Ein Sorgenfilm in Endlosschleife

Typisch Frau, typisch Mann (8): Eine generalisierte Angststörung trifft Frauen eineinhalb Mal öfter

Permanentes Grübeln und die Furcht von Unglück prägen den Alltag der Erkrankten.
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Permanentes Grübeln und die Furcht von Unglück prägen den Alltag der Erkrankten.
  • VonKatrin Hildebrand
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Frauen sind stärker von einer generalisierten Angststörung betroffen als Männer. Welche Gründe es dafür gibt und welche Symptome die Störung nach sich zieht, erklären eine Betroffene und eine Expertin.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. In unserer aktuellen Serie geht es um Erkrankungen, die in besonderem Maße ein Geschlecht betreffen – wie die Generalisierte Angststörung (GAS). Wie sich diese äußert und warum Frauen stärker betroffen sind, berichten eine Patientin und eine Angstspezialistin vom Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie.

Als Petra C. (Name von der Redaktion geändert) Ende 20 war, fühlte sie sich unglaublich erschöpft, von Problemen erschlagen. Damals entschloss sie sich, endlich einen Therapeuten aufzusuchen. „Mir ist klargeworden, dass meine Angst mein Leben sehr stark einschränkt“, sagt die heute 47-Jährige.

An einer Generalisierten Angststörung (GAS), so vermutet sie, litt sie schon als Grundschülerin. Damals bezogen sich ihre Sorgen vor allem auf Eltern und Geschwister. Heute kreisen viele ihrer Gedanken um ihre Familie, die Kinder. Was könnte ihnen passieren? Sind sie in Sicherheit? Welche Gefahren drohen heute oder in der Zukunft?

Petra C. ist damit nicht allein. Sechs Prozent der deutschen Bevölkerung leiden in ihrem Leben einmal an einer GAS. „Das ist gar nicht so wenig“, erklärt Angelika Erhardt, Oberärztin am Max-Plack-Institut für Psychiatrie in München. Alle Angsterkrankungen, so Erhardt, träten bei Frauen häufiger als bei Männern auf, im Schnitt eineinhalb mal so oft.

Oberärztin am Max-Plack-Institut für Psychiatrie: Dr. Angelika Erhardt.

Eine GAS äußert sich in andauernden schwer kontrollierbaren Sorgen und Befürchtungen. Diese beziehen sich auf den Alltag, aber auch auf die Zukunft. „Man kann sich das so vorstellen, dass mir bei so ziemlich jeder Gelegenheit sofort ein Worst-Case-Szenario einfällt“, erklärt Petra C.

Ein Beispiel: „Ich kann meine Mutter telefonisch nicht erreichen. Zuerst habe ich nur ein komisches Gefühl. Ich versuche sie in immer enger werdenden Abständen zu kontaktieren. Die Angst steigert sich derart, dass eine Konzentration auf andere Tätigkeiten nicht mehr möglich ist.“

Jede Situation wird daraufhin abgetastet, was schlimmstenfalls passiert sein könnte: Krankheit, Unfall, Jobverlust, Existenzverlust. Der Sorgenfilm läuft in einer Endlosschleife.

Das macht sich körperlich bemerkbar: mit Herzrasen, hohen Blutdruck, Schlafstörungen oder Verspannungen. Psychiaterin Erhardt spricht von einer „vegetativen Hyper-Erregbarkeit“.

Diese erhöhe das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Manchmal treten Panikattacken auf, viele Betroffene ziehen sich zurück. Oft landen die Patienten mit ihrem Leiden zunächst nicht bei Psychiater oder Therapeuten, sondern wegen der körperlichen Symptome beim Internisten. Nicht immer wird dort eine GAS diagnostiziert. Das verhindert die richtige Behandlung, so Erhardt.

Therapiemöglichkeiten bei einer GAS

Wie bei vielen psychischen Erkrankungen kombinieren Fachleute bei der Therapie zwei Ansätze: Die Psychotherapie, meist eine Verhaltenstherapie, die Patienten im Umgang mit der Angst schult. Und die Medikation.

„Bei mittleren bis schweren Graden setzen wir vor allem angstlösende Antidepressiva ein“, erklärt die Psychiaterin. Angst und Depression sind verwandt. „Sie überlappen einander hinsichtlich der Symptome.“

Warum Frauen von einer GAS häufiger betroffen sind, kann Erhardt nicht eindeutig beantworten. Hormone und Gene können das beeinflussen, aber nicht nur: „Mädchen und junge Frauen sind öfter negativen Erlebnissen ausgesetzt als Männer, auch in ihrer Beziehung zu Menschen, die eine Schutzfunktion ausüben sollten.“ Angst hat mit fehlender Sicherheit und schlechten Erfahrungen zu tun. „Frauen erleben das in unserer Welt häufiger“.

Petra C. findet aktuell viel Kraft in einer Selbsthilfegruppe. „ich sehe, dass es viele gibt, denen es so geht wie mir. Sich aussprechen zu können, sich angenommen zu fühlen, hilft sehr.“

Definitionssache

Früher gab es offiziell zwei Arten von Angststörung: Freuds „Angstneurose“ – ein Mix aus Paniktattacken und Dauerfurcht – und die Phobie. Heute differenzieren Experten zwischen sozialer Phobie (Scheu vor Menschen), spezifischen Phobien wie Flugangst, der Zwangsstörung mit Zwangshandlungen und -gedanken, der Panikstörung (Anfälle von Todesangst), der Posttraumatischen Belastungsstörung (etwa nach Kriegserlebnissen oder sexueller Gewalt) und der GAS.

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