Wegen Corona mehr ausgebrannt?

Wenn die Arbeit krank macht (8): Burnout – berufsbedingtes Leiden ohne offizielle Anerkennung

Die Isolation im Homeoffice macht vielen Arbeitnehmern psychisch zu schaffen.
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Die Isolation im Homeoffice macht vielen Arbeitnehmern psychisch zu schaffen.
  • Romy Ebert-Adeikis
    vonRomy Ebert-Adeikis
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Seit Corona fühlen sich mehr Menschen dem Burnout nah. Warum das so ist und wieso „Burnout“ nicht als Berufskrankheit gilt, lesen Sie hier.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin, derzeit verschiedene Berufskrankheiten. Obwohl es immer mit Arbeit in Verbindung gebracht wird, gilt „Burnout“ nicht als Berufserkrankung.

Wieso das durchaus sinnvoll ist und warum sich derzeit mehr Menschen denn je ausgebrannt fühlen, erklärt Dr. Jörg-Hilmar Deubner, Oberarzt an der Psychosomatischen Tagesklinik der München Klinik Harlaching.

Monatelang allein im Homeoffice, Besprechungen nur per Telefon oder Videochat und dazu die Sorge, wie krisenfest der eigene Job ist. Seit Beginn der Corona-Pandemie hat sich die Arbeitswelt für viele Münchner stark verändert. Das hinterlässt Spuren.

„Zu uns kommen immer mehr Menschen, die sich in der Heimarbeit isoliert fühlen oder Unsicherheiten wegen Kurzarbeit haben“, sagt Dr. Jörg-Hilmar Deubner von der Psychosomatische Tagesklinik der München Klinik Harlaching. Wegen der Corona-Beschränkungen fallen zudem Erholungsfaktoren wie Reisen, Unternehmungen oder Mannschaftssport weg.

Die Folgen davon sind immer öfter Überforderung, Erschöpfung, eine negative Einstellung zur Arbeitstätigkeit oder eine reduzierte Leistungsfähigkeit. Kurz: Burnout.

Oberarzt an der Psychosomatischen Tagesklinik der München Klinik Harlaching: Dr. Jörg-Hilmar Deubner.

Etwa vier Prozent der Bevölkerung haben Umfragen zufolge schon einmal die Diagnose Burnout bekommen. Dabei ist eine Definition des Begriffs schwierig.

Eine offizielle gibt es nur von der Weltgesundheitsorganisation. Diese spricht von einem Risikozustand, dessen Symptome einzig aus chronischem Arbeitsstress entstanden sind. Als Erkrankung gilt das nicht. „Unter anderem deswegen kann Burnout aktuell auch nicht als Berufskrankheit anerkannt werden“, so Deubner.

Ob das irgendwann der Fall sein wird, sei kaum abzuschätzen. Ein Grund: Die Abgrenzung zu psychischen Erkrankungen wie Depression oder Angststörungen ist schwierig. „Vielleicht ist es sinnvoller, diese für bestimmte Tätigkeiten als Berufserkrankung anerkennen zu lassen“, so der Oberarzt und Psychoanalytiker.

Zudem brauche es noch viel mehr Forschung zu Burnout, „um mögliche Zusammenhänge zu sortieren oder herauszufinden, ob bestimmte Berufsgruppen ein erhöhtes Risiko haben“.

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Stressfaktoren am Arbeitsplatz mindern

Denn bisherige Untersuchungen deuten darauf hin, dass eine stressige Tätigkeit per se nicht zwingend Ursache für das Ausbrennen sein muss. „Es gibt Hinweise, dass eher bestimmte Arbeitsumstände die Entstehung begünstigen. Zum Beispiel ein geringer Gestaltungsspielraum sowie fehlende Wertschätzung oder soziale Unterstützung bei gleichzeitig hohen Anforderungen.“

Auch wer sich – etwa im Kundengespräch – einen schlechten Tag nicht anmerken lassen darf, kann ein größeres Risiko haben.

„All diese Faktoren kann man aber keinen spezifischen Berufen zuordnen“, so Deubner. Anhand vom Geschlecht ist die Differenzierung ebenso schwierig. Zwar bekämen Frauen die Diagnose Burnout etwas öfter als Männer. „Das kann aber auch daran liegen, dass sich Frauen eher Hilfe holen.“

Ohnehin würden viele Betroffene das zu spät tun, so der Experte. Das Problem: „Wenn man die Situation einfach weiterlaufen lässt, ist es sehr wahrscheinlich, dass andere psychische Probleme dazukommen.“

Wer länger als sechs Wochen das Gefühl hat, innerlich gekündigt zu haben, sich aber privat wohlfühlt, sollte mit Vorgesetzten und Betriebsarzt sprechen. So können konkrete Stressfaktoren analysiert und durch Veränderungen am Arbeitsplatz gelöst werden, rät Deubner.

Das bringt die offizielle Anerkennung als Berufskrankheit

Durch die Anerkennung einer Erkrankung als Berufskrankheit, können Betroffene Leistungen aus der Unfallversicherung beziehen – etwa die Übernahme von Kosten für Heilbehandlung, Rehabilitation oder Berufsberatung.

Ab einer Minderung der Erwerbsfähigkeit von 20 Prozent bekommen Menschen mit anerkannter Berufserkrankung auch eine Rente. Bei vollständigem Verlust der Erwerbsfähigkeit beträgt diese zwei Drittel des vor der Erkrankung erzielten Jahresarbeitsverdienstes.

Für psychische Krankheitsbilder gilt das alles nicht. Noch schwieriger ist es beim Thema Burnout: „Solange psychische Probleme ausschließlich im beruflichen Bereich bestehen und keine anerkannte psychische Erkrankung besteht, bezahlen auch die Krankenkassen keine Therapie“, so Dr. Jörg-Hilmer Deubner.

Gerade bei längerfristigen oder ausgeprägten Beeinträchtigungen sollte man sich dennoch unbedingt Hilfe holen, sagt Deubner. So kann abgeklärt werden, ob eine behandlungsbedürftige Erkrankung besteht.

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