Hallo-Serie: Gesichter der Isar

Die Isar unter dem Mikroskop: Außerirdische im Wassertropfen?

+
Klaus Macknapp untersucht an seinem Arbeitsplatz im Deutschen Museum eine Isar-Wasserprobe – auf dem Bildschirm sieht man das skurrile Bärtierchen.

Mit seinem Elektronenrastermikroskop entführt Klaus Macknapp die Besucher des Deutschen Museums in die spektakulären Nanowelten der Isar

Die Isar zieht sich als grünes Band durch München. In unserer Hallo-Serie stellen wir Menschen vor, die ganz unterschiedlich mit der „Reißenden“ verbunden sind.

Bewaffnet mit mehreren Schraubgläsern und Pappschachteln steigt Klaus Macknapp beinahe täglich unweit der Ludwigsbrücke Richtung Isarufer hinab, entnimmt Wasserproben und Moos.

Macknapps Mission: Mit verschiedenen Mikroskopen inspiziert er an seinem Arbeitsplatz im Deutschen Museum den Mikrokosmos im Wassertropfen – in bis zu 100 000-facher Vergrößerung. Bereits seit 22 Jahren arbeitet er im Museum – bei seinem „Mikroskopischen Theater“ gewährt er täglich den Besuchern Einblick in die spannenden Nanowelten der Isar.

Wieso ihn gerade Einzeller, die man überhaupt erst unter dem Mikroskop erkennen kann, so begeistern? „Einzeller sind überhaupt nicht einfach gestrickt, ganz anders als der Begriff primitive Lebewesen es vermuten lässt“, erklärt der Moosacher. Im Gegenteil: „Sie sind faszinierend, manchmal verstehen wir Menschen noch nicht einmal vollständig, wie die Kleinstlebewesen genau funktionieren.“ So hat beispielsweise eine Amöbe keine feste Gestalt, kann jegliche Form an- und mit dem gesamten Körper Nahrung aufnehmen.

Süß oder doch äußerst kurios – das Bärtierchen.

Und dann ist da natürlich noch das laut Macknapp „spektakulärste Lebewesen des Planeten“: das sogenannte Bärtierchen. 1772 wurde es entdeckt – und gibt Forschern noch heute Rätsel auf. Den Namen hat das etwa 50 Mikrometer (0,05 Millimeter) kleine Lebewesen dank seiner Krallen und den Bewegungen, die unter dem Mikroskop beinahe tapsig erscheinen.

Aus einer kleinen Pappschachtel mit der Aufschrift „Fraunhoferstraße“ zieht Klaus Macknapp einen haselnussgroßen Klumpen trockenes, grünes Moos, das er mit ein paar Wassertropfen befeuchtet und anschließend unter dem Mikroskop platziert. Erst passiert nichts – doch ganz plötzlich beginnt der kleine braune Fleck sich zu regen und mit Beinchen und Ärmchen zu rudern. „Das Bärtierchen ist zum Leben erwacht“, sagt der gelernte Werkzeugmacher begeistert. Das Kuriose: Bärtierchen sind wahre Überlebenskünstler. Sie können 120 Jahre Trockenheit überstehen – bereits ein Tropfen Wasser weckt sie aus der „Totenstarre“. Außerdem sind sie strahlenresistent, vakuumbeständig, überleben Druck bis zu 60 000 bar (was 60 Kilometern Meerestiefe entspricht), 30 Minuten in kochendem Wasser und Temperaturen bis zu Minus 270 Grad. Bis heute sind sie nicht vollständig erforscht. Es kürzlich haben japanische Forscher versucht, mehr über das strahlenresistente Gen der Lebewesen herauszufinden. Diese Informationen könnten in Zukunft Menschen, die häufig Strahlung ausgesetzt sind, helfen – beispielsweise bei einer Chemotherapie. Und möglicherweise sind die Bärtierchen sogar Aliens: „Mit all diesen Eigenschaften könnten Bärtierchen sogar eine außerirdische Lebensform sein, die irgendwann aus den weiten des Universums zu uns gekommen sind“, sagt Macknapp. Und all das in einem einzelnen Wassertropfen der Isar... 

Vanessa Hahn

Kieselalge und Bärtierchen: Isarbewohner tausendfach vergrößert

Wirkt wie moderne Kunst: eine Kieselalge

Faszinierende Nanowelten: Mit dem Elektronenrastermikroskop macht Macknapp Aufnahmen des Isar-Mikrokosmos in tausendfacher Vergrößerung – die Proben werden dafür aufwendig präpariert. Süß oder doch äußerst kurios – das Bärtierchen. Wirkt wie moderne Kunst: eine Kieselalge. Weitere Infos auf www.deutsches-museum­.de/ausstellungen/naturwissenschaft/neue-technologien/mikroskopie.

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Weltrekord im Kickboxen – Eine schlagkräftige Weltmeisterin
Weltrekord im Kickboxen – Eine schlagkräftige Weltmeisterin
Colonia Dignidad: Als die Stadt Heimat einer Sekte war
Colonia Dignidad: Als die Stadt Heimat einer Sekte war

Kommentare