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Typisch Frau, typisch Mann (4): Eigene Referentin für Gender-Medizin bei den München Kliniken 

Hildegard Seidl ist seit 2018 Referentin für Gender-Medizin bei den München Kliniken. Die Stelle gibt es seit 2013.
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Hildegard Seidl ist seit 2018 Referentin für Gender-Medizin bei den München Kliniken. Die Stelle gibt es seit 2013.
  • Romy Ebert-Adeikis
    VonRomy Ebert-Adeikis
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Diese Woche hat Hallo mit der Referentin für Gender-Medizin der München Kliniken gesprochen. Sie verrät, wo noch Lücken bei der geschlechtsspezifischer Behandlung sind.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. In unserer aktuellen Serie geht es um Erkrankungen, die in besonderem Maße nur ein Geschlecht betreffen. Wie diese – und andere Unterschiede zwischen Mann und Frau – den Klinikalltag beeinflussen, ist das Metier von Dr. Hildegard Seidl. Sie ist Referentin für Gender-Medizin bei den München Kliniken. Was dabei ihre Aufgaben sind und wo es bei geschlechtsspezifischer Behandlung noch hakt, verrät sie in Hallo.

Das Risiko, einen schweren Covid19-Verlauf zu haben oder daran sogar zu sterben, ist bei Männern doppelt so groß wie bei Frauen. Bei Frühgeborenen haben Mädchen bessere Überlebenschancen als Jungen – wahrscheinlich, weil ihr Immunsystem besser ist.

Und Autoimmunkrankheiten wie multiple Sklerose treten bei Frauen deutlich häufiger auf. „Das ist die Kehrseite eines stärkeren Immunsystems“, sagt Dr. Hildegard Seidl. Die Humanbiologin ist Referentin für Gender-Medizin und -Pflege bei den München Kliniken und damit bundesweit einzigartig.

Keine andere kommunale Klinik in Deutschland beschäftigt eine Spezialistin für die Geschlechterunterschiede. Die Stelle wurde 2008 durch engagierte Stadträtinnen initiiert. Dabei sind die Unterschiede bei Erkrankungen nur ein kleiner Teil von Seidls Gebiet.

Biologische und soziale Faktoren spielen Rolle bei der Gesundheit

„Bei Gender-Medizin geht es darum, dass alle biologischen, aber auch sozialen Faktoren berücksichtigt werden, welche die Gesundheit beeinflussen könnten“, so die 57-Jährige. Das beginnt etwa bei alten Rollenbildern: So bitten männliche Patienten seltener um Hilfe, um nicht als schwach dazustehen.

Aber auch bei der Therapie, dem Umgang mit einer Diagnose oder der Prävention ticken Frauen und Männer oft ein wenig anders. „Zum Beispiel sind Männer eher Präventionsmuffel. Wir müssen uns also überlegen, wie wir gerade sie dazu bringen, Vorsorgeangebote anzunehmen.“

Dafür arbeitet Seidl Forschungspublikationen zu Gender-Medizin auf, für Fachpersonal wie für Laien. Sie initiiert und begleitet Projekte und hält Schulungen ab (siehe unten) .„Zum Beispiel im Medizin-Studium ist das Thema bisher nur an wenigen Universitäten verankert“, sagt die Referentin.

Verbesserungsbedarf in der Medikamentenforschung

In ihrem praktischen Jahr an einer der München Kliniken bekommen angehende Ärzte deshalb entsprechende Vorlesungen. Auch Auszubildende in der Pflege oder OP-Assistenz werden diesbezüglich geschult. „Gerade zu Unterschieden bei der Kommunikation oder der Patientenversorgung gibt es oft keinerlei Vorkenntnisse.“

Großen Verbesserungsbedarf sieht Seidl auch beim Thema Medikamentenforschung. Bei Studien dazu ist gesetzlich festgesetzt, dass – proportional zum Auftreten der Krankheit bei Männern und Frauen – entsprechend viele weibliche und männliche Teilnehmer untersucht werden müssen.

„Doch gerade bei Herzinsuffizienz, HIV oder Nierenerkrankungen sind Frauen unterrepräsentiert. Zudem: „Die meisten Studien werden nicht geschlechterspezifisch ausgewertet.“ Denn dafür müssten doppelt so viele Personen teilnehmen. Das ist teuer und wird oft auch nicht genehmigt.

Seidls Vision: „Dass bei jeder Studie zwingend eine Subgruppenanalyse und bei Bedarf eine zweite Untersuchung gemacht werden muss“. Denn, so betont die Expertin: „Nur, wenn wir die Unterschiede kennen, können wir in der Klinik darauf reagieren.“

Münchner Projekte der Gender-Medizin

• Seit 2019 gibt es an der Kinderklinik Schwabing eine „Jungensprechstunde“. Dort können männliche Jugendliche Fragen zur körperlichen Reifung und sexuellen Entwicklung stellen.

• Eine Online-Bibliothek mit Publikationen zu Gender-Medizin bietet Informationen für Fachpersonal. Zudem gibt es regelmäßig Weiterbildungen für Fachärzte

• Für Laien und niedergelassene Ärzte gibt es Literatur-

überblicke zu Unterschieden bei Herzerkrankungen.

• Seit zwei Jahren wertet Hildegard Seidl Daten aus dem Qualitätsmanagement der München Kliniken aus, um geschlechtsspezifische Auffälligkeiten zu entdecken.

• Neuestes Projekt: Im Auftrag der Stadt sollen innerhalb von drei Jahren Erstversorger wie Rettungssanitäter oder Notärzte geschult werden. Dabei geht es nicht nur um Unterschiede bei Männern und Frauen in der Notfallmedizin, sondern auch um Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund. „Sobald wir dafür einen Arzt oder Ärztin gefunden haben, startet das Projekt“, so Seidl.

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