Belastung mit Bewegung stemmen

Wenn die Arbeit krank macht (7): Strenge Vorgaben für Anerkennung von Schäden an Wirbelsäule 

Orthopäde Dr. Leonhard Keil hat momentan besonders viele Patienten mit Rückenproblemen. In Hallo klärt er auf.
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Orthopäde Dr. Leonhard Keil hat momentan besonders viele Patienten mit Rückenproblemen. In Hallo klärt er auf.
  • Romy Ebert-Adeikis
    vonRomy Ebert-Adeikis
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Seit Corona klagen rund 25 Prozent mehr über Rücken- und Nackenschmerzen. Warum diese trotzdem nur selten als Berufskrankheit anerkannt werden.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. Derzeit geht es um Berufskrankheiten – zum Beispiel an der Wirbelsäule.

Warum seit der Corona-Pandemie beruflich bedingt Rückenprobleme angestiegen sind und wieso diese dennoch nur selten anerkannt werden, erklärt Orthopäde Dr. Leonhard Keil.

Schmerzen im Nacken oder am Lendenwirbel: Davon berichten Dr. Leonhard Keil zur Zeit besonders viele Patienten. „Etwa 25 Prozent mehr als vor Corona“, schätzt der Facharzt für Orthopädie vom Medizinischen Versorgungszentrum an der Sonnenstraße.

Seine Vermutung: „Im Homeoffice arbeiten viele Menschen an einem ergonomisch ungeeigneten Arbeitsplatz.“

Das hilft dem Rücken bei der Arbeit - Zu diesen Übungen rät der Orthopäde

Übung für den Rücken: Katzenbuckel.
Katzenbuckel: Nach vorne beugen, dabei den Rücken wie eine verängstigte Katze möglichst krumm machen. Die Arme locker nach unten hängen lassen. Nach 40 Sekunden wieder in die Ausgangsposition. „Der Katzenbuckel dehnt die Brust- und Lendenwirbelsäulenmuskulatur“, so Keil. © rea
Orthopäde macht Rückenübungen
Hals-Dehner: Mit dem Arm über den Kopf an das Ohr auf der anderen Seite greifen. Den Kopf leicht zur Seite drücken. Nach 40 Sekunden mit der anderen Seite wiederholen. Die Übung ist für den Trapezmuskel zwischen Schulter und Wirbelsäule geeignet. © rea
Übungen für die Schultern
Achsel-Gucker: Die Hand greift an den Hinterkopf. Kopf nach unten neigen, dann zur Seite sehen. „Als ob man sich in die eigene Achsel schauen möchte“, erklärt Keil. Nach 40 Sekunden die Seite wechseln. Das hilft dem sogenannten Schulter- blattheber (levator scapulae). © rea
Übungen für den Rücken.
Am Marterpfahl: Mit dem Rücken an eine Wand oder Tür stellen, die Beine leicht auseinander. Kopf anlehnen, als ob er hinten platt wäre und das Kinn nach unten ziehen. Dann leicht in die Hocke gehen, bis die Beugung im Knie etwa 90 Grad beträgt. 40 Sekunden halten. © rea

Zu langes Sitzen ist nicht gut für den Rücken


Das Problem: Dass man einer Tätigkeit nachgeht, die hauptsächlich sitzend ausgeführt wird, reicht nicht aus, um Schäden an der Wirbelsäule als Berufskrankheit anzuerkennen.

„Beim Sitzen ist man ja keiner Belastung von außen ausgesetzt“, erklärt Keil. Generell unterliegt die Wertung als Berufserkrankung strengen Vorgaben. „Anerkannt wird nur ein struktureller Schaden an Bandscheiben oder Gelenken.“

Zudem müssen Betroffene eine regelmäßige Belastung über zehn Jahre mit 20 Kilo (Männer) oder zehn Kilo (Frauen) nachweisen – das ist etwa im Baugewerbe oder in der Pflege gegeben.

„Aber wer extremen Belastungen ausgesetzt ist, oft gekrümmt arbeitet oder eine Vorerkrankung hat, kann auch nach weniger Jahren im Beruf Schäden davontragen“, sagt Keil.

Beratung und Unterstützung vom Orthopäden holen

Besonders häufig betroffen ist der Lendenwirbelbereich, da dort die größten Kräfte wirken. Bundesweit wurden 2019 circa 460 Schäden dort als beruflich bedingt gewertet.

„Die Prüfung kann Monate bis Jahre dauern“, so Keil. Der Aufwand sei laut Keil aber dann gerechtfertigt, wenn durchgehende Rücken- oder Nackenschmerzen bestehen, die gegebenenfalls in Schüben stärker werden.

Wem nur ab und an der Rücken zwickt, kann selbst etwas tun. „Wer im Beruf stark belastet ist, sollte sich vom Orthopäden beraten und auf Vorerkrankungen untersuchen lassen“, rät Keil.

Dieser kann Stromgeräte zum Auflockern der Muskeln oder Bandagen zur Stabilisierung der Wirbelsäule verschreiben. Sport und Dehnübungen (siehe Fotostrecke) stärken Rumpf- und Rückenmuskulatur.

„Sind diese schlecht ausgebildet, wird die Wirbelsäule anfälliger für Verschleiß“, so der Experte. Passende Übungen kann man in der Rückenschule oder beim Rehasport kennenlernen. Eine medizinisch-beruflich orientierte Reha (MBOR) hilft Geschädigten zurück ins Arbeitsleben .

Das hilft dem Rücken bei der Arbeit

Dehnungsübungen sind nicht nur für Menschen in körperlichen Berufen, sondern auch für „Schreibtischtäter“ hilfreich. „Wer im Büro arbeitet, sollte immer wieder kurz aufstehen und sich bewegen, spätestens nach 45 Minuten“, rät Orthopäde Leonhard Keil.

Außerdem ist ein ergonomisch eingerichteter Arbeitsplatz wichtig, zu dessen Bereitstellung Arbeitgeber aber nicht verpflichtet sind.

Das hilft dem Rücken bei der Arbeit - Zu diesen Übungen rät der Orthopäde

Übung für den Rücken: Katzenbuckel.
Katzenbuckel: Nach vorne beugen, dabei den Rücken wie eine verängstigte Katze möglichst krumm machen. Die Arme locker nach unten hängen lassen. Nach 40 Sekunden wieder in die Ausgangsposition. „Der Katzenbuckel dehnt die Brust- und Lendenwirbelsäulenmuskulatur“, so Keil. © rea
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Hals-Dehner: Mit dem Arm über den Kopf an das Ohr auf der anderen Seite greifen. Den Kopf leicht zur Seite drücken. Nach 40 Sekunden mit der anderen Seite wiederholen. Die Übung ist für den Trapezmuskel zwischen Schulter und Wirbelsäule geeignet. © rea
Übungen für die Schultern
Achsel-Gucker: Die Hand greift an den Hinterkopf. Kopf nach unten neigen, dann zur Seite sehen. „Als ob man sich in die eigene Achsel schauen möchte“, erklärt Keil. Nach 40 Sekunden die Seite wechseln. Das hilft dem sogenannten Schulter- blattheber (levator scapulae). © rea
Übungen für den Rücken.
Am Marterpfahl: Mit dem Rücken an eine Wand oder Tür stellen, die Beine leicht auseinander. Kopf anlehnen, als ob er hinten platt wäre und das Kinn nach unten ziehen. Dann leicht in die Hocke gehen, bis die Beugung im Knie etwa 90 Grad beträgt. 40 Sekunden halten. © rea

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