Fünf Gemeinden verbieten Schnaps beim Umzug

Wird der Fasching zum Trinkgelage?

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Für manche gehört zum „Helau“ ein „Prost“ dazu.

Würzburg - Rathausstürme, Faschingszüge, Ordensverleihungen: Die Fastnacht steuert auf ihren Höhepunkt zu. Immer wieder werden dabei betrunkene Jugendliche zum Thema. Wird die Tradition zum Trinkgelage?

Ein Schnaps zum Aufwärmen, noch einer vom Kumpel auf dem Faschingswagen, danach in eine Bar - Alkohol, das zeigt sich dieser Tage wieder, gehört für viele untrennbar zum Fasching dazu. Immer wieder besonders ausgelassen dabei: Jugendliche.

„16-Jährige mit 1,6 Promille in Klinik eingeliefert“, „Faschingsnarr so stark betrunken, dass er nicht mehr fähig war, einen Alkoholtest mitzumachen“, „17-Jährige hatte über 2,0 Promille“ - so lesen sich viele Meldungen nach den Faschingszügen. Verkommt da eine jahrhundertealte Tradition zum Kampftrinken?

„Die Fastnacht war von Beginn an ein Trinkgelage“, sagt Daniela Sandner, wissenschaftliche Leiterin des Deutschen Fastnachtmuseums in Kitzingen. Kurz vor der Fastenzeit hätten die Katholiken im Mittelalter alle noch übrigen Reste verbraucht und dabei Festmähler mit reichlich Alkohol abgehalten. Psychologisch betrachtet sei die Fastnacht zudem immer ein „Ventil-Fest“ gewesen, an dem alles erlaubt gewesen sei, sagt Sandner. „Ein gesellschaftliches Raster, aus dem man hin und wieder ausbrechen möchte, gibt es aber auch heute noch.“

Dass betrunkene Jugendliche im Fasching diese Tradition im Kopf haben, ist gleichwohl unwahrscheinlich. 2016 ging ihre Zahl laut unterfränkischer Polizei zwar zurück, einige Extremfälle gab es dennoch. So kam ein 13-jähriges Mädchen nach dem Konsum von Haschisch und Alkohol in die Notaufnahme, in Bad Neustadt an der Saale brach eine betrunkene Jugendliche auf einer Polizeistation zusammen. „Es gab vor Jahren mal eine Phase, in der es schlimm war, wo fast an jeder Ecke ein betrunkener Jugendlicher hing“, erzählt Dieter Blendel von der 1. Karnevalsgesellschaft Elferrat Würzburg, die den dortigen Umzug mit etwa 100 000 Besuchern organisiert.

Die Ursache dafür sehen Blendel und Sandner weniger in der Fastnacht als in einer gesellschaftlichen Entwicklung - und der Schwierigkeit, ein Straßenfest umfassend zu kontrollieren. „Da bietet die Fastnacht jetzt halt einen Rahmen - das hat man bei jedem anderen Fest wie beispielsweise der Kirchweih oder einem Weinfest aber auch“, sagt Sandner. In Würzburg dürfen Teilnehmer des Umzugs seit einigen Jahren deshalb keinen Alkohol mehr vom Wagen an Zuschauer verteilen. Mehrere schwäbische Gemeinden gehen in diesem Jahr noch weiter: Sie haben Hochprozentiges auch entlang der gesamten Zugstrecke verboten.

Fünf Gemeinden verbieten Schnaps

Die Städte und Gemeinden Schwabmünchen, Mittelneufnach, Klosterlechfeld (alle Landkreis Augsburg), Friedberg (Landkreis Aichach-Friedberg) sowie die Kreisstadt Dillingen haben ein Verbot von branntweinhaltigen Getränken entlang der Strecke erlassen. Schnaps und Likör darf weder von Faschingswägen ausgeschenkt noch von Läden verkauft werden. Auch sogenannte Alcopops seien verboten, sagte Wilhelm Haupeltshofer vom Schwabmünchner Ordnungsamt.

Der Bayerische Gemeindetag begrüßt das Verbot: „Schnaps, Wodka, Likör und Konsorten sind nur kurzfristige "Anheizer"“, kommentierte Gemeindetagspräsident Uwe Brandl. Familien mit Kindern, die häufig zu den Zuschauern bei Faschingsumzügen gehörten, seien „angewidert, wenn sie sturzbetrunkene Feierwütige auf Umzugswägen hören und sehen“.

Wilde Partys statt Tradition also? Nicht nur, sagen die Fastnachter. Ihre Jugendarbeit ist erfolgreich wie selten zuvor, die Zahl der Vereine im Fastnacht-Verband Franken stieg innerhalb der vergangenen zehn Jahre von 200 auf 330, etwa 20 000 Jugendliche zählen zu den Mitgliedern. „Wir stellen einen positiven Wandel hin zur Besinnung auf die Tradition fest“, sagt Präsident Bernhard Schlereth.

Verantwortlich dafür seien die vielen Angebote der Fastnachter und Prunksitzungen wie „Fastnacht in Franken“ oder die Nachwuchssendung „Wehe wenn wir losgelassen“. Hinzu kommen Tausende Mädchen, die in ganz Deutschland als Gardetänzerinnen unterwegs sind. Andere Jugendliche wirken in Spielmannszügen mit und proben ganzjährig für die großen Auftritte im Fasching.

Für viele hat das Engagement im Verein auch abseits der Fastnacht Vorteile - Selbstbewusstsein und souveränes Auftreten lassen sich auf der Bühne gut lernen. So mancher hätte ihn schon nach erfolgreichen Bewerbungsgesprächen oder Referaten angerufen und sich bedankt, erzählt Schlereth.

Grundsätzliches Interesse der jungen Generation an der Fastnacht sieht auch Blendel. Der Würzburger Sitzungspräsident beobachtet aber auch eine Behäbigkeit: „Der Jugendliche heute geht immer mehr zum Konsumenten über, du musst denen hinterherlaufen“, berichtet er von seinen Erfahrungen.

Dabei gewinnen die Nachwuchs-Fastnachter gerade in Zeiten der modernen Medien weiter an Bedeutung. Viele Stars der großen Fernsehsendungen sind inzwischen ganzjährig unterwegs und werden zu teuer für kleinere Vereine. „Kabarettisierung“ nennt Sandner das, Blendel sagt „extreme Ganzjahresveranstaltung“. Eine Herausforderung für die Organisatoren: Die Vereine brauchen den Nachwuchs und parallel neue Konzepte, um für die Zuschauer und neue Künstler attraktiv zu bleiben. Aber die Fastnacht habe sich ja schon immer angepasst, fügt Sandner optimistisch hinzu. „Das ist letztlich ihr Erfolgsrezept.“

dpa

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