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Ukraine-Krieg: Geflüchtete kommen in Bayern an - Geretsrieder baut sich eigenes Hilfsnetzwerk auf

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Von: Cornelia Schramm

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Wie ein Held fühlt Vitalijs Glibickis (Mitte) sich nicht, für viele Menschen ist er es aber doch. Seit Ausbruch des Ukraine-Krieges hilft der 33-Jährige Geretsrieder dort, wo er gebraucht wird – und sein Netzwerk wächst.
Wie ein Held fühlt Vitalijs Glibickis (Mitte) sich nicht, für viele Menschen ist er es aber doch. Seit Ausbruch des Ukraine-Krieges hilft der 33-Jährige Geretsrieder dort, wo er gebraucht wird – und sein Netzwerk wächst. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Als in Berlin Ukrainisch-Dolmetscher gebraucht werden, fährt Vitalijs Glibickis einfach los. Jetzt ist der Geretsrieder zurück in der Heimat und hat auf eigene Faust ein Helfernetzwerk aufgebaut. Keinen Moment Ruhe gönnt sich der 33-Jährige – schließlich weiß er, wie es ist, auf der Straße zu sitzen.

Geretsried – Niemand soll das durchmachen müssen, was er einmal durchgemacht hat. Dieser Gedanke ist es, der Vitalijs Glibickis jetzt jeden Tag antreibt. Vor elf Jahren ist er in Geretsried (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) angekommen – und hat drei Monate in seinem Auto geschlafen, bis er Arbeit und eine Wohnung gefunden hatte. „Im Gegensatz zu den Menschen, die jetzt zu uns kommen, bin ich nicht vor einem Krieg geflohen“, erzählt der 33-Jährige. Aber vor Armut und einem Leben ohne Perspektiven in Lettland. „Ich bin gelernter Installateur und habe dort als 22-Jähriger wegen der Wirtschaftskrise einfach keine Arbeit gefunden.“

In Bayern hat er seinen Weg gemacht: Er arbeitet bei einem großen Pharmaunternehmen in Penzberg, spielt Basketball im Verein und lebt mit seiner Freundin Rebeka in Geretsried. Glibickis ist angekommen und glücklich. Umso härter trafen ihn die Nachrichten vom Krieg in der Ukraine. „Meine Wurzeln liegen dort“, erzählt er. „Ich spreche Lettisch, Russisch. Ukrainisch, Deutsch und Englisch – wer könnte jetzt also besser helfen als ich?“

Im Gespräch ringt Glibickis immer wieder mit den Tränen. Er ist übermüdet, ruht aber keinen Moment. Immer wieder surrt sein Handy. Anrufe, Nachrichten und Emails trudeln rund um die Uhr ein. „Es gibt viel zu tun, aber ich bin einfach nur froh, wenn ich helfen kann“, sagt er.

Ukraine-Krieg: Geretsrieder hilft Geflüchteten

Gut zwei Wochen ist es her, dass der Geretsrieder in den Sozialen Netzwerken einen Hilferuf sah. Ihm kommt das vor wie Jahre – auch, weil er unendlich viele Gesichter gesehen hat. „In Berlin wurden Dolmetscher gesucht. Ich habe kurz überlegt und dann meinen Chef angerufen.“ Er nahm Urlaub und fuhr nach Berlin. „Dort habe ich am Bahnhof Durchsagen auf Ukrainisch gemacht und Geflüchtete in Empfang genommen.“ Essen- und Decken austeilen, Tickets lösen, aber vor allem übersetzen – eine Woche ging das so, bis die Berliner den hilfsbereiten Bayern heimgeschickt haben. „Jetzt kommen sie auch bei Euch an“, haben sie gesagt.

Glibickis fuhr mit zig Kontakten im Gepäck zurück. „Es gibt einen Mann in Lemberg, der die Menschen über die Grenze fährt. Von Warschau fahren sie weiter nach Berlin“, sagt Glibickis. „In Augsburg stellt ihnen dann eine Frau ihr Hostel für eine Übernachtung zur Verfügung.“ In München angekommen, fahren die Geflüchteten mit der S7 nach Wolfratshausen, wo Glibickis sie abholt.

Analog und digital nutzt Glibickis dann seine Netzwerke, vermittelt eine Wohnung und Termine am Landratsamt. Er füllt Anträge aus, übersetzt Ausweise, Geburtsurkunden und Impfpässe. „Ich bin überwältigt, wie gut das klappt. Um mich herum kennt die Hilfsbereitschaft gerade kaum Grenzen“, sagt er. Sein Basketball-Verein etwa sammle Spenden. „Ich frage mich nur, wann ich auf die Schnauze falle.“

Manuela Leemburg kennt die Antwort: „Gar nicht – dafür sind deine Flügel zu groß.“ Sie kennt Glibickis erst ein paar Tage. „Aber seine Energie und seine Hilfsbereitschaft sind ansteckend“, sagt die 35-Jährige. Auf Anfrage ihrer Nachbarn, die Freunde von Glibickis sind, stellte die Köngisdorferin kurzerhand das Dachgeschoss ihres Elternhauses zur Verfügung, um dort Geflüchtete unterzubringen. Als Tatjana Jefremowa und Christine Kolomina mit ihren Kindern ankamen, wusste Glibickis direkt, wohin er sie fahren würde.

Königsdorf: Gelebte Integration im Mehrgenerationenhaus

„Wir wussten nicht, was uns erwartet“, sagt Kolomina. Sie und Jefremowa kommen aus Odessa. Ihre Ehemänner sind noch dort. „Wir sind unendlich froh, dass wir Vitalijs und die Leemburgs haben – sie sind Fremde, aber Herzensmenschen.“ Bei Ankunft in Königsdorf gab es eine Dusche, heiße Suppe und frische Betten. Die „Babuschka“, die Oma im Haus, schaut im Dach immer wieder nach dem Rechten. Sie selbst kam einst als Vertriebene von Böhmen nach Bayern. „Wir haben uns unterhalten“, sagt Manuela Leemburg. „Sie können so lange bleiben, wie nötig – es gibt von uns keine zeitliche Begrenzung.“

Tatjana Jefremowa (links von Glibickis) und Christine Kolomina (rechts von Glibickis) sind mit ihren Kindern in das Dachgeschoss von Jens (links) und Manuela Leemburg (rechts) eingezogen.
Integration im Kleinen: Tatjana Jefremowa (links von Glibickis) und Christine Kolomina (rechts von Glibickis) sind mit ihren Kindern in das Dachgeschoss von Jens (links) und Manuela Leemburg (rechts) eingezogen. Glibickis besucht die Geflüchteten regelmäßig und übersetzt alles, was sich nicht auf Englisch, mit Hand oder Fuß regeln lässt. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Im Mehrgenerationenhaus hat die Integration im Kleinen schon begonnen. Der achtjährige Luis und die fünfjährige Phillis Leemburg spielen in jeder freien Minute mit dem der fünfjährigen Nika Jefremowa und der zwölfjährigen Vika Kolomina. Für beide soll es bald in die Kita und zur Schule gehen. Für den 17-jährigen Nikita Jefremowa hat Jens Leemburg seinen Arbeitgeber schon nach einer Praktikumsstelle gefragt. Das wollte er ihm heute erzählen. Auch daher schaut Glibickis vorbei – um zu übersetzen.

Königsdorf ist nur eine der Stationen, die Glibickis jetzt täglich nach Feierabend anfährt. Gleich will er zu einer Familie fahren, die er in Geretsried untergebracht hat. Für 36 Ukrainer im Landkreis fühlt er sich nun verantwortlich. „Ich besuche alle regelmäßig“, sagt er, als sein Handy wieder klingelt. Gleich mehrere Zimmer will jemand in Kochel bereitstellen. Glibickis ist gerührt. Sein Netzwerk wächst. „Jeder kann Herz und Haus öffnen.“ (sco)

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