Erinnerungungen statt Christkindlmarkt

Adventsserie (3): Welcher Rockstar einst vom Glühweinstand verwiesen wurde

Michael Reuss und seine Familie betreiben den ältesten Stand auf dem Christkindlmarkt am Marienplatz. Heuer bleibt auch er zu.
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Michael Reuss und seine Familie betreiben den ältesten Stand auf dem Christkindlmarkt am Marienplatz. Heuer bleibt auch er zu.

Michael Reuss betreibt den ältesten Stand auf dem Christkindlmarkt am Marienplatz. Er schwelgt in Erinnerungen und erzählt, welcher Rockstar vom Stand verwiesen werden musste.

Corona-bedingt wurden alle Münchner Adventsmärkte abgesagt. In dieser Serie bringen wir einige der Budenbesitzer mittwochs und samstags quasi zu Ihnen nach Hause – und verraten, wie sehr sie der Ausfall schmerzt und ob man ihre Produkte heuer andernorts erwerben kann.

Für Michael Reuss und seine Familie ist heuer vieles Neuland: zusammen Winterwanderungen machen, Weihnachtsfilme schauen und an Heiligabend nicht erst spätabends nach Hause kommen. Normalerweise stehen die Planegger hinter der Theke von Münchens ältestem Glühweinstand, 1969 gegründet von Reuss’ Eltern.

„Mein Vater starb, da war ich zehn. Ab dann musste ich meiner Mutter am Stand helfen.“ Eine Vorweihnachtszeit ohne Christkindlmarkt am Marienplatz kennt Reuss nicht. „Dass es dieses Jahr so ist, kommt mir unwirklich vor.“

Christkindlmarkt am Marienplatz: Michael Reuss betreibt den ältesten Stand

Kaum jemand kennt die Entwicklung des zentralen Münchner Christkindlmarkts so gut wie der 51-Jährige: von den Anfängen an der heutigen Schrannenhalle, über den Umzug an den Marienplatz 1972, bis zur Einführung der Tassenpflicht – vorher wurde aus Bechern getrunken – Ende der 80er. „Bis dahin mussten wir auch zur Hälfte noch anderes verkaufen, anfangs waren das Zwetschgenmandl, später Porzellanpuppen“, erzählt Reuss, der hauptberuflich in der Finanzbranche tätig ist. Einen Heiratsantrag hat er an seinem Stand genauso miterlebt wie die Umstellung auf Bio-Wein.

Seit 2015 hat Reuss an dem Glühweinstand allein das Sagen und ist auch für das Hüten des Familienrezepts verantwortlich. „Das ist von meiner Urgroßmutter“, verrät er. An Bude Nummer 58 wird die Mischung mehrfach am Tag neu aufgesetzt und der Glühwein frisch verkauft – und zwar nur dort. „Wir werden ihn dieses Jahr also auch vermissen“, so Reuss.

Historische Erinnerungen: Rockstar musste vom Stand verwiesen werden

Doch viel mehr fehlen ihm die Atmosphäre und seine Gäste: Das Pärchen, das seit 30 Jahren auf eine dampfende Tasse vorbeikommt. Der Geschäftsmann aus den USA, der seine Termine in München immer absichtlich in den Advent legt. Oder der Nikolaus, der sich mit dem Glühwein warmhält.

Gerade hat Reuss eine E-Mail aus England bekommen, in der ein früherer Kunde um eine Tasse bittet – die alte war kaputtgegangen. „Das ist das Schönste an dem Stand“, so der 51-Jährige. „Dass bei uns alle Kulturen, soziale Schichten, Hautfarben friedlich ihren Glühwein trinken.“

Nur Einer hat das nicht geschafft: der britische Rockmusiker Pete Doherty. „Der war so zugekokst, den mussten wir vom Stand verweisen.“

Tipps vom Profi: So klappt‘s mit dem Glühwein dahoam

„Das A und O ist, dass der Glühwein nicht zu süß ist, notfalls kann man nachsüßen“, sagt Michael Reuss. „Dann bekommt man auch kein Kopfweh.“ Der Wein selbst sollte weder zu kräftig noch zu leicht sein. „Ein guter italienischer Hauswein ist am besten geeignet.“ Nicht fehlen dürfen Orange, Zitrone, Zimt, Nelken, Stern-Anis und ein Schuss Zitronensaft, die Gewürze sollen im kalten Wein – etwa in einem Leinensack – ziehen, bevor das Gemisch erhitzt wird. Dabei ganz wichtig: „Der Wein sollte auf maximal 75 Grad erwärmt werden, sonst kocht der Alkohol raus.“

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