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Die fünf Sinne (2): Betroffene und Arzt über Ursachen und Probleme bei Schwerhörigkeit

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Von: Andreas Schwarzbauer

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Theresia Schmitt-Licht ist selbst schwerhörig und nutzt ein Hörgerät. Für den Fachverband für Menschen mit Hörbehinderung berät sie andere Betroffene.
Theresia Schmitt-Licht ist selbst schwerhörig und nutzt ein Hörgerät. Für den Fachverband für Menschen mit Hörbehinderung berät sie andere Betroffene. © Andreas Schwarzbauer

Nach dem Sehen widmet sich der zweite Teil der Gesundheits-Serie mit dem Hören. Mit einem Arzt hat Hallo über Schwerhörigkeit und ihre Ursachen gesprochen...

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. Unsere aktuelle Serie widmet sich den fünf Sinnen des Menschen und deren Erkrankungen. So haben viele Menschen mit Schwerhörigkeit zu kämpfen. Welche Ursachen und Behandlungsmethoden es gibt, verrät Prof. Wolfgang Wagner von der München Klinik.

*HalloMuenchen.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.
*HalloMuenchen.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA. © Hallo München

Wenn sie sich mit Freunden in einem lauten Restaurant trifft oder am Bahnhof eine S-Bahn einfährt, hat Theresia Schmitt-Licht große Probleme, ihren Gegenüber zu verstehen. „Ich höre dann nur eine Geräuschsuppe“, sagt sie. Schmitt-Licht leidet von Geburt an unter Schwerhörigkeit. Das bedeutet, dass sie Sprache zwar über das Ohr wahrnehmen kann, aber leiser und anders hört. „Als Schwerhörige hat man den Eindruck, dass andere undeutlich reden und nuscheln“, erklärt die Neuaubingerin.

Schwerhörigkeit im Alltag: Hörgerat kann Schaden nicht vollständig kompensieren

In vielen Situationen könne sie das mit ihrem Hörgerät kompensieren. „Ich kann damit relativ gut hören und verstehen“, sagt sie. Aber nicht immer sei die technische Unterstützung ausreichend. Etwa bei Kulturveranstaltungen habe sie häufig Probleme.

„Man sitzt zu weit vom Geschehen weg. Ein gesundes Ohr kann das super ausgleichen, aber ein Hörgerät schafft es meistens nicht.“ Deshalb sei sie auf zusätzliche Ausrüstung am Veranstaltungsort angewiesen.

Hörgeräte können nie so gut sein wie ein gesundes Ohr“, sagt Schmitt-Licht. Deshalb sei es wichtig, über seine Einschränkung aufzuklären.

„Wenn mein Verhalten nicht richtig eingeordnet wird, kann das schnell falsche Assoziationen auslösen. Man gerät in die Rolle des Dummen oder wird als arrogant wahrgenommen, wenn man auf Nachfragen nicht reagiert.“ Denn Schwerhörigkeit sei eine Behinderung, die man nicht sehe und deshalb nicht erkannt werde.

Schwerhörigkeit im Alltag: Mehrere Millionen Menschen in Deutschland betroffen

In Deutschland sind rund zehn Millionen Menschen von Schwerhörigkeit betroffen. Allerdings litten nur wenige wie Schmitt-Licht von Geburt daran. „Auf 1000 Geburten kommt ein Fall. Dafür können ein Gendefekt oder eine Infektion im Mutterleib verantwortlich sein“, weiß Professor Wolfgang Wagner, Chefarzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde an der München Klinik.

Professor Wolfgang Wagner, Chefarzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde an der München Klinik.
Professor Wolfgang Wagner, Chefarzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde an der München Klinik. © München Klinik

Der Großteil sei davon erst im Alter betroffen, erklärt der Arzt. „Ab dem 60. bis 70. Lebensjahr nimmt das Hören ab – wenn auch in unterschiedlichem Maße“, sagt er. Der Grund: Die 20 000 Sinneszellen im Innenohr sterben nach und nach ab. Diese Zellen wandeln – vereinfacht gesagt – akustische Signale in elektrische Nervenimpulse um, die über den Hörnerv an das Gehirn weitergeleitet werden. „Sie sind aber nicht auf eine Lebensdauer von 100 Jahren ausgelegt“, sagt Wagner.

Schwerhörigkeit im Alltag: Alter oder Lärmbelastung als Grund für Einschränkung

Ein weiterer häufiger Grund für den Verlust der Sinneszellen ist Lärm. Dabei könne durchaus ein Diskobesuch mit 16 Jahren ein Grund für die Schwerhörigkeit 50 Jahre später sein, mahnt Wagner. „Es entstehen Mikroschäden im Innenohr. Weil wir aber nicht alle 20 000 Sinneszellen benötigen, bemerken wir sie zunächst nicht. Diese kleinen Schäden summieren sich aber im Laufe der Zeit“, sagt Wagner.

Das Problem der Schwerhörigkeit habe daher in den vergangenen Jahrhunderten zugenommen. „Vor der Industrialisierung gab es keine derartige Dauerbeschallung und keine Lärmpegel wie heute“, erklärt Wagner. 

Er empfiehlt daher allgemein als Vorbeugung gegen Schwerhörigkeit, Lärm zu vermeiden. „Wenn es so laut ist, dass man sich nur noch schreiend unterhalten kann, sollte man einen Gehörschutz tragen.“ Auch ein Hörsturz oder bestimmte Medikamente könnten Schwerhörigkeit hervorrufen.

Wenn jemand allerdings schon schlecht hört, seien die Behandlungsmöglichkeiten eingeschränkt. „Es gibt keine Operation, mit der man die Sinneszellen im Innenohr reparieren kann.“ Daher sei ein Hörgerät das einzige Mittel bei einer Innenohrschwerhörigkeit. Allerdings werde derzeit an einem Medikament geforscht, das die Sinneszellen nachwachsen lassen kann. Das sei allerdings Zukunftsmusik.

In einem kleineren Teil der Fälle sei aber schon heute eine Behandlung möglich. Denn manchmal sei die Schwerhörigkeit durch ein Problem im Mittelohr, das aus dem Trommelfell und den drei Gehörknöchelchen besteht, bedingt. Beispielsweise kann ein Gehörknöchelchen fehlen oder in seiner Beweglichkeit versteift sein. In solchen Fällen könne man das Hören oft durch eine Operation verbessern, so Wagner, in dem man den winzigen Mittelohrapparat, der der Schallweiterleitung ans Innenohr dient, repariere.

Schon letzte Woche hat Hallo den ersten der fünf Sinne unter die Lupe genommen - und dabei mit einem Augenarzt über den Grauen und Grünen Star gesprochen.

Unterstützung und Beratung 

Die Informations- und Servicestelle für Menschen mit Hörbehinderung existiert seit 2013 an der Haydnstraße 12. „Die Menschen brauchen das Handwerkszeug, um mit ihrer Behinderung umzugehen“, sagt Mitarbeiterin Theresia Schmitt-Licht.

Die wichtigsten Themen seien die Leistungen der Krankenkasse, die Bedienung des Hörgeräts und weitere technischen Möglichkeiten. Aber auch über den richtigen Umgang mit der Einschränkung aufzuklären, gehöre zu den Aufgaben. Die Angebote sind kostenlos und vertraulich. Weitere Informationen gibt es auf der Internetseite www.blwg.de unter Beratung. 

Quelle: www.hallo-muenchen.de

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