1. hallo-muenchen-de
  2. Serien

Zwischen Wissenschaft und Wunder: Eine Münchnerin ist die erste Frau, die eine Samenbank leitet

Erstellt:

Von: Marie-Julie Hlawica

Kommentare

Constanze Bleichrodt ist Geschäftsführerin der Münchner Samenbank.
Constanze Bleichrodt ist Geschäftsführerin der Münchner Samenbank. © privat

Die Geschäftsführerin der Münchner Samenbank, Constanze Bleichrodt, ist die erste Frau ihrer Zunft. Hier erzählt sie über ihren Job und seine Schwierigkeiten.

Schwanger zu werden ist nicht für alle, die es werden wollen, selbstverständlich. Wie beschwerlich der Weg für manche Paare und Singlefrauen mit Kinderwunsch sein kann, weiß Constanze Bleichrodt, Chefin der Münchner Cryobank. Seit 15 Jahren leitet die Psychologin heute die Samenbank in Solln, die ihr Vater als Gynäkologe 1983 gegründet hat.

Welche Hürden und Schwierigkeiten es trotz steigender Nachfrage gibt, mit welchen Vorurteilen Samenspender wie Patienten zu kämpfen haben, wie wichtig psychologische Betreuung ist und welchen Spitznamen der Stickstoff-Kühlraum mit den Spermien trägt, erzählt sie Hallo München.

*HalloMuenchen.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.
*HalloMuenchen.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA. © Hallo München

Constanze Bleichrodt (45), Geschäftsführerin der Münchner Cryobank, von A bis Z

Angst vor einem Besuch bei uns ist unnötig. Wir sind knapp zehn Leute, ein einfühlsames Frauenteam, das tut der Sache gut – bei Spender oder Patient.

Babys bestellen? Das geht bei uns nicht! In Dänemark sind die Gesetze anders geregelt, aber bei uns gibt es weder Fotogalerien von Spendern noch Wunschmerkmale wie blaue Augen zum Ankreuzen.

Cryokonserviert sind die vorbereiteten, selektierten Spermien: „Straws“, sogenannte Strohhalme mit je etwa 0,3 Milliliter und Millionen von Spermien, werden bei Minus 169 Grad in flüssigem Stickstoff gelagert. Aufgetaut müssen sie in einer Stunde verbraucht werden. 

Datenschutz ist nicht nur dem Gesetzgeber, sondern auch uns wichtig. Eine Kontaktaufnahme der Patienten mit dem Spender vor der Befruchtung und in den Jahren danach ist rechtlich unmöglich.

Eizellenspende ist hier verboten. Frauen, die null oder wenige befruchtungsfähige Eizellen produzieren, gehen ins Ausland, mit hohem Gesundheitsrisiko.

Familienplanung:  Spermien werden an etwa zehn Familien vergeben, sie wissen nichts voneinander. Wer mehr Nachwuchs von einem Spender plant, „blockiert“ dessen Sperma.

Geld: Man muss sich künstliche Befruchtung leisten können. Knapp 1000 Euro kostet die Grundgebühr für einen Spermien-Straw. Mit ärztlicher Hilfe werden es rund 2000 Euro, das Komplettpaket mit Spermien und Hormonbehandlungen kostet schnell eine fünfstellige Summe.

Herkunftsauskunft bekommt ein Kind, das einer Samenspende entstammt, ab seinem 16. Lebensjahr. Es kann erfahren, wer sein genetischer Vater, also Samenspender, ist. Umgekehrt erfährt der Spender nicht, wer und wie viele Kinder durch ihn entstanden sind.

IUI, ICI, MOE sind nur einige Abkürzungen der Behandlungsmöglichkeiten, um mit ärztlicher Hilfe schwanger zu werden. Manche unterstützen die Krankenkassen, Unfruchtbarkeit beim Mann nicht.

Jubeln tun wir gerne: Mit jedem einzelnen Patienten, der mit unserer Samenspende ein Kind zur Welt bringen darf.

Katalogauswahl zum Wunschkind gibt es nicht, sondern ausführliche Informationen und Fragebogen, die unserem Team die Spender-Auswahl im Gespräch mit den Patienten ermöglichen. Wir achten aber darauf, dass Spender und Wünsche, wie ähnliche optische Anlagen, zusammenkommen. 

Lesbische und heterosexuelle Paare fragen uns in etwa ähnlichem Verhältnis an. Auffällig ist, dass ich seit gut zwei Jahren bei jedem dritten oder vierten Gespräch Singlefrauen mit Kinderwunsch berate. 

Männer, die hier als Spender infrage kommen, sind etwa 25 bis 35 Jahre, gesund, sportlich, ohne Vorerkrankungen. Wir mustern und „waschen“ die Spermien, überprüfen sie auf Fertilitätsfaktoren. 

Name: Samenbank heißt korrekt Gewebe-Bank, denn bei uns wird „Gewebe“ in einem Zimmer voller Stickstofftanks gelagert. Dieser etwa nur 20 Quadratmeter große Raum wurde einmal Schatzkammer genannt, das gefällt mir. 

Ohne unsere Samenspender gäbe es weniger Babys, denn die Nachfrage steigt. Im vergangenen Jahr hatten wir 750 Anfragen, 2600 Behandlungen.

Peinlich ist es heute, nicht zuzugeben, das man Spendersperma oder eine künstliche Befruchtung benötigt. Man darf offen damit umgehen, denn niemand steht alleine da. Bei etwa einem Prozent der Geburten in Deutschland gab es Unterstützung, das sind jährlich rund 7800 Kinder.

Qualität bringt Quote? Es gibt bei aller Spermien-Qualität keine Garantie auf ein Baby, das muss man deutlich sagen. Auch wenn äußerlich alle Faktoren stimmen, niemand ist Gott. Da entscheidet noch etwas Höheres bei der Schöpfung.

Richtigstellen muss man das Bild in den Sozialen Medien. US-Promis, die mit über 50 ein Kind bekommen, suggerieren, dass das „einfach“ bei jeder Frau möglich ist. Dabei erwähnt niemand Anzahl der Versuche, Eizellenspenden oder jahrelange Hormonbehandlung.

Social Freezing, das Einfrieren eigener Eizellen, muss früh erfolgen. Bis zum 30. Lebensjahr passen Anzahl und Qualität der Eizellen, die zur Reproduktion infrage kommen noch sehr gut.

Therapie hilft, die Gefühlsspirale bei der Behandlung zu meistern. Der unerfüllte Kinderwunsch, diese ungewollte Kinderlosigkeit, führt oft zur existenziellen Lebenskrise. 

Unterstützung des Hormonhaushaltes erhöht die Wahrscheinlichkeit auf Schwangerschaft. Manche Frauen benötigen leider einen ganzen Medikamenten-Cocktail, um ein Baby zu bekommen.

Vater der Samenbank und eben mein Vater ist Gynäkologe, Endokrinologe und Reproduktionsmediziner. Er war vor 40 Jahren einer der wenigen, der kinderlose Paare in Deutschland mit Samenspende behandelt hat.

Weinen darf man bei uns, wenn einem danach ist. Der Frust und die Trauer darüber, dass es auch mit Samenspende keine Garantie für eine Schwangerschaft gibt, das muss raus, auch dafür sind wir selbstverständlich da. 

Xtrem hart ist, wenn man sich vom Kinderwunsch verabschiedet, ob aus Geldmangel, Alter, wenn der Partner nicht mehr will oder der eigene Körper nicht mehr kann. Gut ist, vor Beginn der Behandlung zu sagen: bis dahin und nicht weiter.

Y-Chromosom: Ob Junge oder Mädchen, eine konkrete die Geschlechterbestimmung vorab ist weltweit nicht erlaubt. Ausländische Kliniken machen es wohl trotzdem und bestimmen das Geschlecht vorab.

Zahl der Männer, die bei uns Samen hinterlegt, variiert. Kurzfristig verfügbar sind derzeit etwa 70 Spender.

Quelle: www.hallo-muenchen.de

Auch interessant

Kommentare