Der Politik auf die Finger schauen

Münchner Ernährungsrat: So beeinflusst die Nachhaltigkeit unsere nächste Kommunalwahl

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Agrargipfel in München: Zahlreiche Teilnehmer demonstrieren unter anderem gegen das Bauernsterben. Für viele Bauern bedeuten die Billig-Preise in den Discountern das Aus.

Ernährung: Münchner Bündnis möchte Lebensmittel-Themen bei der Kommunalwahl in den Fokus rücken.

Genau ein Jahr ist er nun alt, der Münchner Ernährungsrat – ein unabhängiges Bündnis von aktuell über 50 Organisationen und weiteren Privatpersonen aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Verwaltung, Wirtschaft und Politik. Sein Ziel: in München ein gerechtes und gemeinwohlorientiertes Ernährungssystem zu etablieren, durch das saisonale und regionale Lebensmittel aus nachhaltiger Herstellung und artgerechter Tierhaltung gefördert werden. Wie er das umsetzen will, warum dafür die kommenden Wahlen so wichtig sind und wie in einer Großstadt regionale Herstellung gewährleistet werden kann erklärt Vorstand Michael Böhm im Interview.

Michael Böhm, Vorstand des Münchner Ernährungsrats, spricht im Interview über öffentliche Auftragsvergaben, Bio-Lebensmittel und das Bauernsterben.

Herr Böhm, der Ernährungsrat will Mittler zwischen Politik und Gesellschaft sein. Versuchen Sie, den Bürgern politische Entscheidungen zu erklären, oder Einfluss auf diese Entscheidungen zu nehmen?
Beides. Erst einmal gibt es die Karotte, und wenn die nicht hilft, die Peitsche. Wir wollen die Parteien dabei unterstützen, auch mal scheinbar unpopuläre Entscheidungen zu treffen, die wir dann erklären. Meist sind diese Entscheidungen aber gar nicht so unpopulär wie gedacht. Viele zahlen zum Beispiel gerne etwas mehr, wenn sie dafür fair gehandelte Erzeugnisse aus artgerechter Haltung bekommen. Und wenn wir merken, dass sich die Politik nicht bewegt, werden wir beispielsweise Volksbegehren und Bürgerentscheide anstoßen.

Wie versuchen Sie aktuell, Einfluss auf die Politik zu nehmen?
Wir haben beispielsweise ein Thesenpapier mit Vorschlägen für die Wahlprogramme der Münchner Stadtratsparteien erarbeitet und dieses in den Fraktionen vorgestellt. Ich hatte das Gefühl, dass unsere Forderungen parteiübergreifend sehr interessiert aufgenommen worden sind.

Was fordern Sie?
Wir haben vier zentrale Forderungen. Erstens: Die Ernährung soll auf der politischen Agenda höher rutschen – als genauso wichtig erachtet werden, wie Mobilität und Energie. Das geht nur durch referatsübergreifende Zusammenarbeit. Zweitens: Der Ausgangspunkt des Wandels liegt in den Stadtvierteln. Aktive Zentren wie „Tante Trude“ in Trudering oder der „Ackermannbogen e.V.“ leisten schon jetzt wertvolle Arbeit. Solche Ansätze sollten stärker unterstützt werden. Drittens: Bei der öffentlichen Auftragsvergabe muss noch mehr auf regionale und saisonale Bioprodukte geachtet werden. Viertens: Der Fleischkonsum muss reduziert werden. Wir dürfen eines nicht vergessen: Die Art unserer aktuellen Ernährung macht ein Drittel des Klimawandels aus.

Wie beurteilen Sie den Ist-Stand hinsichtlich dieser Forderungen?
München ist auf einem guten Weg. Das Problem ist: Oft sind wir auf der Verwaltungsebene sehr viel weiter als auf der politischen. Die Entscheidungen fallen nun mal auf der Politischen.

Ist die Forderung nach regionalen Lebensmitteln in und um eine Großstadt wie München nicht utopisch?
Die Stadt unterstützt Landwirte bei ihrem Wirtschaften, entzieht ihnen aber landwirtschaftlich nutzbare Flächen. Dieser Flächenverbrauch betrifft aber eigentlich die Landesplanung. Rein rechnerisch reichen die Flächen im Umland für die Versorgung – vorausgesetzt, wir reduzieren unseren Fleischkonsum. Deshalb ist der Freistaat in der Pflicht, zum Beispiel Gewerbeansiedlungen besser zu verteilen. München allein kann da nicht viel ausrichten. Das Bauern­sterben muss jedenfalls aufhören. Die Konzentration auf einige wenige ist in jeder Hinsicht fatal.

In den vergangenen Jahren wurde immer wieder Kritik laut, dass die Punktevergabe für die Zulassung zur Wiesn viel stärker von Nachhaltigkeit und Regionalität abhängig gemacht werden müsste. Teilen Sie diese Meinung?
Die Wiesn ist leider tatsächlich kein Beispiel für Nachhaltigkeit. Unser OB soll ja mal gesagt haben: „Die Wiesn ist kein Statement für Ökologie, sondern das weltweit größte Volksfest“. Es wäre aber ein wünschenswertes Signal, wenn es zum Vorzeigeprojekt für ökologische Großveranstaltungen würde – mit weltweiter Ausstrahlung! Ein solches politisches Statement fehlt jedoch bisher.

Würden entsprechende Lebensmittel – egal, ob das Hendl auf der Wiesn oder das Gemüse im Supermarkt – durch mehr Nachhaltigkeit bei der Erzeugung automatisch teurer werden?
Jein. Gutes ist nicht zwangsläufig teurer. Wer es intelligent angeht und Verschwendung minimiert, der wird nicht mehr oder nur sehr wenig mehr bezahlen. Fakt ist aber auch: Die aktuellen Lebensmittelpreise spiegeln nicht die tatsächlichen Kosten wider. Und das geht zu Lasten unserer Zukunft und auf Kosten der Umwelt.

Bio-Gemüse ist nicht zwangsläufig teurer.

Also liegt es letztendlich – wie so oft von der Politik betont – am Verbraucher selbst, einen Wandel hin zur Nachhaltigkeit zu vollziehen?
Nein. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen muss die Politik schaffen. Denn solange das ökologisch sinnvolle Produkt im Regal teurer ist, als das ökologisch schlechtere Vergleichsprodukt, wird es der Verbraucher nicht alleine schaffen. Aber die Bürger – und beispielsweise mittlerweile über 50 Ernährungsräte in Deutschland – können der Politik die richtigen Anstöße geben, um diese Situation umzukehren. Momentan versuchen wir das noch mit der ausgestreckten Hand. Irgendwann dann mit Volksbegehren. M. Litzlbauer

Gewinnspiel „Richtig schlemmen!“

Bio, regional und saisonal. Frisch, hausgemacht und nachhaltig – und vor allem unglaublich lecker! So lässt sich das Restaurant „Resihuber“ (www.resihuber.bio) beschreiben.

Chefkoch Sven Balzer setzt auf die besten Zutaten, die Gerichte sind inspiriert von moderner und traditioneller Küche – Schaumsuppe vom Radieschen mit Apfel-Chutney, Karotten-Risotto mit Curry-Blumenkohl und gebackenem Rucola und Parmesan – wenn das nicht traumhaft klingt!

Wir verlosen ein Vier-Gänge-Menü inklusive Weinbegleitung für zwei Personen. Teilnahmeschluss: 14. Juli.

Das Gewinnspiel ist beendet.
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Lesen Sie hier die News aus Münchens Vierteln

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