So vielfältig ist Geburt in München

„Gesund heranwachsen“ (2): Bei der Entbindung stehen Sicherheit und Wohlbefinden im Mittelpunkt

Mehrere Babys im Krankenhaus nach der Geburt.
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„Gesund heranwachsen“ - Die Hallo München Serie.

In unserer Gesundheitsseite wird sich ab sofort alles um das Thema „Gesund heranwachsen“ drehen. In diesem Teil geht es um die Geburt und ihre Varianten.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München Themen der Medizin. Aktuell dreht sich alles um das Thema „Gesund heranwachsen“. Das beginnt natürlich schon bei der Geburt. Hallo hat sich in München schlau gemacht, welche Varianten es gibt, welche Vor- und auch Nachteile sie haben und warum es besser ist, sich nicht zu früh festzulegen.

Die Frauenklinik an der Münchner Taxisstraße gehört zu den größten Geburtskliniken Deutschlands. Etwa 3750 Kinder kommen hier jedes Jahr zur Welt. Wie – das ist so vielfältig wie die Gebärenden.

„Darum ist das Geburtsvorbereitungsgespräch für uns sehr wichtig“, sagt Klinik-­Chefarzt Nikolaus von Obernitz. In der Regel kommen die Schwangeren sechs Wochen vor dem errechneten Geburtstermin erstmals in die Klinik, um die Einrichtung kennenzulernen, Wünsche und Sorgen zu besprechen. „Niemand wird zu einer vaginalen Geburt oder einem Kaiserschnitt überredet“, betont von Obernitz. „Wir sprechen in der Vorbereitung ausführlich über beide Varianten.“

Klinik-­Chefarzt Nikolaus von Obernitz

Derzeit sind etwa 35 Prozent der Geburten an der Taxisstraße Kaiserschnitte – aus medizinischen Gründen oder weil die Paare es sich nicht anders vorstellen können. „Es gibt ein zunehmendes Sicherheitsbedürfnis bei den Frauen, vor allem wenn sie nicht unkompliziert schwanger geworden sind“, so der Chefarzt.

Gleichzeitig gebe es bei Kaiserschnitten heute weniger Komplikationen als noch vor 30 Jahren. „Allerdings ist das Risiko höher, dass es bei einer zweiten Geburt Probleme gibt.“ Andererseits hätten auch vaginale Geburten Nachteile – so wird der Beckenboden stark gedehnt und kann Verletzungen davontragen, genauso wie der Damm.

Frauenklinik an der Münchner Taxisstraße

Auch über die Gebärposition oder den Einsatz einer Betäubung der Rückenmarksnerven gegen die Schmerzen – wird gesprochen. Aber: „Manche Frauen kommen mit einer exakten Planung für die Geburt. Das ist aber gar nicht so praktisch. Denn gibt es aus irgendeinem Grund eine Abweichung, entsteht oft viel Unruhe“, sagt von Obernitz.

Er empfiehlt: „Je offener man bleibt, desto leichter tut man sich meistens.“

In den sechs Kreißsälen der Geburtsklinik arbeiten Ärzte und Hebammen Hand in Hand. „Für jede Gebärende ist eine Hebamme zuständig.“ Von ärztlicher Seite ist immer ein Kreißsaal-­Assistent verantwortlich, bei Bedarf kommt der Oberarzt dazu.“ Teamarbeit ist auch danach gefragt: Die Wochenbettstation wird von Wöchnerinnen-­und Kinder-­Schwestern betreut.

„Gebären muss man nicht in Rückenlage“

Hebamme Katja Schindlbeck ist Eines wichtig: „Vor der Geburt muss und sollte die Frau nicht zwangsläufig im Bett liegen, es ist gut, die Mobilität während der Geburt zu gewährleisten. Die Frauen bewegen sich intuitiv.“ Selbst das Gebären sei nicht notwendigerweise am besten in Rückenlage. „Die aufrechte Gebärhaltung hat viele positive Aspekte“, sagt sie. Etwa gebe es weniger Dammverletzungen.

Hebamme Katja Schindlbeck

Um Mobilität und verschiedene Gebärpositionen zu ermöglichen, findet man in Kreißsälen immer häufiger Sproßenwände, Stühle oder auch Gebärhocker.

Wasser: Geburt in der Wanne oder im Pool

Vor etwa zehn Jahren hatten Wassergeburten einen Hype, erinnert sich Geburtsexperte von Obernitz. In der Taxisklinik gibt es zwei Gebärwannen. „Viele Frauen nutzen diese für ein Entspannungsbad am Anfang der Geburt. Ob sie auch darin gebären, ist eine andere Frage.“ Wichtig ist dafür ein normaler Geburtsverlauf. Dann birgt die Methode durchaus Vorteile. „Durch das warme Wasser kann man die Wehentätigkeit koordinieren und das Dammgewebe wird besser auf die Geburt vorbereitet.“ Der Wohlfühlfaktor sorgt dafür, dass die Frauen mit Schmerzen besser zurechtkommen.

Daheim entbinden

Die Zahl der Hausgeburten liegt Hebamme Katja Schindlbeck zufolge seit Jahren konstant bei ein bis zwei Prozent. Etwa 20 bis 25 Prozent geplanter Hausgeburten müssen wegen medizinischer Notfälle schlussendlich aber doch in eine Klinik verlegt werden.

„Man hat bei Komplikationen einfach wenig Möglichkeiten, akut zu intervenieren“, ist Geburtsklinik-Chefarzt Nikolaus von Obernitz gegenübr Hausgeburten skeptisch. Das betreffe nicht nur die Frau: „Ich setze auch mein Kind einem nicht unerheblichen Risiko aus.“ Zudem unterscheiden sich die technischen Möglichkeiten der Überwachung: „Bei einer Hausgeburt werden die Herzschläge des ungeborenen Kindes zum Teil noch mit einem Hörrohr abgehört.“ In der Klinik erfolgt das komplett per Ultraschall.

Hier haben Hebammen das Sagen

Nicht immer wollen werdende Mütter neben einer Hebamme auch einen Arzt bei der Entbindung dabei haben. In diesen Fällen können sie sich an ein sogenanntes Geburtshaus wenden – etwa in der Fäustlestraße im Westend oder an der Theresienwiese. Voraussetzung für eine Geburt dort: Es dürfen keine medizinischen Risiken bestehen, die Schwangerschaft sollte unkompliziert verlaufen sein.

Einen nur von Hebammen geleiteten Kreißsaal kann sich Nikolaus von Obernitz auch in ein bis zwei Jahren für die Frauenklinik an der Taxisstraße vorstellen. „Dort wäre eine echte Eins-zu-Eins Betreuung möglich, ohne dass Notfälle dazwischenkommen“ – anders als im gewöhnlichen Kreißsaal. Der Vorteil der Idee: Bei Bedarf sind die Ärzte dennoch vor Ort.

Corona-Wehen? München steht vor einem Geburtenrekord 

Die Landeshauptstadt erwartet einen Geburtenboom. Waren es 2019 noch 17 509 Kinder, die hier das Licht der Welt erblickten, werden es heuer wohl deutlich mehr sein.

Lara Schnappinger, Sprecherin der Geisenhofer Klinik, bestätigt: „In der Tat steuern wir 2020 auf ein Rekordjahr in unserer Klinik zu, auch durch einen sehr geburtenstarken Sommer. Im November erwarten wir vier Prozent mehr Babys als 2019, Tendenz steigend.“ Marten Deseyve vom Helios Klinikum München West meldet sogar noch mehr: „Wir können in diesem Jahr einen erfreulichen Zuwachs von über 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verzeichnen, rechnen bis Jahresende mit 1150 Entbindungen.“ Im Dritten Orden liegt man momentan bei der Bettenbelegung der Wöchnerinnen wie 2019: „Da hatten wir 233 Geburten.“

Doch durch Lockdown, Homeoffice und Kurzarbeit während der Corona-Krise könnten diese Rekordzahlen 2021 sogar noch getoppt werden: „Für Januar 2021 verzeichnen wir aktuell einen Anmeldungsanstieg für Geburten um etwa 15 bis 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr“, so Monika Das von den Kliniken der Schwesternschaft München, zu der die Geburtsklinik in der Taxisstraße gehört.

„Gesund heranwachsen“ (1): Eine Hebamme klärt Mythen rund um die Schwangerschaft auf

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