Gesundheit: Professor Dr. Dr. Thomas Tölle

Prof. Tölle: „Phantomschmerz - dieser Schmerz ist real und nicht eingebildet."

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Walter K. leidet unter Phantomschmerzen im rechten Vorderfuß, der ihm 2017 amputiert werden musste. Ein Spiegel hilft ihm gegen die Schmerzen.

Wenn der Kopf den Körper stört: Professor Thomas Tölle, Leiter des Zentrums für Interdisziplinäre Schmerzmedizin am Klinikum rechts der Isar,  spricht über Phantomschmerzen und Gegenmittel.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. In der aktuellen Serie stellen wir Phänomene vor, bei denen Menschen Beschwerden haben, die organisch nicht ausreichend erklärbar sind.

Diesmal spricht Professor Dr. Dr. Thomas Tölle, Leiter des Zentrums für Interdisziplinäre Schmerzmedizin am Klinikum rechts der Isar, über Phantomschmerzen und erklärt, wie Spiegel helfen können, diese spezielle Form von Nervenschmerzen zu lindern.

Viele Patienten leiden unter stechenden Schmerzen 

Es sind meist stechende Schmerzen. „Als würde man Nadeln reinbohren oder als hätte man einen viel zu engen Schuh an“, beschreibt Walter K. (56) die Beschwerden in seinem rechten Fuß.

Das Außergewöhnliche daran ist: Er hat rechts nur noch Ferse und Knöchel. Sein Vorderfuß wurde nach einer Krebsdiagnose im Mai 2017 amputiert. Seitdem leidet der Physiker aus München an Phantomschmerzen in den fehlenden Körperteilen.

Phantomschmerz - Der Schmerz ist real

Die Schmerzen jedoch sind „absolut real“, wie der Neurologe und Schmerzexperte Thomas Tölle (60) betont. „Wir haben in bildgebenden Verfahren gezeigt, dass beim Phantomschmerz alle Teile des Gehirns so aktiv sind, als würde der Patient einen akuten Schmerz erleiden.

Professor Dr. Dr. Thomas Tölle, Leiter des Zentrums für Interdisziplinäre Schmerzmedizin am Klinikum rechts der Isar.

Dieser Schmerz ist von Seiten des Gehirns also im höchsten Maße real und nicht eingebildet“, sagt er. Fachleute sprechen hier von neuropathischen Schmerzen, die zur Gruppe der Nerverschmerzen gehören.

„Phantomschmerzen sind dabei der drastischste Fall“, so Tölle. Sie können bei Gliedmaßenverlust auftreten, sei es nach einer Amputation oder einem Unfall.

„Dadurch ändert sich unser Körperbild oder Körperschema in unserem Gehirn, und da wir schlecht mit einem kaputten Schema umgehen können, entwickeln wir Schmerzen“, fasst Tölle zusammen. 

Konkret: Für die Nervenbahnen im Körper gibt es entsprechende Areale im Gehirn, die den jeweiligen Körperbereich repräsentieren. Was sehr präsent und empfindlich ist, wie Hände, Füße, Lippen und die Genitalregion, ist im Gehirn besonders gut abgebildet. Wird nun ein Körperteil abgetrennt, organisiert sich die entsprechende Stelle im Gehirn neu.

Die Spiegeltherapie kann helfen

Walter K. musste nach einer Krebsdiagnose der rechte Vorderfuß amputiert werden.

„Dem Hirn fehlt quasi die positive Rückmeldung des entfernten Körperteils, dass alles gut ist“, erläutert Walter K.. An diesem Punkt setzt die Spiegeltherapie an: Der Patient hält einen Spiegel gegen seine unversehrte Körperseite, macht Bewegungen und betrachtet die Reflexion.

 Das Spiegelbild wird vom Gehirn so wahrgenommen, als würde sich das fehlende Glied­maß bewegen – in K.s Fall der rechte Fuß. „So bekommt man die Ordnung wieder hin und kann Medikamente ersetzen“, erläutert Tölle.

Sein Patient Walter K. bestätigt das. Nach der Operation hatte er zuerst so heftige Phantomschmerzen, dass er etwa zehn Wochen lang starke Medikamente bekam.

Behandelt wird in diesen Fällen vor allem mit Antidepressiva und Opio­iden sowie mit Epilepsie-Mitteln. Dank der Spiegeltherapie konnte K. die Medikamente langsam absetzen und kommt heute ohne aus.

Nach wie vor übt er aber zehn Minuten am Tag mit dem Spiegel, denn: „Manchmal sticht es noch, vor allem nachts.“

Wie viele Münchner unter Phantomschmerzen leiden, ist unklar

Wie viele Münchner unter Phantomschmerzen leiden, kann Tölle schwer abschätzen. Er behandelt im Schmerzzentrum Rechts der Isar etwa 30 Betroffene im Jahr und geht davon aus, dass 30 bis 40 Prozent der amputierten Patienten heftige Schmerzen haben.

Nervenschmerzen sind weit verbreitet. Etwa jeder fünfte Patient, der eine Schmerzklinik aufsucht, leidet unter einer der verschiedenen Formen. Mehr darüber ist auch im neuen „Handbuch gegen den Schmerz“ nachzulesen. ul

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„Handbuch gegen den Schmerz“ (ZS Verlag, 24,99 Euro).

Mit dem „Handbuch gegen den Schmerz“ (ZS Verlag, 24,99 Euro) haben Professor Dr. Dr. Thomas Tölle und Professor Dr. Christine Schiessl einen neuen Leitfaden für Patienten mit chronischen Schmerzen erstellt. Wir verlosen fünf Bücher.

Einsendeschluss: 15. Mai

Das Gewinnspiel ist beendet.
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