Gesundheit: Sportwissenschaftler Konrad Höfinger

Konrad Höfinger: „München ist Jahrzehnte vom heutigen Fitnessparcours-Standard entfernt“

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Wer hier Sport treiben möchte, geht das Risiko von Verletzungen ein. In München kein Einzelfall, wie Sportwissenschaftler Konrad Höfinger erklärt.

In den kommenden Wochen gibt Hallo Tipps rund um das Thema „Fit durch den Sommer“: In dieser Ausgabe beleuchten wir, warum viele Münchner Sportparks sogar schaden können...

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. Aktuell geht es darum, wie Sie fit durch den Sommer kommen. Konrad Höfinger ist Sportwissenschaftler und Experte für Fitness­parcours in Deutschland sowie Österreich. In Hallo zieht er eine ernüchternde Bilanz für München.

„76 Prozent der Bevölkerung bewegt sich zu wenig bis fast gar nicht“, sagt Sportwissenschaftler Konrad Höfinger. Trimm-Dich-Pfade laden dazu ein, das schnell und kostenlos zu ändern. Im Prinzip eine gute Sache. 

Insgesamt gibt es laut Referat für Bildung und Sport (RBS) über 30 solcher Fitnessparks im Stadtgebiet. Die meisten sind Anfang 2000 nach dem 4f-circle-Konzept entstanden. Dafür analysierte man Anlagen aus den 70er-Jahren und befragte rund 500 Münchner Sportler nach ihren Wünschen, um sie auf den damals aktuellen sportwissenschaftlichen Stand zu bringen. 

Für Höfinger nicht genug: „München ist Jahrzehnte vom heutigen Standard der Fitnessparcours entfernt“, beklagt der Experte. „Die Übungen sind meist unzureichend erklärt und regen nicht zum ausgewogenen Training an. So helfen sie den Sportlern nicht, können bei falscher Ausführung sogar zu erheblichen Gelenkschäden führen!“

Was dem Experten an Verbesserungen vorschwebt, wie sein Idealbild eines Parcours aussieht und was das RBS plant lesen Sie nächste Woche in Hallo.

Benedikt Strobach und Stephanie Estermaier

Münchner Fitnessparcours: Zahlreiche Mängel und Probleme

Auf Trimm-Dich-Exkurs mit dem Experten (von links): Stephanie Estermaier und Benedikt Strobach mit Sportwissenschaftler Konrad Höfinger.
Auf Trimm-Dich-Exkurs mit dem Experten (von links): Stephanie Estermaier und Benedikt Strobach mit Sportwissenschaftler Konrad Höfinger. © best/se
Was stellt man hiermit an? Im Luitpoldpark fehlen die meisten Beschreibungen an den Trainingsgerätn.
Was stellt man hiermit an? Im Luitpoldpark fehlen die meisten Beschreibungen an den Trainingsgerätn. © best/se
Ein fragliches Konzept: Auf einer Tafel in der Mitte der Anlage finden sich die Anweisungen für alle Übungen auf der Fläche.
Ein fragliches Konzept: Auf einer Tafel in der Mitte der Anlage finden sich die Anweisungen für alle Übungen auf der Fläche. © best/se
Diese Balanceübungen trainiert die Fußgelenke besonders gut, lobt Sportwissenschaftler Konrad Höfinger.
Diese Balanceübungen trainiert die Fußgelenke besonders gut, lobt Sportwissenschaftler Konrad Höfinger. © best/se
Hallo-Mitarbeiter Benedikt Strobach demonstriert einen Klimmzug.
Hallo-Mitarbeiter Benedikt Strobach demonstriert einen Klimmzug. © best/se
Hallo-Mitarbeiterin Stephanie Estermaier ist nur minder begeistert von der Qualität der Trainingsgeräte am Oberhofer Platz.
Hallo-Mitarbeiterin Stephanie Estermaier ist nur minder begeistert von der Qualität der Trainingsgeräte am Oberhofer Platz. © best/se
Konrad Höfinger demonstriert die Richtige Ausführung von Erwärmungsübungen.
Konrad Höfinger demonstriert die Richtige Ausführung von Erwärmungsübungen. © best/se
Der Trim-Dich-Pfad am Feldmochinger See.
Der Trim-Dich-Pfad am Feldmochinger See. © best/se
Auf dem Trim-Dich-Pfad am Feldmochinger See gibt neben gewöhnlichen Geräten auch Geräte zur Unterstützung von Dehnübungen.
Auf dem Trim-Dich-Pfad am Feldmochinger See gibt neben gewöhnlichen Geräten auch Geräte zur Unterstützung von Dehnübungen. © best/se
Hallo-Mitarbeiter Benedikt Strobach demonstriert eine im Perlacher Forst ausgeschriebene Übung.
Hallo-Mitarbeiter Benedikt Strobach demonstriert eine im Perlacher Forst ausgeschriebene Übung. © best/se
Obwohl sich auf der Beschreibungstafel nur eine Übung findet (siehe vorheriges Foto), kann man das Gerät auch effektiv für andere Ausführungen nutzen.
Obwohl sich auf der Beschreibungstafel nur eine Übung findet (siehe vorheriges Foto), kann man das Gerät auch effektiv für andere Ausführungen nutzen. © best/se
Neben den gebotenen Geräten, können Sportler auch ihr eigenes Equipment mitnehmen.
Neben den gebotenen Geräten, können Sportler auch ihr eigenes Equipment mitnehmen. © best/se
Ein großer Kritikpunkt des Sportwissenschaftlers: „Man sollte nutzen, was einem gegeben wird. Auch natürlich gegebene Trainingsmöglichkeiten, sollten wahrgenommen werden“, so Höflinger.
Ein großer Kritikpunkt des Sportwissenschaftlers: „Man sollte nutzen, was einem gegeben wird. Auch natürlich gegebene Trainingsmöglichkeiten, sollten wahrgenommen werden“, so Höflinger. © best/se
Hallo Mitarbeiter-Benedikt-Strobach demonstriert eine ausgeschriebene Übung.
Hallo Mitarbeiter-Benedikt-Strobach demonstriert eine ausgeschriebene Übung. © best/se
Auch hier wären alternative Nutzungen möglich.
Auch hier wären alternative Nutzungen möglich. © best/se
Der Baustamm, so Höflinger, mache diese Übung eher gefährlich als nützlich. Stattdessen solle man sie auf dem Boden ausführen. Das sei vollkommen ausreichend, erklärt der Experte.
Der Baustamm, so Höflinger, mache diese Übung eher gefährlich als nützlich. Stattdessen solle man sie auf dem Boden ausführen. Das sei vollkommen ausreichend, erklärt der Experte. © best/se
Dem Sportwissenschaftler ein Dorn im Auge: Die Verletzungsgefahr bei dieser Übung ist besonders hoch.
Dem Sportwissenschaftler ein Dorn im Auge: Die Verletzungsgefahr bei dieser Übung ist besonders hoch. © best/se
Unzureichende Beschreibungen an allen Geräten im Perlacher Forst.
Unzureichende Beschreibungen an allen Geräten im Perlacher Forst. © best/se
Sportwissenschaftler Konrad Höfinger erklärt Hallo-Mitarbeiter Benedikt Strobach die Ausführung der nächsten Übung.
Sportwissenschaftler Konrad Höfinger erklärt Hallo-Mitarbeiter Benedikt Strobach die Ausführung der nächsten Übung. © best/se
Muskelerwärmungsübungen sucht man im Olympiapark vergebens. Natürliche Hilfsmittel, wie dieser Baum, können Abhilfe schaffen.
Muskelerwärmungsübungen sucht man im Olympiapark vergebens. Natürliche Hilfsmittel, wie dieser Baum, können Abhilfe schaffen. © best/se
Ein Beispiel für eine ungenaue Beschreibung von Fitness-Übungen.
Ein Beispiel für eine ungenaue Beschreibung von Fitness-Übungen. © best/se

Übungen am Trimm-dich-Pfad Harlaching „schlicht gefährlich“

Zahlreiche Mängel: Hallo-Mitarbeiterin Stephanie Estermaier begibt sich hier in große Gefahr, da der Baumstumpf zum Aufstützen morsch und wackelig ist und sie die Hangelstangen nicht direkt erreicht. Im schlimmsten Fall könnte sie sich durch Umknicken Verletzungen zufügen.

Im Perlacher Forst findet man in einem Rundlauf von etwa zwei Kilometern viele verschiedene Übungsstätten vor, jedoch sind diese nicht zu empfehlen: „Neben nahezu identischen Stationen sind manche auch schlichtweg gefährlich“, warnt Experte Konrad Höfinger vor dem in den 70er-Jahren gebauten Parcours. 

So sollen Sportler bei einer Übung wie ein Frosch über drei Balken am Boden springen. „Das kann schnell zu Verletzungen führen, sollte jemand dabei hängen bleiben.“ Oder die Wanderhangel-Übung (Foto): Für kleinere Personen ist es hier nicht nur schwer, überhaupt an die Stangen zu kommen, der Abstieg ist auch nicht sicher. Dafür bereitgestellte Baumstümpfe sind zu niedrig und lose. Dies kann bei unglücklichem Aufkommen dazu führen, dass der Fuß umknickt und der Trainierende sich schwerer verletzt.

Nicht zeitgemäß

Am Oberhofer Platz findet sich eine Reihe veralteter Trainingsgeräte. Das Problem: Neben schlechten Beschreibungen, ist auch keine Anpassung an die individuellen Bedürfnisse der Sportler möglich.

An der Sportstätte am Oberhofer Platz in Milbertshofen fallen schnell die alten Geräte für Kräftigungs- und Dehnungsübungen auf: Verrostetes Metall trifft auf abblätternde Farbe. Um den fehlenden Fortschritt der fünf Stationen noch zu untermauern, wurden die Trainingsbeschreibungen dazu in den Boden gemeißelt. Höfinger moniert: „Die Bewegungs- und Sportwissenschaft verändert sich stetig, eine Anpassung wäre hier gar nicht möglich.“

Missverständnisse

Hallo-Mitarbeiterin Stephanie Estermaier sitzt an einer Tretrad-Übung. Durch fehlende Beschreibung wird diese fälschlicherweise auch oft zum Füße Hochlegen genutzt.

Trimm-Dich-Pfad-Novizen stehen im Park am Bayernplatz schnell ratlos vor den Geräten, denn es fehlen an allen Übungen die Beschreibungen – lediglich am Ende des Rundgangs gibt es eine kaum sichtbare. Dies führt dazu, dass Personen manche Übungen eher zum Auflegen der Beine nutzen als sie tatsächlich selbst zum Training zu gebrauchen und für Interessierte so den Zugang zur Übung blockieren.

Ungenaue Übungen, keine Erwärmung

Sportwissenschaftler Konrad Höfinger erklärt, wie die auf dem Schild angegebene Übung besser ausgeführt werden kann. Auf dem Schild findet sich lediglich eine ungenügende Beschreibung der Bewegungen.

Der Olympiapark: Wo früher Sportgeschichte geschrieben wurde, vermutet man heute einen perfekten Fitness­parcours. Weit gefehlt, urteilt Experte Höfinger: „Es fehlen genaue Angaben zur Erwärmung der Muskulatur vor dem Training und einer anschließenden Regeneration.“ Es brauche einen Trainer, um alle Übungsmöglichkeiten der einzelnen Stationen richtig zu erklären – etwa beim Kraftmodul „Liegestütz“.

Zugleich warnt Höfinger, dass so nur bestimmte Abläufe trainiert werden, was die Gefahr für spätere Gelenkschäden erhöhe.

Haben wir Ihr Interesse geweckt? Eine große Auswahl weiterer Serien finden Sie in unserer Übersicht.

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