Ständig eine schwere Last spüren

Unsichtbare Krankheiten (3): Fibromyalgie-Syndrom ‒ besser bekannt als Muskel-Faser-Schmerz

München- und mittlerweile auch bayernweit organisiert Claudia Dexl „Selbsthilfe der kurzen Wege“ für FMS-Betroffene.
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München- und mittlerweile auch bayernweit organisiert Claudia Dexl „Selbsthilfe der kurzen Wege“ für FMS-Betroffene.
  • Ursula Löschau
    VonUrsula Löschau
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Der dritte Teil unserer neuen Serie widmet sich einer weiteren unsichtbaren Krankheit - dem Fibromyalgie Syndrom, das auch Faser-Muskel-Schmerz genannt wird.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. Unsere aktuelle Serie widmet sich unsichtbaren Krankheiten wie Fibromyalgie. Warum sie so schwer zu erkennen ist, erklärt Dr. Andreas Winkelmann. Er ist Leiter der Tagesklinik für Fibromyalgie sowie der Abteilung für Physikalische und Rehabilitative Medizin am LMU-Klinikum.

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Das Fibromyalgie-Syndrom: Starke Schmerzen und lähmende Erschöpfung

Unbestimmte Schmerzen, „die sich wie eine Schlange durch den Körper winden“ und eine bleierne Erschöpfung, „als bekäme man zwei bis drei dieser schweren Röntgenmäntel angezogen“. So beschreibt Claudia Dexl (64), wie sich das Fibromyalgie-Syndrom, auch Faser-Muskel-Schmerz (FMS) genannt, für sie anfühlt.

Vor über 30 Jahren brach die nicht heilbare, chronische Erkrankung bei ihr aus. Damals starb ihre Mutter, Dexl war hochschwanger. „Mir ging’s wirklich schlecht und ich habe mich körperlich nie wieder richtig erholt.“ Kein Arzt konnte ihr wirklich helfen. Fast zehn Jahre dauerte es, bis sie überhaupt die Diagnose Fibromyalgie bekommen hat. „Keiner hat sich damit ausgekannt, also habe ich mich selbst mit dem Krankheitsbild befasst“, erzählt sie. 2002 hat die Gernerin die erste Selbsthilfegruppe gegründet. Aktuell sind es zwei Gruppen mit 40 Teilnehmern (siehe Kasten).

Faser-Muskel-Schmerz: LMU-Experte leitet Münchner Tagesklinik

Dr. Andreas Winkelmann, der seit über 20 Jahren die Tagesklinik für Fibromyalgie am LMU-Klinikum an der Ziemssenstraße 5 leitet, geht von mindestens 40.000 bis 60.000 Betroffenen in München und dem Umland aus, abgeleitet von dem bundesweiten Schnitt von zwei bis drei Prozent der Bevölkerung.

„Zu uns in die Sprechstunde und in die Tagesklinik für FMS kommen pro Jahr 500 bis 700 neue Fälle“, sagt der Oberarzt. Die Altersspanne reicht von 30 bis 60 Jahren. Der Anteil von Frauen zu Männern liege offiziell bei zehn zu eins. „Aber das sind nur die, die zu uns kommen“, schränkt er ein. „Männer leiden oft ähnlich unter den Beschwerden. Viele spielen aber immer noch den Indianer, der keinen Schmerz kennt.“

Dr. Andreas Winkelmann klärt die Hallo-Leser über das Fibromyalgie-Syndrom auf.

Unsichtbare Krankheit: Das sind die Symptome des Faser-Muskel-Schmerzes

Was die Krankheit verursacht, kann der Experte nicht sagen. Meist seien es mehrere Faktoren. Häufig würden die Probleme zum Beispiel bei starken persönlichen und beruflichen Belastungen beginnen. Sogenannte Kernsymptome, die bei 97 Prozent der Patienten auftreten, sind chronische Schmerzen und Schlafstörungen, für die es jedoch keine pathologischen Befunde gibt.

„Häufige Symptome zur Diagnosestellung sind außerdem Kopf- und Bauchschmerzen sowie Depression“, erklärt Winkelmann. „Doch leider werden Betroffene oft viel zu wenig beachtet, fühlen sich nicht verstanden oder ernst genommen und erhalten zu wenig die Unterstützung, die sie verdienen, um auch mit der Erkrankung Lebensqualität zu gewinnen“, sagt er.

Nach der Diagnose: So kann das Fibromyalgie-Syndrom behandelt werden

Die Behandlungsstrategie seines Teams aus Ärzten, Psychologen, Physio- und Ergotherapeuten fasst der FMS-Experte mit einem Aristoteles-Zitat zusammen: „Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.“ Sprich: „Kraftquellen entdecken, die Aufmerksamkeit auf positive Erfahrungen lenken, die körperliche und geistige Erschöpfung angehen.“ Winkelmann ergänzt: „Die Diagnose ist schon Beginn der Therapie, wenn damit umfassende Informationen verbunden sind.“

Doch dabei bleibt es nicht: „Bewegung ist mit das Wichtigste. Aber man muss langsam starten, dass es nicht zur Überlastung kommt“, rät Winkelmann. Auch Wärme werde von vielen Betroffenen als hilfreich empfunden. Zudem gebe es einige Medikamente, die Symptome wie Schmerzen, Depression und Antriebslosigkeit zumindest lindern und damit den Therapieverlauf unterstützen können.

Vor der Aufnahme in die Tagesklinik wird ein interdisziplinärer Therapieplan erstellt. Die Patienten werden dort dann vier Wochen lang montags bis freitags ganztägig behandelt. Darüber hinaus empfiehlt der Facharzt den Austausch in Selbsthilfegruppen. „Das sind ganz wichtige Anlaufstellen.“

Verein bietet „Selbsthilfe der kurzen Wege“

Die beiden von Claudia Dexl gegründeten Münchner Selbsthilfegruppen treffen sich jeweils einmal im Monat in Neuhausen. Nähere Informationen erteilt sie unter Telefon 14 90 36 62. Der Fibromyalgie Verein Bayern, den die Gernerin 2017 ins Leben gerufen hat, bietet zudem unter anderem im Internet unter www.fibromyalgie-bayern.de eine Online-Gruppe und regelmäßige Infoabende an. Bayernweit hat der Verein rund 550 Mitglieder.

Quelle: www.hallo-muenchen.de

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