„Panik ist nicht angebracht“

Typisch Frau, typisch Mann (1): Gynäkologie-Chefarzt will Angst vor der Diagnose Brustkrebs nehmen

Dr. Michael Braun Rotkreuzklinikum München
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Dr. Michael Braun ist Leiter des interdisziplinären Brustzentrums am Rotkreuzklinikum.
  • Romy Ebert-Adeikis
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Brustkrebs ist oft eine Schockdiagnose: Die Angst vor der Chemo ist aber meist schlimmer als der Krebs selbst. Und: Auch Männer können von der Krankheit betroffen sein.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. In unserer neuen Serie geht es um Erkrankungen, die in besonderem Maße nur ein Geschlecht betreffen – so wie Brustkrebs. Warum die Heilungschancen heute besser denn je sind und wieso der Krebs nicht nur Frauensache ist, erklärt Professor Dr. Michael Braun vom Rotkreuzklinikum München.

Etwa 70 000 neue Brustkrebspatienten gibt es jedes Jahr in Deutschland, nur jeder hunderte ist ein Mann. „Es ist vorrangig eine Erkrankung des Milchapparats, der beim Mann nur rudimentär ausgeprägt ist. Zudem verfügen Männer über geringere Östrogen-Level“, erklärt Professor Dr. Michael Braun – Leiter des interdisziplinären Brustzentrums am Rotkreuzklinikum München –, was den Unterschied macht.

Das Tückische daran: Weil Brustkrebs bei Männern so selten ist, werden Betroffene oft lang von einem Arzt zum anderen geschickt. „Bemerkt ein Mann einen Knoten in seiner Brust, sollte er sich zur Abklärung lieber gleich an ein Brustzentrum wenden“, rät Braun. So kann der Tumor rasch eingestuft und in einem früheren Stadium behandelt werden.

Bei Frauen hingegen ist ein Karzinom in der Brust die mit Abstand häufigste Krebserkrankung. „Die Ursache dafür, dass es so häufig ist, ist noch Gegenstand der Forschung. Es gibt aber Vermutungen, dass unter anderem Umwelteinflüsse und Lebensumstände eine Rolle spielen“, so der Chef-Gynäkologe.

Das interdisziplinäre Brustzentrum des Rotkreuzklinikums liegt in der Taxisstraße.

Brustkrebs: Selten Fällen bei Männern - Häufigste Krebsart bei Frauen

Einen besonders großen Anstieg der Fälle habe es zwischen 2005 und 2009 gegeben, als das Mammografie Screeningprogramm in Deutschland eingeführt wurde. Immer wieder ist Kritik laut geworden, dass es dabei zu vielen Falschdiagnosen kommt. Chef-Gynäkologe Braun lässt das nicht gelten: „Die Probleme damit stehen in keinem Verhältnis zu dem, was wir durch die Untersuchungen verhindern.“

Im Rahmen des bayerischen Screeningprogramms zeige sich, dass die dabei gefundenen Tumore immer kleiner geworden sind. „Je kleiner, desto größer ist die Chance, zu heilen und auch eine Chemotherapie zu vermeiden“, so der Experte. Heutzutage liege die Heilungsrate bei Brustkrebs bei rund 80 Prozent.

Trotzdem sorgt die Diagnose immer für einen Schock: „Das Wort ‚Krebs‘ wird sofort mit Brustamputation und Chemotherapie in Verbindung gebracht, weil es früher eigentlich nur diese Möglichkeiten zur Therapie gab“, sagt Braun. „Heute haben wir es aber in den seltensten Fällen mit Tumoren zu tun, die nur mit so radikalen Schritten zu therapieren sind. Der Panikmodus ist eigentlich nicht angebracht.“

Therapie bei Brustkrebs: Chemo ist nicht immer nötig

Stattdessen stehe die Krebstherapie auf mehreren Säulen. Neben dem operativen Entfernen des Tumors, sorgt eine Systemtherapie dafür, dass eventuell zum Zeitpunkt der Diagnose aus der Brust gewanderte Krebszellen später keine Metastasen bilden.

In acht von zehn Fällen geht das mit einer antihormonellen Therapie, meist in Tablettenform. Eine Chemotherapie ist heute in der Mehrzahl der Fälle nicht nötig. „In circa 80 Prozent der Fälle können wir heute auch die Brust erhalten“, sagt Braun.

Der Sorge um die Familienplanung, die vor allem junge Patienten umtreibt, kann ebenfalls etwas entgegengesetzt werden. Sie ist nicht nur Thema bei der Therapie. Fruchtbarkeiterhaltende Maßnahmen, etwa das Einfrieren von Eizellen, werden in dem Rahmen auch von den Kassen finanziert.

Das interdisziplinäre Brustzentrum

Das interdisziplinäre Brustzentrum an der Taxisstraße gehört zum Rotkreuzklinikum München. Es ist eine der größten Einrichtung ihrer Art in Deutschland. Jedes Jahr werden hier etwa 1200 Brustkrebs-Patientinnen – und auch Patienten – von einem Team verschiedener Spezialisten behandelt. Das bespricht bei sogenannten Tumorboard-Sitzungen jeden Fall gemeinsam. Neben Fachärzten gehören zum Team auch spezielle Krankenschwestern oder Psychoonkologen. Das Zentrum ist seit 2013 von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziert.

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