Handwerk: Die jungen Macher

Klein aber fein

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Anita Gillhuber (20) wohnt seit einem Jahr im Herz-Jesu-Wohnheim – mit einer kleinen Küche im Zimmer.

München – Das Handwerk in und um München boomt: Das Leben im Zuhause auf Zeit – Hallo gibt Einblicke in ein Jugendwohnheim für Auszubildende

Über 23 000 Menschen haben dieser Tage eine Ausbildung bei einem bayerischen Handwerksbetrieb begonnen. Anlässlich des internationalen Tag des Handwerks am 15. September sprechen wir mit jungen und alten Meistern über Nachwuchsmangel, Frauen in Männerdomänen & neue Branchen.

Etwa 20 Quadratmeter ganz für sich allein – das ist Anita Gillhubers (20) kleines Reich. Klein ist ihr Zimmer, aber fein – und die Lage: unbezahlbar. In der Buttermelcherstraße 10, im Herzen der Isarvorstadt, liegt das Herz-Jesu-Wohnheim. 400 Euro im Monat zahlt die Auszubildende dafür – auf dem freien Markt wäre eine Wohnung in dieser Lage mit einem Ausbildungsgehalt kaum leistbar. Zwischen 300 und 800 Euro verdienen beispielweise Konditorlehrlinge je nach Lehrjahr. Überhaupt können Auszubildende von entsprechenden Wohnheimen in der Stadt nur profitieren. Denn die Wohnsituation für Auszubildende aus anderen Städten ist insbesondere in Deutschlands teuerster Stadt oft problematisch – Wohnheime sind die einfachste und in der Regel günstigste Möglichkeit ein Dach über dem Kopf zu finden.

Das Highlight: die Terrasse auf dem Dach.

Gillhubers Zimmer ist simpel eingerichtet, aber jeglicher Bedarf wird gedeckt: ein Schreibtisch, ein Bett, Kleiderschrank, eine kleine Küchenzeile. Mit Postern und bunten Postkarten hat sie ihr Zimmer dekoriert – jede Woche schickt ihre Mama Grüße aus der Heimat Vilsbiburg in der Nähe von Landshut. Top: Der Ausblick über die Dächer des Viertels in Richtung Isar. „Bei schönem Wetter sieht man sogar die Berge“, sagt Gillhuber. Und das Highlight des Wohnheims: Die Dach­terrasse mit 360-Grad-Blick über München. Es gibt aber auch verschiedene Gemeinschaftsräume zum Lesen, Fernsehen, außerdem gibt es PC- und Fitnessraum. Regelmäßig finden gemeinsame Veranstaltungen wie Fahrradtouren oder Plätzchenbacken statt – in Letzterem ist Gillhuber natürlich Profi. Sie hat bereits eine Ausbildung als Bäckerin abgeschlossen und geht jetzt noch einmal in die Lehre – als Konditorin. Heimweh hat die 20-Jährige, die seit einem Jahr im Wohnheim lebt, kaum. Denn: „Man ist hier nie einsam.“ Außerdem lebt Gillhubers 18-jährige Schwester Simone ebenfalls im Herz-Jesu-Wohnheim. „Nach der Ausbildung will ich dann gerne wieder zurück in meine Heimat gehen und dort in einer Bäckerei arbeiten, in der ich gleichzeitig meine Kenntnisse als Konditorin nutzen kann – und dann eventuell noch den Bäckermeister machen.“

Etwa 20 Quadratmeter hat Anita Gillhubers kleines Reich.

Im Wohnheim macht sie ihr Beruf zur Lerche. Um 3.30 Uhr morgens steht Gillhuber zum Frühstücken auf, eine Stunde später radelt sie los in Richtung Arbeit. „Auf den Gängen treffe ich so früh eigentlich niemanden. Nur einmal musste ich die Ordensschwester aus dem Bett klingeln, da ich Probleme mit meinem Radl hatte und eines der Leihräder des Wohnheims brauchte, um zur Arbeit zu fahren“, erzählt sie. Eine Ordenschwester wohnt im Wohnheim und hat bei jedem Problem ein offenes Ohr für die Bewohnerinnen.

In München fühlt sich Gillhuber sehr wohl. „Nur schade finde ich, dass nicht mehr viel Bairisch gesprochen wird“, sagt sie lachend.

Vanessa Hahn

Wohnen während der Ausbildung

In München gibt es mehrere Wohnmöglichkeiten für Jugendliche und Auszubildende, in der Regel richten siie sich an junge Leute bis 26 Jahre. Zimmer werden entweder zu einem festen monatlichen Mietpreis (ab etwa 250 Euro) oder einem Tagessatz vermietet (beispielsweise für Blockschüler). Für männliche sowie weibliche Bewohnerinnen das Wichernhaus Jugendwohnheim, die Caritas Jugendwohnheime in der Hiltensperger- und der Zieblandstraße, das Kolpinhaus Zentral und Haidhausen sowie in der Entenbachstarße (wegen Sanierung noch bis 2019 geschlossen). Weibliche Bewohnerinnen beherbergt das Herz-Jesu-Wohnheim, das Schwesternwohnheim Maria Regina, Marie-Luise Schattenmann-Haus, das Mädchenwohnheim Herzogspitalstraße und das Studienheim Maria Dominika. Das Hansa Haus in der Brienner Straße richtet sich an männliche Bewohner. Weitere Wohnheime (mit Tagessatz) sind: Die Jugendwohnheime München-Süd und -Nord, das Salesianum Jugendwohnheim und die In Via-Jugendwohnheime Marienheim, Maria-Theresia und Marienherberge. Auf der Webseite wohnen.jiz-m.de hat das Jugendinformationszentrum JIZ viele Infos und Tipps zusammengestellt.

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