Blick in verschlossene Buden

Adventsserie (9): Ein Sozialstand in Haidhausen mit Kunsthandwerk ‒ Echte Unikate von Obdachlosen

Sonst verkaufen Obdachlose die handgefertigten Waren am Haidhauser Weihnachtsmarkt
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Sonst verkaufen Obdachlose die handgefertigten Waren am Haidhauser Weihnachtsmarkt

Kunsthandwerk von Obdachlosen - verkauft auf dem Christkindlmarkt in Haidhausen. „Die Dackel aus Holz sind sehr beliebt“, sagt Johannes Braun, der das Adolf-Mathes-Haus leitet.

Corona-bedingt wurden alle Münchner Adventsmärkte abgesagt. In dieser Serie bringen wir einige der Budenbesitzer mittwochs und samstags quasi zu Ihnen nach Hause – und verraten, wie sehr sie der Ausfall schmerzt und ob man ihre Produkte heuer andernorts erwerben kann.

Ein Holzdackel sitzt im Regal, in der Vase blühen Metallrosen und daneben türmen sich Müslischalen aus Ton – alles handgemachte Unikate. Obdachlose Männer töpfern, schnitzen oder schweißen die Gegenstände.

Sie sind jedes Jahr der Renner am Haidhauser Christkindl­markt: „Die Dackel aus Holz sind sehr beliebt“, sagt Johannes Braun, der das Adolf-Mathes-Haus leitet – eine Einrichtung des Katholischen Männerfürsorgevereins (KMFV), die Wohnungslose in die Gesellschaft integrieren will.

Kunsthandwerk von Obdachlosen auf dem Christkindlmarkt

60 Männer leben dort, zwischen 18 und 63 Jahren alt. „Der Bezirk Oberbayern sieht vor, dass sie zwischen 18 und 24 Monaten bei uns sind“, sagt Braun. „Aber manche brauchen mehr Zeit.“

Denn: Wer obdachlos wird, dem reichen oft neue Wohnung und neuer Job nicht für eine Sozialisation. „Eine Wohnung hatten viele vorher auch, bis sie die Arbeitsstelle verloren haben“, sagt Braun.

Stattdessen erlernen sie im Adolf-Mathes-Haus, wie es ist, in Gemeinschaft zu leben. Sie bekommen Unterstützung bei Suchtproblemen, erwerben Sozialkompetenz und eine Tagesstruktur.

Ute Bewer und Johannes Braun vor dem Laden des Adolf-Mathes-Hauses.

Dass der Weihnachtsmarkt am Weißenburger Platz heuer nicht stattfinden kann, ist zwar vielleicht nicht existenzbedrohend – die Regierung bezuschusst die Einrichtung.

Aber die Hütte ist aus einem anderen Grund so wichtig für die Wohnungslosen: „Die Bude gibt ihnen Selbstvertrauen, sie sind stolz, dass die Werke für Geld verkauft werden“, sagt Ute Bewer, die den Betrieb der Hütte leitet. Und: „Sie sind mittendrin, mitten in der Gesellschaft – nicht am Rand.“ Denn die Männer verkaufen ihre Waren auch selbst – und erzählen so manches mal am Stand auch ihre Geschichte.

Weil das heuer nicht möglich ist, hat sich die Projektleiterin etwas anderes überlegt: In der Hans-Sachs-Straße, wo sich das Wohnheim befindet, gibt es einen kleinen Laden. Hier konnte das Selbstgemachte trotzdem gekauft werden – bis zum Lockdown.

               

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