Anerkennung bestimmen Juristen

Wenn die Arbeit krank macht (2): Expertin klärt über Berufskrankheiten auf und gibt Bürokratie-Tipps

Wer den Verdacht hat, dass die Arbeitstätigkeit ihn krank macht, sollte das vom Betriebsarzt checken lassen. Einen solchen muss jeder Arbeitgeber vorweisen können.
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Wer den Verdacht hat, dass die Arbeitstätigkeit ihn krank macht, sollte das vom Betriebsarzt checken lassen. Einen solchen muss jeder Arbeitgeber vorweisen können.
  • Romy Ebert-Adeikis
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Was ist eigentlich eine Berufskrankheit? Hallo hat eine Expertin zu dem Thema befragt. Sie erklärt auch, an wen sich Arbeitnehmer am besten wenden können.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. Derzeit liegt der Fokus auf sogenannten Berufskrankheiten. Was diese eigentlich ausmacht und wohin sich Arbeitnehmer bei Problemen wenden sollten, erklärt Dr. Caroline Quartucci vom Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität München.

Was ist eine Berufskrankheit?

„Was eine Berufskrankheit ist, bestimmt nicht ein Arzt, sondern Juristen“, sagt Arbeitsmedizinerin Dr. Caroline Quartucci (kl. Foto). Dafür gibt es eine Liste mit anerkannten Diagnosen, derzeit 80 Stück. „Was nicht auf der Liste steht, ist auch keine Berufskrankheit.“ Ein Sachverständigenrat berät das Ministerium für Arbeit und Soziales bei der Entscheidung, welche Krankheiten in die Liste aufgenommen werden. „So fließen auch neue Forschungsergebnisse ein“, sagt Quartucci vom Institut für Arbeitsmedizin. Dessen Leiter, Professor Dennis Nowak, ist eines von elf Mitgliedern im Expertenrat.

Gelten weitere Voraussetzungen?

Bei manchen Erkrankungen gab es bislang einen „Unterlassungszwang“. Heißt: Der Betroffene musste vor Anerkennung alle gefährdenden Tätigkeiten aufgeben. „Zum 1. Januar 2021 ist das weggefallen“, erklärt Quartucci, die jetzt mit gravierenden Änderungen bei der Anerkennung von Diagnosen rechnet. „Die beste Quote hatte bisher Lärmschwerhörigkeit“, so die Arbeitsmedizinerin. Sie vermutet, dass ab sofort deutlich mehr Hauterkrankungen und allergisches Asthma anerkannt werden könnten.

Arbeitsmedizinerin vom Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität München: Dr. Caroline Quartucci.

Gibt es auch psychische Berufserkrankungen?

Aktuell werden psychische Erkrankungen nicht in der Berufskrankheitenliste geführt. Psychische Komplikationen von Berufskrankheiten können aber entschädigt werden. Posttraumatische Belastungsstörungen könnten als Folge eines Arbeitsunfalls anerkannt werden. „Etwa bei Lokführern nach Personenschaden“, sagt Quartucci.

Kann zu viel Sitzen anerkannt krank machen?

Langes Sitzen – etwa am Schreibtisch – ist nicht gesund. Kommt es deswegen zum Bandscheibenvorfall, reicht das für eine Anerkennung als Berufskrankheit aber nicht aus. „Wer in der Pflege arbeitet, kann das Heben von Personen nicht vermeiden. Wer im Büro arbeitet, kann sich theoretisch bewegen“, erläutert die Expertin. Probleme durch zu viel Sitzen sind stattdessen arbeitsassoziierte Erkrankungen. „Das heißt, man kann mit Ergonomie oder Verhaltensänderungen den Problemen gegenwirken.“

Wie lange dauert es bis zur Anerkennung einer Berufserkrankung?

„Das ist ganz unterschiedlich. Manche Verfahren dauern nicht so lange, etwa bei der Lärmschwerhörigkeit“, so Quartucci. Bei allergischen Reaktionen sind hingegen meist umfassende Tests nötig. „Das dauert oft Wochen bis Monate.“ Wird eine Anerkennung von den Berufsgenossenschaften abgelehnt, kann der Betroffene dann noch vor dem Sozialgericht klagen.

Wo wende ich mich am besten hin, wenn ich den Verdacht habe, durch meine Arbeit zu erkranken?

Grundsätzlich ist jeder Arzt dazu verpflichtet, den Verdacht auf eine Berufskrankheit zu melden. Auch Arbeitgeber, Krankenkasse oder der Betroffene selbst können das tun. „Da reicht auch ein formloses Schreiben an die Berufsgenossenschaft“, so Quartucci. In den meisten Fällen ist aber der Betriebsarzt der beste Ansprechpartner. Dieser kann direkt notwendige Tests oder Verbesserungen am Arbeitsplatz einleiten. „Viele wissen nicht, dass jeder Arbeitgeber gesetzlich dazu verpflichtet ist, einen Betriebsarzt zu haben.“ Bei kleineren Firmen sind oft überbetriebliche Dienste zuständig.

Corona als Berufskrankheit?

Auch Infektionskrankheiten – wie Covid19 – können als Berufserkrankung anerkannt werden, wenn sich medizinisches Personal bei Patienten ansteckt. Bislang ging es dabei meist um Tuberkulose. „Seit 2020 nehmen aber die Zahlen wegen Corona immer mehr zu“, sagt Arbeitsmedizinerin Caroline Quartucci. Noch unklar ist, ob in Zukunft auch Folgen von Long-Covid einen Anspruch auf Berufserkrankungs-Rente nach sich ziehen.

Romy Ebert-Adeikis

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