Wenn das Zittern nicht aufhört

Typisch Mann, typisch Frau (6): Die Diagnose Parkinson trifft fast doppelt so oft Männer

Professor Dr. Paul Lingor von der Klinik für Neurologie am Rechts der Isar.
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Professor Dr. Paul Lingor von der Klinik für Neurologie am Rechts der Isar.
  • Marie-Julie Hlawica
    VonMarie-Julie Hlawica
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Die Nervenkrankheit Parkinson ist bis heute nicht heilbar. Männer haben ein fast doppelt so großes Risiko als Frauen. Professor Dr. Paul Lingor spricht über Behandlungsmethoden.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. Aktuell geht es um Erkrankungen, die in besonderem Maße ein Geschlecht betreffen – so wie Parkinson. Wie Betroffene derzeit medizinisch begleitet werden und woran die Forschung arbeitet, erklärt Professor Dr. Paul Lingor von der Klinik für Neurologie am Rechts der Isar.

Die ersten Symptome für Morbus Parkinson kommen für den Patienten fast unauffällig und schleichend: Es beginnt mit Muskelzittern und Gelenke-Steifheit, die Feinmotorik lässt nach. Plötzlich kann man sein Hemd nicht mehr wie gewohnt zuknöpfen, die eigene Schrift wird ungewollt kleiner, schlechter lesbar.

„Wenn der Körper in gewohnten, alltagsrelevanten Situationen nicht mehr so kann, wie noch vor kurzem, können das tatsächlich erste Anzeichen von Parkinson sein“, weiß Professor Dr. Paul Lingor, der mit einem Kollegen die Spezialambulanz für Motoneuron- und Parkinsonerkrankungen am Klinikum Rechts der Isar leitet.

Lingor beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit der Nervenkrankheit, die innerhalb von sechs Monaten von guter Beweglichkeit zu starken Einschränkungen führen kann. In seiner täglichen Sprechstunde sieht der Experte „mehr Männer als Frauen, das Gros unserer langzeitbetreuten Patienten ist zwischen 50 und 80“.

Männer haben ein fast doppelt so hohes Risiko als Frauen

Der Deutschen Gesellschaft für Parkinson zufolge beträgt das Risiko einer Erkrankung bei Männern zwei Prozent, bei Frauen nur 1,3 Prozent. Wo der Unterschied herrührt, können Mediziner bis heute nicht erklären.

Ebenso ist noch unklar, warum bei Parkinson die Nervenzellen im Gehirn kaputtgehen, die für die eigene Dopaminproduktion im Körper und damit für die gesamte Steuerung der Bewegungen zuständig sind.

„Man kann diese Krankheit bis heute nicht aufhalten und ausheilen, das ist bisher tatsächlich nicht möglich. Aber man kann sie sehr gut begleiten, die Symptome, anhand der wir die klinische Diagnose erstellen, verbessern“, so Lingor.

Tut man allerdings nichts, kann es früh zur Bewegungsunfähigkeit, eingeschränkter Mimik und starken Schluckbeschwerden kommen. Oft werden Erkrankte durch ihre auffällige Motorik stigmatisiert, durch das Zittern oder den schwankenden Gang als Alkoholiker verurteilt.

Behandlungsmethoden sind heutzutage sehr gut

Etwa 30 Parkinsonwirkstoffe kennt die Medizin heute. „Am vielversprechendsten ist meiner Meinung nach Levodopa, das die Dopaminproduktion im Körper steuert und vom Gehirn aufgenommen wird.“ Die operative Methode ist der Einsatz von Elektroden im Kopf.

„Die Tiefenstimulation setzt die Erkrankung nachweisbar um etwa fünf Jahre zurück. Da der Stimulator aber nur begrenzt anpassbar ist, müssen wir zusätzlich Medikamente dosieren, den Behandlungsplan fortlaufend korrigieren.“ Auch Physiotherapie, Logopädie und Ergotherapie kommen zum Einsatz. „Die Behandlungsmethoden sind heute sehr gut, so dass die Lebensdauer der Patienten genauso hoch ist wie bei gesunden Menschen.“

Aktuelle Forschungsreihen (siehe unten) versuchen Stammzellen zu nutzen und Hautzellen als Nervenzellen zu züchten, um den Botenstoff Dopamin selbst herzustellen. Lingor bleibt aber – mit dem jetzigen Kenntnisstand der Forschung – ehrlich: „Parkinson wird der Patient jeden Tag sehen oder spüren. Doch die Chancen der Medizin, in den nächsten Jahren weitere gute Präparate zu finden, sind hoch.“

München startet Studie

Die Deutsche Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen verfolgt mit der „Parkinson-Agenda 2030“ das Ziel, angesichts des massiven Erkenntniszuwachses der Forschung noch in diesem Jahrzehnt die erste ursächliche Behandlung gegen Parkinson zu entwickeln.

Auch in München gibt man sich – was die Ursachen der Krankheit betrifft – mit dem derzeitigen Forschungsstand nicht zufrieden. So startet das Klinikum Rechts der Isar Ende des Jahres eine deutschlandweite akademische Studie.

Professor Paul Lingor: „Patienten, die interessiert sind, an Studien zum Morbus Parkinson teilzunehmen, können sich jederzeit an unsere Sprechstundenambulanz wenden.“ Telefon: 41  40 46 30.

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