Gesundheit: Professor Peter Falkai, Facharzt für Psychiatrie, an der LMU München

Als Jesus geht er durch die Hölle

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Wulf-Peter Hansen strahlt Lebensfreude aus – trotz schwerer Krankheit. „Dieses Gefühl an andere Betroffene weiterzugeben, ist meine Berufung“, sagt er.

Aus der Reihe „Psychische Störungen“: In der Regel  leidet etwa ein Prozent der Bevölkerung an Schizophrenie – In München wären das 15 000 Menschen – Hallo hat mit einem Betroffenen und einem Experten gesprochen

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. In den nächsten Ausgaben richten wir den Blick auf die Psyche. Eine der bekanntesten – und wohl am häufigsten missverstandenen – Störungen ist die Schizophrenie. Was wirklich dahintersteckt, erzählt der Betroffene Wulf-Peter Hansen.

Zum ersten Mal zum Auserwählten wurde Wulf-Peter Hansen (59) vor 38 Jahren. Damals lebte der Allacher noch in Stuttgart. Tagelang zog er als Wiedergeburt von Jesus Christus durch die Stadt, segnete Kirchgänger und tanzte auf der Straße. Bis ihn die Polizei aufgriff. Die Diagnose: paranoide, halluzinatorische Schizophrenie. „Bei einem akuten Schub funktioniert das logische Denken nicht. Man nimmt die Alltags­realität wahr, aber man misstraut ihr und macht etwas anderes zu seiner Wahrheit“, versucht Hansen zu erklären, was man eigentlich gar nicht erklären kann. „Es ist einfach die Hölle auf Erden“, so der 59-Jährige, der insgesamt fast fünf Jahre in psychiatrischen Kliniken verbracht hat.

In der Regel leidet etwa ein Prozent der Bevölkerung an Schizophrenie. In München wären das 15 000 Menschen. „Die meisten Betroffenen fühlen sich, wenn sie akut erkrankt sind, verfolgt, vom Geheimdienst beschattet oder hören Stimmen“, sagt Professor Peter Falkai (kl. Foto: Zenker), Facharzt für Psychiatrie an der LMU München, der sich auf die Erforschung von Schizophrenie spezialisiert hat. „Andere glauben, sie seien jemand Besonderes wie Donald Trump oder eben Jesus. Allerdings sind religiöse Motive heute seltener.“

Professor Peter Falkai ist Facharzt für Psychiatrie an der LMU München,. er hat sich auf die Erforschung von Schizophrenie spezialisiert.

Die Hauptursache für Schizophrenie sieht Falkai im Zusammenspiel von Genen und Umwelt. Dazu gehören auch Komplikationen bei Schwangerschaft oder Geburt, Cannabiskonsum oder das Aufwachsen in einer Großstadt. Wie schwer die Störung verläuft, hänge auch damit zusammen, wie schnell sie erkannt wird. „Bei 70 Prozent der Betroffenen hat sie einen Vorlauf von vier Jahren. Je länger sie in der Zeit nicht behandelt werden, desto schlimmer wird es.“

Bei Wulf-Peter Hansen hat man die Vorab-Symptome erst nachträglich erkannt. Bevor die Schizophrenie ausbrach hatte er fünf Jahre mit Depressionen gekämpft, drei Mal versucht, sich umzubringen. Heute muss der 59-Jährige mit der Konsequenz der späten Entdeckung leben: Bis an sein Lebensende muss er Medikamente nehmen, um Schübe zu verhindern – derzeit 30 Tabletten am Tag. Seine Leber und seine Nieren sind geschädigt, Hansen hat Übergewicht und Blut­hochdruck. „Aber das sehe ich als kleineres Übel im Vergleich zur Schizophrenie.“ Denn an der Störung erkranke man gleich dreifach, findet der Allacher: an der Schizophrenie selbst, am Stigma, das damit verbunden ist, und daran, dass man sich selbst weniger wertschätzt.

Umso wichtiger ist es Hansen, aufzuklären und andere Betroffene zu unterstützen. So bietet er am Klinikum Rechts der Isar eine eigene Sprechstunde für stationäre Patienten an – vom Betroffenen für Betroffene. „Ich wollte früher immer Kinderarzt oder Psychiater werden. Meine Tätigkeit heute kommt dem sehr nahe“, freut sich Hansen, der 1996 das letzte Mal stationär behandelt wurde.

Dass Betroffene etwas Sinnvolles tun, ist für Facharzt Peter Falkai neben Medikamenten und Psychotherapie ein zentrales Element der Therapie. „Ich versuche, alle meine Patienten in eine Arbeit oder arbeitsähnliche Tätigkeit zu bringen.“ Das soll die gesellschaftliche Isolation durchbrechen.

Romy Ebert-Adeikis

Neue Ambulanz zur Früherkennung

Schizophrenie wird nur selten vor dem ersten Ausbruch der Krankheit erkannt. Das will die Pronia-Ambulanz an der Nußbaumstraße 7 ändern: Hier kann sich jeder untersuchen lassen, der Symptome wie Konzentrationsstörungen, depressive Verstimmungen, Schlafstörungen oder Misstrauen an sich beobachtet. „Ein Warnsignal für eine depressive Episode ist, wenn man über 14 Tage lang schlecht drauf ist oder wenig Antrieb hat“, so Professor Peter Falkai. Einen Termin bei der Ambulanz kann man auch ohne Überweisung vom Facharzt ausmachen, unter Telefon 44 00 55 866 oder per E-Mail an psy-pronia@med.uni-muenchen.de.

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