Sie hilft im Lockdown-Gebiet

Krankenhaus-Seelsorgerin im Interview: Mittendrin im Corona-Wahnsinn

Ein Patient wird im Krankenhaus behandelt.
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Corona-Patienten in der Klinik brauchen nicht nur medizinische Hilfe, sondern auch seelischen Beistand.

Katharina Burgthaler (43), Mutter von fünf Kindern, erlebt den Corona-Wahnsinn im Kreis Berchtesgadener Land aus nächster Nähe. Die Religionspädagogin ist katholische Krankenhaus-Seelsorgerin in der Kreisklinik Bad Reichenhall. Mit Schutzkleidung, Handschuhen, Maske und Gesichtsschild dürfen sie und ihre Kollegin auch zu den Covid-19-Patienten. Wir sprachen mit ihr über ihren seelsorglichen Dienst im Krankenhaus.

Frau Burgthaler, Sie erleben zurzeit den zweiten Lockdown als Krankenhausseelsorgerin. Wie geht es Ihnen?

Es ist eine Ausnahmesituation – und das schon wieder. Man merkt zwar, dass es anders ist als im Frühjahr. Der Lockdown ist ein bisschen milder und man weiß, was zu tun ist. Aber die Belastungen sind schon heftig.

Katharina Burgthaler ist Krankenhaus-Seelsorgerin.

Was ist anders? Was ist besonders schwer für Sie als Seelsorgerin?

Wir sind zu zweit in Bad Reichenhall, meine Kollegin und ich. Jetzt musste neu verhandelt werden, dass wir in die Zimmer der Covid-positiven Patienten dürfen. Und wir mussten neu geschult werden in den Hygienevorschriften. Von Angehörigen dürfen die Kranken im Moment ja gar keinen Besuch bekommen. Seit vergangener Woche dürfen wir aber wieder in die „roten Zimmer“, wo die Covid-positiven Patienten sind, wenn ein Anruf kommt.

Aus eigenem Impuls dürfen Sie nicht dorthin?

Nein, nur wenn ein Angehöriger anruft und uns bittet. Oder ein Patient über die Krankenschwestern nach uns fragt.

Was ist das größte Leid der Patienten?

Sehr schwierig ist, dass zur Zeit kein persönlicher Kontakt zu Angehörigen sein darf. Ausnahmen gibt es in der Palliativstation bei Sterbenden oder für werdende Väter im Kreißsaal. Aber sonst darf wirklich keiner besucht werden. Und wenn man jetzt eine schlimme Diagnose erhält und man dann ganz allein ist, das ist eine ganz große Härte.

Wie trösten Sie einen Menschen, der Sie wegen Ihrer Maske gar nicht richtig sieht?

Wir können da sein und Tränen mit aushalten und dableiben ohne Zeitbegrenzung. Ehrlich gesagt: Ich vergesse die Maske, wenn ich bei den Patienten bin. Im Covid-19-Zimmer bin ich mit Kittel, Faceshield, strenger Maske und Haube, da ist man komplett geschützt – aber nicht einmal da merke ich im Gespräch mit dem Patienten, was ich da alles anhabe. Man spürt die Nähe, alles andere ist dann vergessen.

Kann man einen echten emotionalen Kontakt aufbauen, wenn man das Gesicht des anderen kaum erkennt?

Das habe ich früher auch bezweifelt. Wie das aus der Sicht des Patienten ist, kann ich natürlich nicht sagen. Ich weiß nur: Ich spüre eine ganz große Nähe – trotz der Coronabekleidung. Man merkt, dass auch Augen lachen können.

Dürfen Sie Patienten die Hand halten?

Ja, Gott sei Dank. Bei Covid-Patienten zwar mit Handschuhen, aber es geht. Das ist schön und wichtig!

Was bedeutet Corona für Ihr Privatleben? Müssen Sie noch vorsichtiger sein?

Ja, schon! Wir sind eine große Familie, ich habe fünf Kinder im Alter von 22 bis 12 Jahre. Die sind jetzt alle im Homeschooling daheim. Da bin ich schon besonders vorsichtig. Gehe nach einem Einsatz erst an der frischen Luft spazieren, wechsele zuhause sofort die Kleidung. Und ich achte darauf, dass ich nur Kontakte zu meiner Familie habe.

Wie erleben Sie das Krankenhauspersonal?

Man merkt eine Anspannung, aber trotzdem noch große Gelassenheit. Selbst auf der Covid-Station, wo viel zu tun ist, überwiegt die Überzeugung: Wir schaffen das!

Was können Sie für Angehörige tun, die nicht zu ihren Lieben können?

Es rufen Menschen an, die wissen, dass es Seelsorge gibt und wir zu den Patienten dürfen. Wir richten Grüße aus, für manche ist einfach schön zu wissen, dass ihre Kranken nicht allein sind. Oft heißt es ja, dass die Kirche die Situation derzeit verschläft. Wir wundern uns sehr über solche Urteile: Wir sind als Seelsorgerinnen von Anfang an mittendrin im Corona-Wahnsinn. Natürlich sind die Ärzte und Schwestern viel wichtiger als wir, aber Kirche ist auch dabei! Es wäre schön, wenn das mehr gesehen würde. Auch, dass Kirche nicht nur im Dienst des Pfarrers besteht, sondern in der Hinwendung vieler Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zu allen, die gerade eine schwere Zeit durchmachen.

Welche Verbesserungen halten Sie für dringend erforderlich?

Es wäre total wichtig gewesen, wenn wenigstens wieder ein Angehöriger zu den Kranken kommen dürfte. Die Situation hat sich jetzt aber leider noch einmal verschärft. Es gibt immer mehr Kranke. Ich verstehe, dass diese Maßnahmen jetzt dringend notwendig sind und hoffe aber, dass durch diese Maßnahmen bis Weihnachten die Situation wieder entspannt.

Interview: Claudia Möllers

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