Handwerk: Die jungen Macher

„Eine Herkulesaufgabe“

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Über 23 000 Menschen haben dieser Tage eine Ausbildung bei einem bayerischen Handwerksbetrieb begonnen.

München – Das Handwerk in und um München boomt: Diese vermeintlich gute Nachricht stellt die Betriebe jedoch vor Herausforderungen - Hallo hat mit einem Experten über die Lage gesprochen

Über 23 000 Menschen haben dieser Tage eine Ausbildung bei einem bayerischen Handwerksbetrieb begonnen. Anlässlich des internationalen Tag des Handwerks am 15. September sprechen wir mit jungen und alten Meistern über Nachwuchsmangel, Frauen in Männerdomänen & neue Branchen.

Das Handwerk in und um München boomt: Was nach einer rundum guten Nachricht klingt, stellt die Betriebe durchaus vor Herausforderungen. In vielen Unternehmen gibt es offene Stellen – auch Azubis sind Mangelware. Wie die Handwerkskammer gerade bei jungen Leuten nun Werbung für eine Ausbildung macht, welche Schmankerl sich die einzelnen Unternehmen einfallen lassen und in welchem Bereich es trotz Boom weniger Ausbildungsstellen als Interessenten gibt, verrät Alexander Dietz (44), Sachgebietsleiter Nachwuchsförderung bei der Handwerkskammer München und Oberbayern.

Alexander Dietz (44) ist Sachgebietsleiter Nachwuchsförderung bei der Handwerkskammer München und Oberbayern.

Herr Dietz, das Handwerk boomt. Würden Sie das für München ohne Einschränkungen so unterschreiben?
Ja, das würde ich. Das Münchner Handwerk sucht gewerkübergreifend nach Berufsnachwuchs und Fachkräften. Eine unserer jüngsten Umfragen hat ergeben, dass ein Drittel der oberbayerischen Betriebe mit der Zahl ihrer Mitarbeiter aktuell zwar zurechtkommt, aber noch jemanden einstellen würde. 28 Prozent fühlen sich durch den Fachkräftemangel sogar massiv in ihren Entwicklungsmöglichkeiten gehemmt.

Gibt es keine Ausnahmen?
Es beklagt sich momentan wirklich niemand über zu wenig Arbeit. Die Auftragsbücher sind voll. Die Handwerksbetriebe im Bau- und Ausbaugewerbe haben derzeit für die nächsten zehn bis zwölf Wochen Arbeit. Im Bauhauptgewerbe arbeiten etwa 60 Prozent der Betriebe an ihrer Kapazitätsgrenze. Dort wartet man momentan länger auf den Handwerker.

Wie erklärt sich dieser Boom?
Da kommt vieles zusammen. Aufgrund der guten Konjunktur gibt es in unserer Region so gut wie keine Arbeitslosigkeit. Hinzu kommen extrem niedrige Zinsen. Es bringt also nichts, das Geld auf der Bank zu parken. Viele Kunden investieren lieber in die eigenen vier Wände und leisten sich qualitativ hochwertigen Produkte von Fachleuten.

Flüchtlinge interessieren sich vor allem für technische Berufe

In welchen Branchen werden Azubis gerade am dringendsten gebraucht?
Der Lebensmittelbereich hat arg zu kämpfen – seien es nun Metzger, Bäcker oder Konditoren. Auch in den Bauberufen wird gesucht. Die Schüler können es sich momentan aussuchen, wo sie eine Lehre beginnen. Viele gehen auch auf weiterführende Schulen oder studieren. Das ist momentan die Herkulesaufgabe für uns: Den jungen Menschen die Berufsausbildung als sinnvolle Alternative zum Studium aufzuzeigen.

Konditoren und Bäcker suchen händeringend Nachwuchs.

Wie sehr können Flüchtlinge diese Situation entschärfen?
Wir hatten schon im vergangenen Jahr viele Flüchtlinge in Ausbildung, das ist immer noch so. Bei ihnen sind vor allem technische Berufe aus den Bereichen Kfz, Elektro oder SHK (Sanitär, Heizung, Klima, Anmerkung der Redaktion) gefragt. In der Handwerkskammer kümmern sich drei bis vier Kollegen um diese Zielgruppe und helfen den Betrieben bei Fragen rund um den Ausbildungsvertrag.

Welche Wege gehen Sie, um mehr Nachwuchs fürs Handwerk zu begeistern?
Neu ist die Zusammenarbeit mit den Gymnasien ab diesem Schuljahr. Es gibt jetzt Koordinatoren für die berufliche Orientierung. Diese Lehrer haben wir in den vergangenen Wochen und Monaten auf Schulungen kennengelernt und ihnen aufgezeigt, welche Chancen und Möglichkeiten das Handwerk auch für Abiturienten bietet. Wir wollen niemandem das Studium ausreden – aber eben auch andere Wege aufzeigen. Davon versprechen wir uns sehr viel, da wir bisher ja gar keinen Kontakt mit den Gymnasien hatten. Darüber hinaus machen wir natürlich auch weiterhin unzählige Veranstaltungen und arbeiten sehr gut mit den Kollegen der Arbeitsagentur zusammen.

Welche Schmankerl lassen sich die Münchner Betriebe einfallen, um Auszubildende von sich zu begeistern?
Einige: Sie finanzieren beispielsweise Führerscheine mit oder zahlen mehr Geld als im Tarifvertrag vorgeschrieben. Ich weiß auch von Betrieben, die ihren Azubis ein Auto stellen würden, damit sie morgens zur Baustelle fahren können.

Gibt es in München Branchen, in denen es mehr Bewerber als Ausbildungsplätze gibt?
Wir erleben momentan einen unglaublichen Run auf den Schreinerberuf. Da werden voraussichtlich nicht alle Bewerber einen Ausbildungsplatz finden. Die Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker ist schon seit Jahren sehr beliebt und auch der Gesundheitsbereich zieht merklich an.

M. Litzlbauer

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