Münchens neue Quartiere: Das Werksviertel in Berg am Laim

Von der Kartoffelfabrik zur Kulturhochburg

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Hochbeete und gebrauchte Schiffscontainer: Es sind die Details, die das Werksviertel so besonders machen.

München - Das Werksviertel bietet nicht nur 3000 Menschen ein neues Zuhause, hier entstehen auch etwa 7000 Arbeitsplätze, drei Hotels und das neue Konzerthaus

Kreativ, modern, innovativ und versehen mit dem gewissen Etwas. In dieser neuen Serie gibt Hallo einen tiefen Einblick in Münchens ganz neue Quartiere.

Eine Containerstadt, eine Almschule mit Schafen auf dem Dach, ein geplantes Konzerthaus, ein Musicaltheater und all das umgeben vom Industriecharme der alten Pfanni-Werke: Das Werksviertel ist eines der spannendsten Stadtquartiere Münchens. 39 Hektar umfasst es insgesamt, neun davon entfallen auf das Werksviertel Mitte, das ehemalige Pfanni-Gelände. Dort werden 550 neue Wohnungen entstehen, insgesamt sind es 1150 – dazu kommen rund 7000 Arbeitsplätze.

„Ich kennen kein Viertel, das so einen informellen Charakter hat“, schwärmt Funda Faust. Die Architektin führt interessierte Besucher über das Gelände.

Langfristig soll dort, wo sich gerade Start-Ups, Künstler und Vereine ausprobieren, eine riesige Freilichtbühne entstehen – ein Platz für Märkte, Konzerte oder andere Open-Air-Veranstaltungen.

Das Container Collective hat noch einen Pachtvertrag bis 2020. „Vielleicht kann es auch noch verlängert werden“, so Faust. Schließlich sorgen die gebrauchten Schiffscontainer, der rotierende Wechsel und die flexible Nutzung für einen wesentlichen Charme des Quartiers. Langfristig soll aber dort, wo sich gerade Start-Ups, Künstler und Vereine ausprobieren, eine riesige Freilichtbühne entstehen – ein Platz für Märkte, Konzerte oder andere Open-Air-Veranstaltungen.

Besitzer Otto Eckart kämpfte um den Bestand, als die Stadt das komplette Gelände abreißen und neu bebauen wollte. „Jeder Künstler, der zu Kunstpark-Ost-Zeiten hier war, durfte bleiben“, erklärt Faust. „Loomit hat sein Atelier behalten und ist jetzt der Graffiti-Hausmeister, er begutachtet im Vorfeld alles, was gesprayt wird.“ Überall gibt es Reminiszenzen an die Zeit der von 1949 bis 1996 dort ansässigen Pfanni-Werke: Beispielsweise der Pfanni-Schornstein an der Hauptzentrale, dem Werk 1, das jetzt als Gründerzentrum für Digitalisierung 35 Start-Ups beherbergt. Oder die Schwemmkanäle, in denen die Kartoffeln gewaschen wurden. Das für das Pfanni-Unternehmen typische Orange findet sich beispielsweise am Werk 3, in dem damals verpackt und palettiert wurde – nach einer Kernsanierung und Aufstockung sind Agenturen, Firmen und Gastronomiebetriebe dort eingezogen. Auf dem über 2000 Quadratmeter großen Dach hat sich mit der Almschule ein Bildungsprojekt angesiedelt (Hallo berichtete), sechs Schafe grasen dort. Außerdem gibt es Hasen und drei Bienenvölker. Bald sollen Gänse und Hühner kommen. Gegenüber soll das Konzerthaus entstehen, Bauherr ist der Freistaat, der einen Erb­pachtvertrag für das Gelände bekommen hat. 

Architektin Funda Faust erklärt, was das Werksviertel so besonders macht.

Bevor der Bau beginnt, werden allerdings noch zwei Jahre ins Land gehen. Nebenan im Werk 17 entsteht gerade ein Low-Budget-Hotel mit 300 Zimmern. Auf der anderen Seite wird aus dem ehemaligen Silo – Werk 4 – ein 85 Meter hohes Gebäude mit einem Vier-Sterne-Hotel, einer Jugendherberge und einer große Kletterhalle mit Boulderbereich. Das Technikum, eine Veranstaltungshalle für 900 Personen, wurde 2012 komplett saniert, der gegenüberliegenden 2000 Personen fassenden Tonhalle steht das noch bevor: Der Eingang wird auf die andere Seite verlegt, es soll einen Backstagebereich aus grünen Containern geben und auf dem Dach ist ein Basketballplatz geplant.

Viel Neues wächst – und für manch Altes ist kein Platz mehr: Die Grafinger Straße, einst berüchtigte Party-Adresse von Kultfabrik und Kunstpark Ost, wird es bald nicht mehr geben. Dort entsteht die Werksallee, die für den Verkehr gesperrt sein wird.

Maren Kowitz

Theater im Werk 7: Nach „Göhte“ kommt 2019 „Amélie“

„Die fabelhafte Welt der Amélie“, dessen Premiere für den 14. Februar 2019 geplant ist, wird sich ebenfalls in den besonderen Charme des Viertels einfügen.

An den Erfolg der Filme konnte die Musical-Produktion „Fack Ju Göthe“ im extra dafür umgebauten Theater nicht anknüpfen. Aus dem alten Werk 7, einer dunklen Kartoffelhalle, wurde eine Schulturnhalle als Kulisse. Im Januar feierte das Stück Welt-Uraufführung, am 9. September ging die letzte Vorstellung über die Bühne. Mehr Besucher erhofft sich Stage Entertainment von der Musical-Version des Kassenhits „Die fabelhafte Welt der Amélie“, dessen Premiere für den 14. Februar 2019 geplant ist. Dafür sollen die Macher dem Werk 7 erst einmal typisches Pariser Flair verleihen – die spezielle 180-Grad-Bühne wird aber erhalten bleiben. Gerade werden laut Sprecherin Anneka Seidl rund 260 Teilnehmer gecastet. Ende nächster Woche soll feststehen, wer die Amélie spielen wird. Maren Kowitz

Gastro – bunt wie das Viertel

Katharina Inselkammer mit Koch Steven Ebert (links) und Service-Mitarbeiter Kilian von Saucken.

Dieses Lokal passt ins Werksviertel – nicht nur wegen der Einrichtung aus einem alten Goldschmiedeladen. Das Konzept ist ebenso bunt, flexibel und offen. Wiesn­wirtin Katharina Inselkammer hat sich mit ihrem Projekt „Kunst Werk Küche“ einen Herzenswunsch erfüllt. In ihrem Tageslokal und Cateringservice im Werk 3 an der Atelierstraße arbeiten zehn Menschen mit Handicap – „besondere Menschen“, wie sie die Gastronomin liebevoll nennt. „Behindertenwerkstätten sind in gewisser Weise eine Trennung – ich will, dass Inklusion mitten in der Gesellschaft gelebt wird.“

Dreieinhalb Jahre hat sie für dieses Projekt gekämpft, Ende November 2017 hat es eröffnet – und nicht nur die Mitarbeiter sind besonders, sondern auch die Ausstattung: „Wir haben lauter verschiedene Gläser, denn jeder Mensch ist anders“, erklärt Inselkammer. Nach zehn Monaten ist sie stolz, aber auch erschöpft: „Ich dachte nicht, dass man auf so viele Widerstände und bürokratische Hürden stößt.“ Gerade kämpft sie für ihre „Tandem-Ausbildung“ – ein besonderer und ein regulärer Lehrling aus dem Betrieb sollen dieselbe Berufsschulklasse besuchen und sich gegenseitig unterstützen.

Wenn sie droht, an den Herausforderungen zu verzweifeln, schaut sie auf den kleinen Holzengel, den ihr eine Mitarbeiterin gebastelt hat. Auf der Karte dazu stand: „Ich wünsche Ihnen, dass er Ihnen einmal im Leben so viel Glück bringt wie mir dieser Job gebracht hat.“ Das rührt die vierfache Mutter: „Wenn ich ein behindertes Kind hätte, würde ich mir wünschen, dass es so arbeitet – in hellen Räumen, immer im Team.“ Auf dem Dach des Hauses, neben der Almschule, wo die Schafe weiden, hat der Betrieb Kräuter-Hochbeete. Im ersten Stock gibt es einen Privatraum, der für Kochkurse, Feiern oder Motivationsschulungen zu mieten ist – und die Küche.

Dort wartet der nächste Großauftrag, Spätzle und Semmelknödel für das Armbrustschützenzelt. Außerdem liefert „Kunst Werk Küche“ auch 500 Essen an Schulen und Kindergärten – „dann dürfen sich meine besonderen Mitarbeiter Namen für die Gerichte ausdenken, so haben sie die Piccata Milanese mit Gemüse­reis ,Sonne im Schneesturm‘ getauft.“

Momentan besteht Inselkammers Team aus 30 Mitarbeitern, zehn davon haben Down-Syndrom oder andere körperliche Einschränkungen. Das wichtigste Einstellungskriterium der Wirtin: „Ich möchte Menschen, die das Glas halb voll sehen.“ Egal, wie das Glas geformt ist.  Maren Kowitz

Erleben Sie das Gelände!

Das Werksviertel im Stadtteil Berg am Laim umfasst eine Fläche von 39 Hektar und bietet somit Platz für 3000 neue Bewohner in 1150 Wohnungen.

Die Agentur „Eventfabrik“ bietet zweistündige Führungen über das Werksviertel Mitte an. Die nächsten Termine sind freitags, 28. September (17 Uhr), 12. Oktober (17 Uhr) und 26. Oktober (16 Uhr). Eine neue Führung geht unter dem Motto „Ein Naturprojekt im Werksviertel – die Stadtalm“ auf das Dach des „Werk 3“, wo man die grasenden Schafe der Almschule besichtigen kann. Termine sind jeweils freitags, 21. September, 5. Oktober und 19. Oktober, von 16 bis 17 Uhr. 
Nähere Informationen unter: www.werksviertel-mitte.de/ueber-uns

Verlosung

Hallo verlost zu jeder Führung 1x2 Karten. 
Teilnahmeschluss ist am 18. September.

Das Gewinnspiel ist beendet.
Vielen Dank für Ihr Interesse! Besuchen Sie unsere Seite gerne wieder.

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