Gesundheit: Dr. Karin Lachenmeir

Dr. Lachenmeir: „Die Diskrepanz der Körperwahrnehmung ist für uns oft erschütternd“

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Wie sich ihre Körperwahrnehmung (schwarzer Strich) von ihrer wirklichen Figur (weiß) unterscheidet, erfahren Leonie und Marie* beispielsweise beim Zeichnen ihres Umrisses.

Wenn der Kopf den Körper stört: Eine verzerrte Selbstwahrnehmung ist ein häufiges Symptom bei Magersucht. Dr. Karin Lachenmeir und zwei Patienten des Therapie-Centrums für Essstörungen in München klären auf.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. Aktuell beleuchten wir Phänomene, bei denen das Gehirn den Menschen austrickst – etwa bei Magersucht. Warum Betroffene sich anders wahrnehmen als sie sind und wie sie damit umgehen lernen, erzählen Dr. Karin Lachenmeir und zwei Patienten des Therapie-Centrums für Essstörungen.

Ein Seil zur Selbstwahnehmung - diese ist oft gestört

Dr. Karin Lachenmeir vpm Therapie-Centrums für Essstörungen.

Die Übung mit dem Seil macht Leonie und Marie (Name geändert) bis heute nachdenklich. „Wir sollten einschätzen, wie groß unser Körperumfang ist“, berichten die beiden 18-Jährigen, die zur Zeit im Therapie-Centrum für Essstörungen (TCE) leben, einer Einrichtung des Klinikums Dritter Orden. Mit dem Seil sollten sie die Umfänge ihrer Körperteile legen und später nachmessen. „Ich dachte, ich bin recht realistisch, aber das war nicht so“, erinnert sich Marie an die Therapiestunde. Leonie ergänzt: „Was ich als Umfang meines Oberschenkels eingeschätzt hatte, war tatsächlich der Umfang meiner Taille.“ Das Seil hatte ihrer Selbstwahrnehmung einen Spiegel vorgehalten.

Ein echter Spiegel kann das bei vielen Menschen mit Essstörungen nicht. „Studien zeigen, dass vor allem Magersucht-Patienten oft eine sehr detailfokussierte Wahrnehmung haben“, erklärt Dr. Karin Lachenmeir, psychologische Psychotherapeutin und Leiterin des TCE. „Sie nehmen genau wahr, wie gut Schlüsselbein oder Hüftknochen sichtbar sind, ob sich Körperteile wölben oder nicht. Aber das Ganze sehen sie nicht.“

Wie genau der Mechanismus funktioniert wird derzeit noch erforscht. Klar ist aber: Der Blick fürs Detail besteht oft schon vor Ausbruch der Krankheit. Diese Körperbildstörung ist aber nur ein Aspekt, der zur Magersucht beitragen kann. Auch gesellschaftliche Schönheits­ideale, familiäre Probleme, Minderwertigkeitskomplexe oder genetische Veranlagung haben darauf Einfluss. Betroffene fokussieren sich immer mehr auf ihre Figur, irgendwann drehen sich alle Gedanken ums Essen. „Ich konnte eine zeitlang keinem Gespräch mehr richtig folgen“, schildert Leonie.

Magersucht: Auch Männer sind betroffen

Bis zu ein Prozent der Bevölkerung ist magersüchtig, auf zehn betroffene Frauen kommt ein Mann. Krankheitsbeginn ist meist in der Pubertät. Am TCE in Neuhausen gibt es darum Therapieplätze für Zwölf- bis 25-Jährige – 32 Stück in sieben Wohngruppen. „Im Durchschnitt dauert die Therapie acht Monate“, erklärt Lachenmeir. Dabei lernen die Betroffenen, die aus ganz Deutschland kommen, nicht nur, sich wieder ausreichend und ausgewogen zu ernähren.

„Am Anfang bekommt man einen richtigen Stundenplan“, sagt Marie. Es gibt Einzel- und Gruppengespräche, Kunst- und Körpertherapie. Letztere geht gezielt auf die Körperbildstörung ein: „Wir müssen uns zum Beispiel möglichst neutral vor dem Spiegel beschreiben“, so Marie. Außerdem messen sich die Patienten mit dem Seil oder zeichnen ihre Körperumrisse. „Wenn man die Übungen wiederholt, ist die Einschätzung oft schon besser“, so Lachenmeir. „Manchmal ist die Diskrepanz selbst für uns Therapeuten erschütternd.“rea

Mehr über Körperbildstörung und das TCE

Im Zuge seines 30-jährigen Bestehens präsentiert sich das Therapie-Centrum für Essstörungen in der Lachnerstraße 41 am Freitag, 5. Juli, bei einem Tag der offenen Tür. Im Fokus stehen dabei auch Körperbildstörungen: Über den aktuellen Forschungsstand spricht Professor Jennifer Svaldi von der Universität Tübingen um 17 Uhr. Den Therapiealltag im Zentrum kann man von 14 bis 18 Uhr kennenlernen.

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