Wiederholung bis zum Schmerz

Wenn die Arbeit krank macht (5): Karpaltunnelsyndrom ist die häufigste Berufserkrankung an der Hand

Den Karpaltunnel verorten viele fälschlicherweise am Handgelenk. Tatsächlich liegt er unten an der Handinnenfläche, wie Professor Kai Megerle zeigt.
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Den Karpaltunnel verorten viele fälschlicherweise am Handgelenk. Tatsächlich liegt er unten an der Handinnenfläche, wie Professor Kai Megerle zeigt.
  • Romy Ebert-Adeikis
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In dieser Woche geht es in der Hallo-Serie um Berufskrankheiten, die die Hand betreffen. Dabei kommt das Karpaltunnelsyndrom am häufigsten vor. Ein Handchirurg spricht über die Krankheit.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. Derzeit geht es um Berufskrankheiten. Seit 2015 gehört dazu auch das Karpaltunnelsyndrom. Was dieses auslöst und wie es behandelt werden kann, erklärt Hand- und Ellbogenchirurg Prof. Dr. Kai Megerle von der Schön Klinik Harlaching.

Die Finger kribbeln, die Hand schmerzt – oft auch in der Nacht. Am Karpaltunnelsyndrom zu leiden, ist für Betroffene meist extrem unangenehm. Dabei sind das nicht wenige: Von 1000 Personen erkranken daran jährlich in Deutschland im Schnitt 3,5.

Allein in München macht das über 5000 Betroffene im Jahr. „Gleichzeitig wurden 2019 bundesweit nur 280 Fälle als Berufskrankheit anerkannt“, sagt Professor Kai Megerl von der Schön Klinik Harlaching.

Der Grund: „Bei Problemen mit der Hand ist es schwer nachzuweisen, dass diese vom Arbeitseinsatz kommen.“ Zumal das Karpaltunnelsyndrom erst seit 2015 überhaupt als Berufserkrankung anerkannt wird.

Dessen Symptome werden ausgelöst, wenn der Nerv, der die Bewegung unserer Finger steuert, eingeengt wird. Besonders häufig passiert das am Karpaltunnel, einer Stelle im unteren Bereich der Handinnenfläche, an der auch zahlreiche Sehnen verlaufen.

Diese können anschwellen, zum Beispiel durch die häufige Wiederholung bestimmter Bewegungen – etwa bei Tätigkeiten am Fließband. Auch eine andauernde Druckbelastung durch Vibrationen, wie sie Geräte von Goldschmieden oder Zahntechnikern auslösen, können zum Karpaltunnelsyndrom führen.

„Der Nerv wird langsam abgeschnürt. Wenn man lange wartet, kann das auch motorische Schäden nach sich ziehen. Im schlimmsten Fall kann der Nerv nicht mehr vollständig rückgebildet werden“, so Megerle. In der Regel sind die Behandlungsmöglichkeiten aber gut.

„Man kann eine Lagerungsschiene für die Nacht verschreiben“, sagt der Handchirurg. Das Spritzen von Kortison lässt zwar das Sehnengleitgewebe abschwellen, lindere die Symptome aber meist nicht langfristig.

„Dann ist man relativ schnell bei einer Operation“, so der Experte. Dabei wird das Karpaltunneldach – ein Bindegewebe, das sich über die Engstelle spannt – gespalten, um dem abgeschnürten Nerv mehr Platz zu geben.

Das sei aber weniger dramatisch, wie es für viele Betroffene zunächst klingt. „Die Operation wird meist ambulant mit örtlicher Betäubung gemacht. Nach ein paar Stunden ist man wieder daheim“, sagt Megerle. Zudem ist die Karpaltunneldachspaltung mit etwa 300 Eingriffen im Jahr einer der häufigsten in der Schön Klinik Harlaching.

Dass das Syndrom so gut zu behandeln ist, trägt Megerle zufolge ebenfalls zur geringen Anerkennung als Berufskrankheit bei: „Oft dauert der Anerkennungsprozess länger als die Behandlung.“

Von Sehnenscheidenentzündung bis zum Schnappfinger

Ein weiteres als Berufskrankheit gelistetes Leiden an der Hand ist die Sehnenscheidenentzündung. 2019 wurde die Erkrankung bundesweit allerdings nur 46 Mal als beruflich bedingt anerkannt. Häufig betroffen ist die Sehne, die das Beugen der Finger beeinflusst.

Diese Beugesehne reibt dabei – etwa wegen übermäßiger Belastung der Hand – an ihrer Sehnenscheide, die von der Hohlhand bis zum Fingerendgelenk verläuft. Im schlimmsten Fall kann eine solche Entzündung im sogenannten Schnappfinger enden.

„Das heißt, eine Sehne ist so angegriffen, dass ein Finger in der Bewegung immer wieder hängenbleibt. Das ist sehr unangenehm und schmerzhaft“, sagt der Münchner Handchirurg Kai Megerle.

Auch die Sehnenscheidenentzündung kann mit einer Operation therapiert werden. „Die dauert in den meisten Fällen nur wenige Minuten“, so Megerle. Etwa 180 sogenannte Ringbandspaltungen werden jährlich in der Schön Klinik Harlaching durchgeführt.

Romy Ebert-Adeikis

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