Kabinett verschärft Corona-Maßnahmen

Volkshochschulen verärgert über Schließung

Ein vhs-Kurs im Seminarraum, auf dem Tisch liegen vhs-Flyer
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Krise statt Kurse: Bayerns Volkshochschulen müssen erneut schließen.

Bayerns Volkshochschulen müssen wieder schließen. Der Ärger ist groß. Die Einrichtungen haben viel Geld in Schutzmaßnahmen investiert, die sich bewährt hatten. Der Verband rechnet nun auch mit langfristigen Folgen. Ähnlich groß ist der Frust bei den Bibliotheken: Sie müssen ebenfalls zusperren.

  • Volkshochschulen und Büchereien sind von Schließung völlig überrascht worden
  • Umfangkreiche Hygienekonzepte für Kurse und Ausleihe
  • vhs bangt um ihre Einrichtungen und ihre Dozenten

Regine Sgodda hat die schlechte Nachricht nicht kommen sehen. Sie ist Vorstand des Bayerischen Volkshochschulverbands. Die Einrichtungen sind seit Monaten schwer gebeutelt von der Pandemie. Trotz umfangreichen Hygienekonzepts durften sie erst im Juni wieder öffnen. Das Wintersemester hat gerade begonnen. Und nun müssen sie wieder zusperren, wie Ministerpräsident Markus Söder (CSU) gestern nach der Kabinettssitzung verkündete. „Das hat uns völlig überrascht“, sagt Sgodda. „Bei der Ministerpräsidentenkonferenz in Berlin waren die Volkshochschulen ja überhaupt kein Thema.“ Sgodda kann die bayerische Entscheidung nicht nachvollziehen. „Es gab in unseren Einrichtungen kaum Infektionen“, betont sie. Für sie ein Beleg dafür, dass die Maßnahmen wirken.

Das Hygienekonzept sei immer wieder nachgebessert worden, berichtet Sgodda. Alle Kursteilnehmer und Dozenten tragen durchgehend Mundschutzmasken, die Teilnehmerzahlen in den Kursen seien halbiert worden, damit die Abstände eingehalten werden. Der Verband hat deswegen sogar mehr Räume angemietet. Doch der Staatsregierung reichen diese Maßnahmen nicht. Sgodda ärgert sich, weil die Volkshochschulen einen Bildungsauftrag haben, der in der Verfassung verankert ist. Und vor allem, weil sie weiß, was das finanziell und langfristig bedeutet. Für die Einrichtungen – und die Dozenten. Von den rund 30 000 vhs-Dozenten in Bayern bestreitet rund ein Drittel seinen Lebensunterhalt von den Honoraren. Weil die Volkshochschulen öffentlich gefördert werden, können sie sie nun kaum unterstützen. „Wir dürfen kein Geld verschenken“, sagt Sgodda. Und das Geld wird nun sowieso noch knapper als sowieso schon. „Selbst wenn wir bis Ende des Jahres Kurse angeboten hätten, hätten wir durch Corona ein Minus von 18,1 Millionen Euro erwirtschaftet“, sagt sie. Weniger Teilnehmer, gleichbleibende Honorar-Ausgaben, mehr Miet-Ausgaben. „Dazu kommen 1,2 Millionen Euro, die wir in die Hygienemaßnahmen und IT-Ausstattung investiert haben“, sagt Sgodda. Aber nicht alle Kurse können die Volkshochschule als Online-Variante anbieten. Nicht nur viele ältere Teilnehmer würden sich damit schwer tun, berichtet Sgodda. Neben den vielen Gesundheitskursen sind auch die Deutsch-, Alphabetisierung- und Integrationskurse online nicht möglich.

Die flächendeckende vhs-Struktur in Bayern ist gefährdet.

Regine Sgodda, Vorstand des Volkshochschulverbandes

Sgodda fürchtet auch langfristige Folgen durch die erneute Schließung. „Unsere Dozenten müssen sich umorientieren, uns wird die ganze Infrastruktur wegbrechen“, sagt sie. „Die flächendeckende vhs-Struktur in Bayern ist dadurch gefährdet.“ Selbst wenn die Einrichtungen noch einmal durch den Rettungsschirm unterstützt werden, fürchtet sie auch im kommenden Jahr mit Teilnehmer-Einbrüchen. „Die Unsicherheit ist bei allen riesengroß. Wir fürchten, dass einige das Hin und Her langsam satt haben.“ Den Frust der Teilnehmer kann Sgodda gut verstehen. „Alle waren so froh um die Ablenkung unter sicheren Bedingungen.“

Ähnlich überrascht wurden die Büchereien von der Schließung. „Die Entscheidung ist für uns schwer nachzuvollziehen“, sagt Judith Stumptner, Sprecherin der Münchner Stadtbüchereien. Viele Kunden hätten nach dem ersten Lockdown berichtet, dass die Ausleihe von Büchern, CDs oder DVDs eine große Stütze während der Kontaktbeschränkungen gewesen sei, berichtet sie. „Es schmerzt uns sehr, dass wir das nun nicht mehr anbieten dürfen.“ Die Bibliotheken wollen nun kreativ werden, kündigt sie. „Wir versuchen, Alternativen zu finden.“ Während des ersten Lockdowns haben die Münchner Büchereien ein kostenloses Digital-Abo angeboten. „Das werden wir nun wohl wieder tun.“

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