Gesundheit: Professor Dr. Peter Henningsen 

Henningsen: "Psychosomatische Beschwerden - häufigste Ursache für Frühverrentungen"

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Patienten der Psychosomatischen Medizin leiden häufig unter Kopfschmerzen, Schwindel, Erschöpfung. Ärzte können aber keine organische Ursache feststellen.

Chef  der Klinik für Psychosomatische Medizin am Rechts der Isar, Professor Dr. Peter Henningsen, erklärt die Behandlung von psychosomatischen Beschwerden.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. In der aktuellen Serie beleuchten wir Phänomene, bei denen Menschen Beschwerden haben, die nicht ausreichend organisch erklärbar sind.

Professor Dr. Peter Henningsen, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin am Rechts der Isar, erläutert im Interview, wieso seine Patienten doppelt unter ihren Schmerzen leiden, welche Symptome es gibt und wo die Ursachen liegen können.

Interview mit Professor Dr. Peter Henningsen, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin am Rechts der Isar

Viele Menschen verstehen unter psychosomatisch bedingten Beschwerden einen Hypochonder, einen eingebildeten Kranken.
Das ist eher ein Schimpfwort. Und das ist auch gleichzeitig ein Problem unserer Patienten. Viele leiden doppelt – unter den Körperbeschwerden und unter dem Gefühl nicht richtig krank zu sein. Sie bekommen gesagt, stell’ dich nicht so an oder du bildest dir das ein. Im Gehirn werden funktionelle Schmerzen aber genauso verarbeitet wie körperliche. Gehirnbilder zeigen das.

Was sind funktionelle Schmerzen?
Anhaltende Körperbeschwerden ohne klar erklärbare organische Erkrankungen. Dazu zählen häufig Schwindel, Erschöpfung, Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Verdauungsbeschwerden oder Unterleibsschmerzen. Menschen, die daran leiden, machen den größten Anteil unserer Patienten aus, rund 25 Prozent.

Welche Art von Patienten behandeln Sie noch?
Diejenigen, die Schwierigkeiten haben beispielsweise eine Krebs- oder eine Herzerkrankung zu bewältigen. Wieder andere sind betroffen von Essstörungen oder von Traumafolgestörungen wie dem Posttraumatischen Stresssyndrom (PTS).

Die Klinik gibt es erst seit 2010. Wieso hat es so lange gedauert, eine eigene zu gründen?
Zuvor gab es schon einen Konsildienst, der Patienten anderer Abteilungen beraten hat. Die Psychosomatik hat in Deutschland eine Sonderstellung insofern, dass sie eine ganz eigene Disziplin ist. In anderen Ländern ist sie der Psychiatrie zugeordnet. Aber die Bedeutung hat zugenommen. Man hat erkannt, dass die Tendenz, Sachen körperlich zu erklären, häufig falsch ist. Und dass psychosomatische Beschwerden zum Beispiel die häufigste Ursache für Frühverrentungen sind.

Nehmen die Fallzahlen zu?
Es gibt wissenschaftliche Debatten, ob es häufiger geworden ist oder ob es häufiger erkannt wird. Ich glaube an Letzteres.

Wie viele Patienten behandeln Sie in Ihrer Klinik?
In der Ambulanz sehen wir 1500 Patienten im Jahr, mit dem Konsildienst in anderen Abteilungen rund 5000 Patienten jährlich. Auf unserer Station haben wir 24 Betten. Hier behandeln wir hauptsächlich Patienten mit funktionalen Beschwerden sechs bis acht Wochen lang. Und unsere Tagesklinik hat zwölf Plätze für Patienten mit dem Schwerpunkt PTS. Und dann haben wir am Klinikum Schwabing noch eine psychosomatische Abteilung mit insgesamt 15 Plätzen für Kinder und Jugendliche.

Wie behandeln Sie psychosomatische Beschwerden?
Erst einmal geht es darum, sie frühzeitig zu erkennen. Oft machen Patient und Hausarzt zu lang organische Diagnostik und denken zu spät an diese Möglichkeit, so dass eine Verschlimmerung der Beschwerden eintritt. Dabei kann es zum Beispiel schon helfen, bei Rückenschmerzen körperlich aktiv zu sein, um eine Verbesserung zu erreichen. Unsere eigentliche Methode ist die Psychotherapie, hauptsächlich Gesprächstherapie, aber auch Körperpsychotherapie oder Kunsttherapie.

Wie erfolgreich sind Sie damit?
Bei rund einem Drittel können die Beschwerden sehr gut gebessert und bei einem Drittel gebessert werden. Einem Drittel kann nicht geholfen werden.

Wo haben diese Symptome ihren Ursprung?
In der Therapie untersuchen wir drei Faktoren: die Lebensgeschichte, also genetische Faktoren oder kindliche Lebenserfahrungen wie Missbrauch oder der frühe Tod eines Elternteils. Dann Auslösefaktoren. Oft beginnen die Beschwerden um die 30. Vielleicht gab es da eine Trennung oder einen Konflikt in der Arbeit. Und dann gibt es die aufrechterhaltenden Faktoren – dazu zählen die besondere Aufmerksamkeit der Angehörigen oder eine bevorstehende Frühverrentung. Maren Kowitz

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