Kreissäge, Klarinette & Knarre

Wenn die Arbeit krank macht (3): Schwerhörig durch den Beruf? - HNO-Arzt im Gespräch

Bei hoher Lärmbelastung am Arbeitsplatz muss der Arbeitgeber zum Beispiel Gehörschutzkapseln zur Verfügung stellen – die sollten Beschäftigte auch konsequent tragen.
+
Bei hoher Lärmbelastung am Arbeitsplatz muss der Arbeitgeber zum Beispiel Gehörschutzkapseln zur Verfügung stellen – die sollten Beschäftigte auch konsequent tragen.
  • Daniela Borsutzky
    vonDaniela Borsutzky
    schließen

In dem dritten Teil unserer Gesundheits-Serie geht es um Lärmschwerhörigkeit. Wie die Arbeit dazu führen kann und was man dagegen tun kann, erklärt ein HNO-Arzt.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. Derzeit liegt der Fokus auf Berufskrankheiten. In diesem Teil der Serie erklärt Dr. Franz Kotz von der HNO-Klinik Dr. Gaertner in Bogenhausen, wie es zu arbeitsbedingter Lärmschwerhörigkeit kommt und warum entsprechender Gehörschutz so wichtig ist. 

Fast 7000 Fälle von Lärmschwerhörigkeit registrierten die Berufsgenossenschaften allein im Jahr 2019. Sie ist die am häufigsten anerkannte Berufskrankheit – wenngleich die Zahlen sinken. Als „Altlasten“ bezeichnet Dr. Franz Kotz von der HNO-Klinik Dr. Gaertner in Bogenhausen viele der diagnostizierten Fälle.

„Es sind mehr Männer als Frauen betroffen. Und diese Männer haben meist 20 Berufsjahre oder mehr auf dem Buckel“, so Kotz. Schlosser, Schreiner, Soldaten, aber auch Musiker sind häufig betroffen. Berufsgruppen, bei denen man früher oftmals nicht auf entsprechenden Hörschutz geachtet hat.

Dabei sei Prävention immens wichtig, denn: „Sind die Haar-Sinneszellen durch hohe Lärmbelastung geschädigt, hilft auch kein Hörgerät mehr.“

Dr. Franz Kotz ist Arzt in der HNO-Klinik Dr. Gaertner in Bogenhausen.

Dauer und Intensität des Lärms – diese beiden Faktoren sind entscheidend, wenn es um berufsbedingte Schwerhörigkeit geht. „Das kann der Fall sein, wenn ein Schreiner viele Jahre ohne Schutzmaßnahmen der Kreissäge ausgesetzt war. Oder jemand erleidet ein Knalltrauma. Dann reichen ein paar Millisekunden, beispielsweise bei einem Schuss aus einer Waffe, um das Gehör nachhaltig zu schädigen.“

Trifft Schall auf die Ohrmuschel, wird er über den Gehörgang zum Trommelfell weitergeleitet. Hammer, Amboss und Steigbügel geben den mechanischen Reiz an das Innenohr weiter. Dort befindet sich die Hörschnecke mit den äußeren und inneren Haar-Sinneszellen.

„Die äußeren sorgen für eine Verstärkung bei schwachen sowie für eine Dämpfung bei starken Signalen“, erklärt Kotz. Weil die meisten Haarzellen für einen bestimmten Frequenzbereich zuständig sind, können Betroffene, wenn diese beschädigt sind, die entsprechenden Frequenzen nur schwer oder auch gar nicht mehr wahrnehmen.

Unter anderem „Party-Schwerhörigkeit“ könne verdächtig sein. „Wenn man in einer Kneipe sein Gegenüber nicht mehr versteht, sollte man zum Arzt“, rät Kotz. Mittels diverser Höruntersuchungen, wie beispielsweise einem Tonschwellenaudiogramm, wird ermittelt, ob eine Schwerhörigkeit vorliegt – und ob diese die Kriterien für eine Berufserkrankung erfüllt.

Wirklich kritisch wird es ab einem Pegel von 85 Dezibel

„Für die entsprechende Diagnose muss beim Audiogramm eine bestimmte Hörkurve herauskommen“, sagt Kotz. Das ist die Voraussetzung dafür, dass die Berufsgenossenschaft sich den Verdachtsfall anschaut, eine Minderung der Erwerbstätigkeit prüft und gegebenenfalls die Kosten für ein Hörgerät übernimmt.

Ein mitunter hoher Geräuschpegel im Großraumbüro kann übrigens nicht zu einer arbeitsbedingten Schwerhörigkeit führen. „Reizüberflutung kann natürlich Stress auslösen. Leistungsschwäche oder Tinnitus können die Folge sein“, so Kotz. Wirklich kritisch wird es ab einem Pegel von 85 Dezibel – das ist vergleichbar mit der Lautstärke eines Rasenmähers.

In diesen Fällen müssen Betriebe ihren Beschäftigten einen Gehörschutz anbieten. „Mit einem pegelgesteuerten Kapselgehörschutz erreicht man die beste Dämmung – das sind diese großen Kopfhörer, die Mitarbeiter auf dem Flughafenrollfeld tragen.“ Normale Ohrstöpsel gibt es nur in Standardgrößen, wenn diese nicht richtig sitzen, ist ihre Wirkung geringer.

Daher lohnt sich der Gang zum Akustiker. Mit einem Abdruck fertigt dieser eine Otoplastik an, also ein Ohrpassstück, das auf den individuellen Gehörgang abgestimmt ist.

Tag gegen Lärm

Am Mittwoch, 28. April, findet der „Tag gegen Lärm“ statt. Mit Veranstaltungen und Aktionen soll die Öffentlichkeit über das Thema aufgeklärt und für den Schutz der Ruhe sensibilisiert werden. Das „Münchner Lärmsymposium 2021“ ist eine kostenlose Online-Veranstaltung ab 18 Uhr. Infos: 48 00 66 23 9.

Daniela Borsutzky

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Bänderriss und Fußfehlstellung: Spätfolgen nicht unterschätzen!
Bänderriss und Fußfehlstellung: Spätfolgen nicht unterschätzen!
Internistin im Gespräch mit Hallo München – Welche Besonderheiten und Waffen unser Immunsystem hat 
Internistin im Gespräch mit Hallo München – Welche Besonderheiten und Waffen unser Immunsystem hat 
Morbus Dupuytren – eine Bindegewebserkrankung der Handinnenfläche
Morbus Dupuytren – eine Bindegewebserkrankung der Handinnenfläche
Herzstück der Gefäßchirurgie – Herzkatheter-Anlage in Neuperlach
Herzstück der Gefäßchirurgie – Herzkatheter-Anlage in Neuperlach

Kommentare