Warum der Schein trügt

Leerstand in München (3): Die aktuelle Lage bei Gastronomie und Geschäften

Der „Abercrombie & Fitch“ hat in der Sendlinger Straße zugemacht. Der Nachmieter lässt auf sich warten.
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Der „Abercrombie & Fitch“ hat in der Sendlinger Straße zugemacht. Der Nachmieter lässt auf sich warten.
  • VonKatrin Hildebrand
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Leerstand ist nicht gleich Leerstand. Wie es um leerstehende Geschäfte und Gastronomien in München steht, erfahren Sie im dritten Teil unserer Serie.

München - Wer durch die Altstadt schlendert, stößt vielerorts auf ein brachliegendes Geschäft oder Restaurant. Warum es leer steht, erfahren Neugierige meist nicht. Viele Eigentümer und Makler schweigen. Die wenigen Quellen aber belegen: Leerstand kann diverse Gründe haben.

Das denkmalgeschützte Zerwirkgewölbe beim Alten Hof ist aktuell verwaist. Zuletzt war das Restaurant „Spezlwirtschaft“ Pächter. Doch das musste im März 2020 schließen, weil der Eigentümer, das Staatliche Hofbräuhaus, das Gebäude renovieren will.

Von der Sanierung ist derzeit noch nichts zu sehen. „Sie musste Corona-bedingt verschoben werden“, sagt Hofbräu-Sprecher Stefan Hempl. Ein neuer Termin stehe noch nicht fest.

Im März 2020 musste die „Spezlwirtschaft“ aus dem Zerwirkgewölbe ausziehen.

Leerstand in München (1): So steht es aktuell um Wohnungen in unserer Stadt

Im Dornröschenschlaf liegt auch das einst vielleicht angesagteste Kleidergeschäft der Stadt. Die US-Marke „Abercrombie & Fitch“ räumte das Gebäude an der Sendlinger Straße 8 im Januar – ebenso ihre Filialen in London und Paris. Einen Nachmieter gibt es schon. Gerüchten zufolge soll es eine US-Möbelkette seine.

„Falschen Leerstand“ nennt Wolfgang Fischer vom Verein „City Partner“ Fälle wie Zerwirk und „Abercrombie“. Die Läden liegen brach, sind aber schon nachvermietet oder werden umgebaut. Ähnliches gelte für die Sendlinger Straße 18. „Timberland“ ging raus, bald folgt dort „Adidas“.

Anders in der Residenzstraße 22: Dort hat der Pralinenladen „Eilles“ Anfang 2020 dichtgemacht. Die Mutterfirma DCH musste Insolvenz anmelden. Einige „Eilles“-Filialen gibt es noch, der Standort Residenzstraße war aber wohl zu teuer. Bald soll ein Nachmieter kommen, so der Makler Realkon zu Hallo München.

In der Gastro stehen neben dem Zerwirkgewölbe zwei weitere bekannte Orte leer – „Paulaner im Tal“, das mit neuen Wirten Ende Oktober wieder loslegen soll, und „Maredo“ am Rindermarkt. Beide schlossen wegen Insolvenz.

Das kommende Jahr könnte neuen Leerstand bringen. Fischer von „City Partner“ sagt: „Viele Covid-Hilfen laufen bald aus. Erst 2022 wird man sehen, wer genug Rücklagen hatte oder mit einem guten Konzept überleben konnte.“

Das „Maredo“ am Rindermarkt musste wegen Insolvenz schließen.

Die Lage in der Gastro 

Das Phänomen gibt es in vielen angesagten Stadtvierteln: Immer wieder stehen Imbisse, Cafés oder kleine Restaurants kurz leer. Dann kommt der nächste Pächter mit neuem Konzept – und gibt nach ein bis zwei Jahren wieder auf. Die Mischung aus kurzem Leerstand und schnellem Wechsel ist systemimmanent.

Tim Lünnemann von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten erklärt: „Um ein Lokal zu eröffnen, benötigt man keine nachweisbare Qualifikation. Viele denken, man könne so schnelles Geld machen. Das ist ein Irrtum.“ Einige Betreiber überschätzten sich – und müssten oft bald wieder schließen.

Leerstand in München (2) : Quote bei städtischen Wohnungen schon auf niedrigst-möglichem Niveau?

Mehr Insolvenzen erst in der Zukunft

Der Rückgang der Firmenpleiten hält nach Ende der Corona-Ausnahmeregeln an. Amtsgerichte meldeten im Mai 25,8 Prozent weniger als im Mai 2020. Pleiten gab es vor allem in Bau und Handel. Seit Mai gilt die Insolvenzantragspflicht wieder.

Dass die Zahl trotzdem gesunken ist, führt das Statistische Bundesamt auf die Bearbeitungszeit der Gerichte zurück. Für die Zukunft rechne es mit einer Zunahme. (dpa)

Hallo München-Interview: „In der Innenstadt gibt es schnell Nachmieter“

München ist ein guter Standort. Das sagt Annette Hilpert, zuständig für Stadtentwicklung und Standortberaterin bei der Industrie- und Handelskammer. Hallo hat mit ihr gesprochen.

Standortberaterin bei der Industrie- und Handelskammer: Annette Hilpert.

Frau Hilpert, lässt sich in München nachvollziehen, wo genau Läden und Restaurants leerstehen?

Kleinere Kommunen führen oft ein Leerstandskataster. In großen Städten wird das aufgrund des Aufwands meist nicht erhoben. Auch in München nicht, obwohl es Überlegungen in diese Richtung gibt.

Ist der Leerstand eine Folge von Covid19?

Wir haben den Eindruck, dass seit der Pandemie zusätzlich Flächen brachliegen. Aber ob im Einzelfall Corona schuld ist oder ob es auch andere Gründe gab, lässt sich oft nicht genau sagen. Einen Strukturwandel im Einzelhandel hat es vorher schon gegeben, auch durch das Online-Geschäft. Die Entwicklung wurde durch Corona beschleunigt.

Wie beurteilen Sie die Lage in der City?

Sie ist nach wie vor ein wirtschaftlich guter Standort. In anderen Innenstädten hat die Pandemie dagegen wie ein Brandbeschleuniger gewirkt. In München als einer der meistfrequentierten Innenstädte Deutschlands gibt es aber nach wie vor bei Leerstand schnell Nachmieter.

Wie sieht es in den Stadtvierteln aus?

Natürlich leiden auch sie unter der Pandemie. Doch gleichzeitig findet, auch wegen des Trends zum Homeoffice, eine Revitalisierung der Viertel statt. Es wird wieder mehr vor Ort konsumiert. Für Innenstädte gilt in Zukunft umso mehr: Sie dürfen nicht nur Einkaufsmeile sein, sondern müssen auch eine ganz besondere Aufenthalts- und Erlebnisqualität bieten. Das Gesamtpaket muss stimmen.

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