Statistik mit beunruhigender Tendenz

Gewalt gegen Beamte nimmt zu - Polizist (24) berichtet von schlimmem Einsatz: „Ich hatte Angst zu erblinden“

Erschreckende Statistik: Immer mehr Gewalt gegen Polizisten
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Erschreckende Statistik: Immer mehr Gewalt gegen Polizisten.

Bayerns Polizei muss sich immer mehr mit Angriffen und Beleidigungen auseinandersetzen. Ein Polizist berichtet von einer gewöhnlichen Kontrolle, die eskalierte.

  • Anfang des vergangenen Jahres erlebte Polizist Johannes Dürr einen schockierenden Einsatz.
  • Bei einer Verkehrskontrolle wurde seine Kollegin unvermittelt von einem Mann angegriffen.
  • Die Tendenz im ganzen Freistaat Bayern ist beunruhigend: Gewalt gegen Polizisten nimmt stetig zu.

München - Der 22. Februar 2019 ist ein Tag, der sich Johannes Dürr ins Gedächtnis eingebrannt hat. Der Schock, den er von jenem Polizeieinsatz davon getragen hat, wird ihn ein Leben lang begleiten. „Ich hatte Angst zu erblinden“, sagt der heute 24-jährige Polizeikommissar. Bei der Pressekonferenz zum Thema „Gewalt gegen Polizeibeamte“ wurden am Donnerstag in München alarmierende Zahlen für die Stadt und ganz Bayern vorgestellt. Dort sprach der Beamte über sein Drama. Der junge Mann wirkt dabei ruhig und gefasst. Doch es hat eine Weile gedauert, bis sich Dürr von dem schrecklichen Erlebnis erholt hat.

Gewalt gegen Münchner Polizei: „Plötzlich hat er auf meine Kollegin eingeprügelt“

Eigentlich wollte er gemeinsam mit einer damals 28-jährigen Kollegin eine gewöhnliche Verkehrskontrolle durchführen. Doch der Fahrer – ein Mann von 1,90 Meter und etwa 100 Kilogramm – flippte unvermittelt aus. „Plötzlich hat er auf meine Kollegin eingeprügelt. Als ich ihr zu Hilfe kam, gab es eine Rangelei am Boden“, erzählt Dürr. Dabei habe der Mann ins Gesicht des jungen Polizisten gefasst und mit voller Kraft seine Daumen auf dessen Augen gedrückt. „Ich hatte enorme Schmerzen“, sagt Dürr. Wochenlang konnte er nur verschwommen sehen, musste regelmäßig in eine Augenklinik, hinzu kamen Prellungen und Hämatome.

Polizeikommissar Johannes Dürr verlor bei einem Einsatz fast sein Augenlicht.

Was Johannes Dürr passiert ist, ist kein Einzelfall. „Seit Jahren steigt die Gewalt gegen Polizeibeamte“, sagt der Leitende Kriminaldirektor Stefan Kastner. Allein in München gab es im vergangenen Jahr 1409 Fälle, das sind rund sechs Prozent mehr als im Jahr 2018. Die Polizei reagierte darauf mit der Anschaffung neuer Dienstwaffen, Schutzausrüstungen und dem Einsatz sogenannter Body-Cams. 

„Wir hoffen, dass 2020 die Zahlen durch den Einsatz der Body-Cams rückläufig sind“, so Peter Schall von der Bayerischen Polizei-Gewerkschaft. Bisher haben die Kameras laut Kastner gute Wirkungen erzielt. Dennoch wurden 2019 insgesamt 488 Polizisten bei Einsätzen verletzt. Bei 65 Fällen handelte es sich sogar um gefährliche Körperverletzung. Zur Gewalt gegen Polizeibeamte zählen aber auch Beleidigungen (523 Fälle). Über die Hälfte der Angreifer stand zur Tatzeit unter Alkoholeinfluss und rund neun Prozent unter anderen Drogen. Letztes trifft im Übrigen auch auf Dürrs Angreifer zu.

Angriffe auf Polizisten in Bayern: „Sehr bedenklicher Höchstwert erreicht“

Der traurige Trend setzt sich bayernweit fort. Die Übergriffe auf Polizisten sind erneut gestiegen, um 3,5 Prozent. Das Lagebild verzeichnete im vergangenen Jahr 7959 Vorfälle, in denen Polizisten attackiert wurden, in 4501 Fällen davon körperlich. Dabei wurden 2599 Polizisten verletzt. Damit sei bei der Gewalt ein „sehr bedenklicher Höchstwert erreicht“, sagte Innenminister Joachim Herrmann (CSU). In den vergangenen fünf Jahren sei daher eine Steigerung beim Ausfall von Arbeitstagen um 125 Prozent zu verzeichnen, so Herrmann. Zumindest die Tötungsversuche seien von elf auf drei zurückgegangen.

Gewalt gegen die Polizei: So untergliedern sich die Taten im vergangenen Jahr 2019.

Johannes Dürr und seiner Kollegin geht es inzwischen übrigens wieder gut – zumindest körperlich. Ein besonders heftiger Fall aus diesem Bereich ereignete sich im Dezember am Hauptbahnhof München:

Gewalt gegen Polizei: Die hinterhältige Messerattacke am Münchner Hauptbahnhof 

Ein besonders erschreckender Fall von Gewalt gegen die Polizei schockierte die Münchner im Dezember 2019. Am Hauptbahnhof München wurde ein Polizist urplötzlich hinterrücks von einem Messerstecher angegriffen. 

Der Polizist kontrollierte im Sperrengeschoss gerade routinemäßig einen Passanten, als der 23-Jährige völlig unvermittelt dazukam und von hinten auf ihn einstach - und zwar so heftig, dass die Klinge abbrach. Der damals 30-jährige Beamte konnte in einer Not-OP gerettet werden. „Er befindet sich auf dem Weg der Besserung“, sagte Kriminaldirektor Stefan Kastner am Donnerstag.

Nicht nur Polizisten, auch Rettungskräfte beklagen schon seit geraumer Zeit die Zunahme der Gewaltbereitschaft in der Bevölkerung.

Erst vor wenigen Tagen hatte ein Betrunkener in München Polizisten ins Krankenhaus gebissen.

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