Ausgelöst durch Infektionen

Unsichtbare Krankheiten (6): Völlige Erschöpfung durch das Chronische Fatigue-Syndrom

Selbst kleine Belastungen können bei Fatigue für Erschöpfung und Schmerzen sorgen.
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Selbst kleine Belastungen können bei Fatigue für Erschöpfung und Schmerzen sorgen.
  • VonKatrin Hildebrand
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Der sechste Teil der Serie zu unsichtbaren Krankheiten widmet sich dem Chronischen Fatigue-Syndrom. Wie sich die Krankheit äußert und die Verbindung mit Corona.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. Unsere aktuelle Serie widmet sich Krankheiten, die nicht auf den ersten Blick sichtbar sind – zum Beispiel die Myalgische Enzephalomyelitis (ME) auch Chronisches Fatigue-Syndrom genannt (CFS).

Vor der Pandemie waren etwa 0,3 Prozent der Bevölkerung betroffen. Nun fürchten Experten, dass sich die Zahlen verdoppeln könnten – aufgrund der Langzeitfolgen nach Corona-Infektionen. Wie sich die Krankheit äußert und wie sie therapiert wird, erklärt Prof. Dr. Uta Behrends, Leiterin des Chronischen Fatigue Centrum für junge Menschen am Klinikum rechts der Isar (siehe Kasten).

Prof. Dr. Uta Behrends, Leiterin des Chronischen Fatigue Centrum für junge Menschen am Klinikum rechts der Isar, klärt über die chronische Erschöpfung auf.

Frau Dr. Behrends, wodurch unterscheiden sich Fatigue, Fatigue-Syndrom und ME/CFS?

Der Begriff Fatigue steht für eine krankhafte Erschöpfung. Fatigue-Syndrom bedeutet, dass noch weitere Beschwerden dazukommen. Die Diagnose ME/CFS erfordert bei Erwachsenen eine Krankheitsdauer von mindestens sechs, bei Kindern und Jugendlichen von mindestens drei Monaten. Zudem müssen eine bestimmte Symptomkonstellation und eine dadurch bedingte Beeinträchtigung der Alltagsfunktion vorliegen.

Welche Symptome treten auf?

Neben der Fatigue leiden die Betroffenen unter einer deutlich reduzierten Belastbarkeit, Schlafstörungen, Schmerzen, Reizüberempfindlichkeit, Grippegefühl sowie Störungen von Konzentration, Gedächtnis, Kreislauf und Wärmeregulation. Charakteristisch ist eine später als vierzehn Stunden noch merkliche Verschlechterung der Beschwerden nach einer gewöhnlichen, geringen oder moderaten Alltagsbelastung.

Welche Krankheiten können diese Symptome auslösen?

Typisch für das Fatigue-Syndrom und ME/CFS sind Infektionen. Seltener werden auch Unfälle oder Operationen als Auslöser benannt. Es ist nicht auszuschließen, dass solche Ereignisse schlummernde Viren im Körper reaktivieren, beispielsweise Herpesviren. Es gibt Evidenz dafür, dass die Infektionen Autoimmunprozesse auslösen könnten, also Immunreaktionen gegen körpereigenes Gewebe. Deswegen sind unter anderem immunologische Behandlungsansätze in Erprobung.

Inwieweit wird auch „Long Covid“ von Fatigue begleitet?

Fatigue ist unabhängig vom Alter der Betroffenen eines der häufigsten Symptome von „Long Covid“. Die Anfragen an unser Post-Covid-Fatigue-Center zeigten nach jeder Pandemiewelle einen Gipfel und nehmen seit Ausbreitung der Omikron-Variante stetig zu.

Gibt es oft Fehldiagnosen?

Leider ja. Zudem werden viele Patienten mit ME/CFS aus Unkenntnis stigmatisiert. Um Unter- und Fehlversorgung zu vermeiden, muss das Krankheitsbild daher bekannter gemacht werden.

Welche Behandlungsmöglichkeiten existieren?

Bislang gibt es keine ursächliche Therapie. Die Behandlung erfolgt daher symptomorientiert. Von zentraler Bedeutung ist das sogenannte „Pacing“, also die Berücksichtigung der individuellen Belastungsgrenze. Dadurch soll eine krankheitsverschlechternde Überlastung ebenso vermieden werden wie eine übermäßige Schonung. Wichtig sind darüber hinaus Entspannungsübungen, Schlafhygiene, kreislaufstabilisierende Maßnahmen, Schmerztherapie, psychologische Unterstützung und sozialmedizinische Maßnahmen.

Werden die Patienten ambulant oder stationär betreut?

Aktuell liegt unser Fokus auf der Hochschulambulanz, wir bieten aber auch eine tagesstationäre oder stationäre Diagnostik an. Gemeinsam mit einem Schmerztherapiezentrum für junge Menschen in Garmisch-Partenkirchen haben wir dort ein stationäres Behandlungskonzept entwickelt.

Anlaufstelle für junge Menschen

Es ist das einzige seiner Art in Deutschland: Das Chronische Fatigue Centrum für junge Menschen hat sich auf die Diagnose und Behandlung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen spezialisiert. Der Schwerpunkt liegt auf Patienten, die zuvor an Pfeifferschem Drüsenfieber oder einer Infektion, die durch einen Erreger aus der Gruppe der Coronaviren ausgelöst wurde, litten. Angesiedelt ist es in der Kinderpoliklinik des Klinikums rechts der Isar am Standort Schwabing, Kölner Platz 1. Vor Ort kümmert sich ein interdisziplinäres Team um die Patienten. Erreichbar ist es per E-Mail unter mcfc.kinderklinik@mri.tum.de.

Weiteren unsichtbaren Krankheiten, die Hallo in der Serie beleuchtet hat sind Depression, Migräne, die Schluckstörung Achalasie, das Fibromyalgie-Syndrom, auch bekannt als Muskel-Faser-Schmerz und das Reizdarm-Syndrom.

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