schlimm, Schmerzmittel helfen. 

Dann – vier Tage später – schoss ihr ein brennender Schmerz zwischen die Schulterblätter. „Ich war der festen Überzeugung, dass ich mir einen Wirbel gebrochen hatte“, erzählt sie heute. Doch ihre Tochter, selbst Ärztin, erkannte die Gefahr: Angekommen in der Klinik ging es für Tiller direkt ins Herzkatheterlabor. Zwei Herzkranzgefäße sind komplett dicht, sie braucht akut drei Stents.

„Tatsächlich bekommen wir immer mal wieder Patienten von Orthopäden überwiesen“, sagt Professor Dr. Harald Kühl, Chefarzt der Klinik für Kardiologie und internistische Intensivmedizin in der München Klinik Harlaching. Denn Schweißausbrüche oder Schmerzen in der Brust sind zwar typische Herzinfarkt-Symptome – aber eher für Männer.

Beschwerden bei Frauen häufiger atypisch

„Das Brennen zwischen den Schulterblättern, Schmerzen im Oberbauch oder Luftnot sind atypische Äquivalente zum berühmten Engegefühl in der Brust“, sagt Kühl. Zwar bekommen Männer – rein statistisch gesehen – etwas häufiger einen Herzinfarkt. „Aber es ist bei weitem keine Männerkrankheit.

Vielleicht betrifft es Frauen sogar genauso oft, der Infarkt wird nur seltener erkannt“, mutmaßt Kardiologe Kühl. Denn die Beschwerden sind beim weiblichen Geschlecht häufiger atypisch. „Gerade bei Frauen jenseits der 70 gibt es oft keine klaren Symptome“, so der Experte.

Das hat Folgen: Weil der Infarkt tendenziell später oder seltener entdeckt wird, ist das Risiko für Frauen, daran zu sterben, etwas höher als beim Mann. „Grundsätzlich liegt die Sterblichkeit heute unter zehn Prozent. Sie ist in den vergangenen 30 Jahren vor allem wegen moderner Therapieverfahren deutlich gesunken“, so Kühl.

Dazu komme ein größeres Bewusstsein für atypische Fälle. So werde in allen Standorten der München Kliniken jegliche Verdachtsfällen in spezialisierten Brustschmerzambulanzen behandelt. Das Risiko für einen Herzinfarkt hat fast jeder.

Auch bei der Therapie gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern

„Die wichtigsten Faktoren sind Bluthochdruck, Diabetes, Rauchen, zu viel Cholesterin, Stress oder mangelnde Bewegung. Viele davon könne man mit dem eigenen Verhalten günstig beeinflussen.

Anders bei der Genetik, die ebenfalls eine große spielt – zum Beispiel bei Inge Tiller: Sowohl ihr Vater als auch ihr Onkel und die Cousine einer Mutter hatten einen Herzinfarkt. „Ich rate jedem mit einer ähnlichen Familiengeschichte, sich ausführlich mit dem Thema zu beschäftigen“, so die Hausfrau. „Man sollte lieber einmal öfter zum Arzt gehen als einmal zu wenig.“ Denn was passiert wäre, hätte niemand ihre Notlage erkannt, mag sich die Harlachingerin lieber nicht vorstellen.

Insgesamt sechs Stents in zwei Gefäßen hat sie schlussendlich im Klinikum Harlaching eingesetzt bekommen. Nach fünf Tagen im Krankenhaus ging es für Tiller noch in eine ambulante Reha-Maßnahme. „Jetzt geht es mir wieder richtig gut.“

Erstaunlich: Auch bei der Therapie gibt es Unterschiede zwischen Mann und Frau. „Es gibt Studien, die zeigen, dass Frauen nicht so gut behandelt werden, also zum Beispiel seltener Stents oder Bypässe gesetzt bekommen“, sagt Kardiologie-
Chefarzt Kühl. Warum das so ist, wisse man bisher nicht. Kühl glaubt, dass mehrere Faktoren zusammenspielen. Zum Beispiel: Weibliche Betroffene sind beim Herzinfarkt tendenziell älter. „Das erhöht natürlich das Risiko einer solchen Operation.“

Zentrum für Wiederbelebung

Als bayernweit erstes „Cardiac Arrest Center“ ist die München Klinik Harlaching besonders gut für Patienten gerüstet, die reanimiert werden müssen. „70 Prozent der Fälle sind akute Herzinfarkte“, weiß Kardiologie-Chefarzt Prof. Dr. Harald Kühl. Die Zertifizierung hat die Klinik 2019 erhalten.

Sie bescheinigt, dass jeder Notfallpatient – egal, welche Ärzte und Pfleger gerade Dienst haben – nach demselben festgelegten Vorgaben behandelt werden. So können Herzinfarktpatienten in Harlaching von der Notaufnahme direkt ins Herzkatheterlabor gebracht werden. Zudem muss in dem Zentrum eine bestimmte Anzahl an Fachärzten vor Ort sein.

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