Kleine Sarah (3) wog nur acht Kilo

Dieses Bild stellte der Vater ins Internet.

Thalmässing - Wenige Tage nach dem Hungertod der dreijährigen Sarah im mittelfränkischen Thalmässing bleiben die Hintergründe der Tragödie weiter im Dunkeln.

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Es sei noch immer nicht klar, was in der Familie vorgefallen sei, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth, Thomas Koch, am Donnerstag. "Der Vater äußert sich weiterhin nicht." Die Mutter des Kindes liege mit einer schweren Erkrankung im Krankenhaus, sie sei nicht bei Bewusstsein. Hinweise auf die Lebensumstände des Paars erwarten sich die Ermittler von einer Vernehmung der Verwandten. Auch die Großeltern, bei denen der ein Jahr ältere Bruder des verhungerten Mädchens untergebracht ist, würden befragt. "Die Ermittlungen dauern an", sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Die dreijährige Sarah war unter den Augen ihrer Eltern verhungert. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft starb das kleine Mädchen am Montag in einer Nürnberger Klinik. Die Eltern hatten wegen des bedrohlichen Gesundheitszustands des Kindes am vergangenen Wochenende einen Notarzt gerufen. Eine spätere Obduktion ergab, dass das Mädchen an Unterernährung gestorben ist. Gegen die 26-jährige Mutter und den drei Jahre älteren Vater erging Haftbefehl wegen gemeinschaftlichen Totschlags durch Unterlassung.

Der Sprecher der Staatsanwaltschaft berichtete weiter, inzwischen seien die Unterlagen des zuständigen Jugendamtes sichergestellt worden, die Auswertungen hätten bereits begonnen. "Außerdem wurde die Wohnung der Beschuldigten beschlagnahmt, sie soll noch ein zweites Mal durchsucht werden." Eine erste Durchsuchung hätten die Ermittlungsbehörden für nicht ausreichend gehalten. Die Wohnung sei in einem "sehr heruntergekommenen Zustand" gewesen, sagte Koch. Inzwischen wurden Details über den Zustand der kleinen Sarah bekannt. Nach Medienbericht soll Sarah kurz vor ihrem Tod rund acht Kilogramm gewogen haben. Normal ernährte Kinder würden in diesem Alter das Doppelte wiegen. Die Staatsanwaltschaft erwartet den schriftlichen Obduktionsbericht in den kommenden Tagen. "Es sollen aber keine Einzelheiten bekanntgegeben werden", kündigte Koch an.

Trotz der wachsenden öffentlichen Kritik sieht der Leiter des zuständigen Jugendamtes in Roth, Manfred Korth, kein Versagen seiner Behörde. Zum Jahreswechsel 2004/2005 war die Familie vom knapp 40 Kilometer entfernten Schwabach nach Thalmässing (Landkreis Roth) gezogen. Zwei Jahre lang wurde sie sozialpädagogisch betreut, auch danach blieb das Jugendamt nach eigenen Angaben in Kontakt mit ihr. "Wenn wir danach nur einen Hinweis bekommen hätten, dass das Kind verwahrlost, wären wir sofort nach Thalmässing gefahren", betonte der Behördenchef.

Unterdessen gibt es erste Hinweise auf Abstimmungsmängel zwischen dem Jugendamt Schwabach, dem früheren Wohnort von Sarahs Mutter, und der Rother Behörde. So räumte Korth ein, seine Behörde habe wenig über die Umstände gewusst, die zur Heimeinweisung der ersten beiden Kinder von Sarahs Mutter geführt hatten. "Da die Kinder nicht im Landkreis Roth gelebt hatten, hatte ich auch keine Akten von den Kindern."

Der familienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Johannes Singhammer, fordert derweil ein Kinderschutzgesetz. Die bedrückenden Fälle von Kindesvernachlässigung würden zeigen, dass solch ein Gesetz hochaktuell sei. "Rechtssicherheit für bestimmte Berufsgruppen bei der Weitergabe von Informationen an die Jugendämter, Vermeidung von Jugendamts-Hopping und die Inaugenscheinnahme bei Hinweisen auf eine Misshandlung oder Vernachlässigung von Kindern können helfen, Kinder besser zu schützen", erklärte Singhammer.

Nach Ansicht des Rother Jugendamtschefs Korth sollte als Konsequenz aus dem Fall "Sarah" über eine zusätzliche medizinische Vorsorgeuntersuchung von Kindern zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr nachgedacht werden. "Das Untersuchungsnetz muss engmaschiger werden", betonte Korth. Auch sollten Jugendämter eine Handhabe erhalten, Kinder in bestimmten Fällen auch gegen den Willen ihrer Eltern in einer Krippe unterzubringen. Bisher stelle dies einen unzulässigen Eingriff ins Elternrecht dar.

dpa

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