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Weil Langeweile so gar nicht langweilig ist: Ein Interview über die unerträglich langsame Zeit

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Von: Cornelia Schramm

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Eine junge Frau sitzt auf einer gelben Couch und langweilt sich.
Langeweile fühlt sich unangenehm an, sendet uns aber wichtige Signale. © F1-Online

Jeder kennt das: Minuten fühlen sich an wie Stunden, die Zeit zieht sich wie Kaugummi. Was ist Langeweile? Und warum quält sie uns so? Eine Expertin kennt Antworten - und hält Langeweile sogar für positiv.

Regensburg – Gesine Dreisbach ist Professorin für Psychologie an der Universität Regensburg und forscht zu Emotionen - schwerpunktmäßig zu Anstrengung. Was die mit Langeweile gemeinsam hat, erklärt die 53-Jährige im Interview. Hört man ihr zu, lernt man schnell: Langeweile ist so gar nicht langweilig - und noch dazu ein wichtiges Signal.

Frau Dreisbach, ist es langweilig, sich als Forscherin mit Langeweile zu beschäftigen?

Nein, ich forsche aber auch nicht zu Langeweile, sondern Anstrengung. Aber da gibt es erstaunliche Gemeinsamkeiten. (lacht)

Welche denn?

Wir können ja zu einem Zeitpunkt immer nur einer Beschäftigung nachgehen und müssen dafür sozusagen auf eine andere verzichten. Wenn die Alternative aber interessanter erscheint, kann sich ein aversives Gefühl - ein Gefühl von Ablehnung - einstellen: Wir empfinden die aktuelle Beschäftigung dann als anstrengend oder langweilig. Beides kann die gleiche Folge haben: Wir geben auf. Verlassen den Schreibtisch, spazieren lieber in der Sonne.

Also kann Langeweile richtig anstrengend sein – und anders herum?

Ja. Es gibt Versuchsreihen, in denen Personen einmal Mathematikaufgaben lösen sollten und einmal gezwungen wurden, in der gleichen Zeit einfach nichts zu tun. Am Ende empfanden die Versuchspersonen die Langeweile als genauso anstrengend wie die Aufgaben.

Beschreibt Langeweile denn jeder gleich?

Nein, aber immer als unangenehm. Wenn wir in einer Telefon-Hotline hängen oder in einer Warteschlange stehen müssen, kann sie uns zappelig, ärgerlich oder sogar aggressiv werden lassen. Wir können aber auch träge werden. Wenn uns langweilig ist, muss das übrigens nicht an zu wenig Stimulation liegen. Es kann auch eine Überstimulation liegen oder daran, dass man die Sinnhaftigkeit der aktuellen Beschäftigung in Frage stellt.

Kann es sein, dass die Pandemie das Gefühl von Langeweile verstärkt hat?

Belegt ist das nicht. Aber ja, im ersten Lockdown gab es einen Mangel an Freizeit-Alternativen. „Aus der Not“ sind so viele Menschen wie nie spazieren gegangen oder haben angefangen, Brot zu backen. Ich weiß aber nicht, ob das nur aus Langeweile heraus passiert ist.

Psychologie: Menschen sind unterschiedlich anfällig für das Gefühl von Langeweile

Langweilen sich manche schneller als andere?

Langeweile ist subjektiv, nicht immer rational und wir sind unterschiedlich anfällig für sie. Sie kann entstehen, wenn wir in dem, was wir gerade machen, keinen Sinn sehen. Am Flughafen von Houston gab es etwa oft Beschwerden über die Wartezeit am Kofferband. Als es weiter weg verlegt wurde, hörte das auf. Den Fußweg empfanden die Leute als sinnvoller als das bloße Warten. Mir persönlich würde das ja auch so gehen. (lacht)

Trotz endloser Möglichkeiten, uns heute zu beschäftigen: Ist Langeweile ein modernes Problem?

Ich glaube nicht, dass Langeweile ein Luxusproblem und heute verbreiteter als früher ist. Die kognitiven Voraussetzungen sind unverändert. Es geht nicht um Intelligenz, sondern darum, ob ich meine Tätigkeit sinnvoll finde und ob es mir gelingt, meine Aufmerksamkeit auf sie zu richten – was ja auch auf das Jagen und Sammeln zutreffen könnte. Zudem weiß man, dass Langeweile bei Kindern ein Auslöser für Neugier sein kann – so entdecken sie Neues.

Hat Langeweile per Evolution also eine Aufgabe?

Tatsächlich ist sie ein wichtiges Signal. Sie kann unsere Kreativität fördern und uns motivieren, indem sie uns signalisiert, dass uns das, was wir gerade tun, nicht erfüllt. Die einen erfüllt das Sudoku-Rätsel stundenlang, andere nicht. Aber auch wer am Fließband arbeitet, kann seine Tätigkeit als absolut sinnhaft empfinden. Es kommt eben ganz darauf an, welche Vorlieben oder Ziele man hat.

Gesine Dreisbach: „Langeweile hat ihren schlechten Ruf zu Unrecht“

Hat Langeweile heute einen schlechten Ruf?

Ja, weil sie einem vermittelt, dass man nichts mit sich anfangen kann. Niemand macht einem Vorwürfe, wenn man mit Gips im Krankenhaus liegt und sich dort langweilt. Wer aber gegenüber anderen zugibt, dass ihm langweilig ist, muss fürchten, dafür verurteilt zu werden. Unsere Gesellschaft schreibt nun mal beschäftigten Menschen ein höheres Maß an Kompetenz zu. Das verschafft uns das schlechte Gewissen, wenn wir feststellen, dass wir uns langweilen.

Gibt es einen Ausweg?

Jeder Tätigkeitswechsel kann uns aus der Langeweile herausholen. Wenn Ihnen Bügeln zu langweilig ist, lassen Sie’s und schauen sich Fotos vom Sommerurlaub an. Oder Sie hören nebenbei einen Podcast und erhöhen so die Sinnhaftigkeit der Tätigkeit.

Was hilft sonst?

Herauszufinden, was der Grund meiner Langweile ist, ist ein guter Start. Bin ich im Job über- oder unterfordert? Klagen Kinder, sollte man der Ursache ebenfalls auf den Grund gehen. Gelingt das, war die Langeweile informativ und Anstoß, an einem Problem zu arbeiten – und das ist doch wirklich positiv. (sco)

Das Interview führte Cornelia Schramm

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