Besorgniserregende Berichte

Erschreckender Corona-Notstand um München: Pfleger trotz positivem Test im Einsatz - „Nicht einmal, sondern öfter“

 Mitarbeiterinnen der Pflege in Schutzausrüstung betreut einen Corona-Patienten.
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In der Corona-Krise sind Pflegekräfte massiv gefordert. (Archivbild)

Auch München kämpft mit der Corona-Welle. Die Lage ist teils prekär: Nach Merkur.de-Informationen sind symptomlos infizierte Pflegende im Einsatz. Doch das Problem ist noch wesentlich größer.

  • Corona wütet kurz vor Weihnachten in Deutschland - auch München und Oberbayern sind teils massiv betroffen.
  • Die Lage ist in der Pflege zu spüren: Nach Informationen von Merkur.de sind in der Landeshauptstadt und im Umland Pflegekräfte trotz positivem Corona-Test im Einsatz.
  • Die Gewerkschaft ver.di bestätigt diese Schilderungen. Sie klagt über ein massives Problem - das weit über die Corona-Notlage hinaus weist.

München - Die aktuelle Corona-Infektionswelle und der allgemeine Pflegenotstand sorgen in Oberbayern für teils erschreckende Zustände: Nach Informationen von Merkur.de* werden aktuell in Kliniken und Pflege-Einrichtungen in und um München Pflegekräfte trotz positivem Corona-Test eingesetzt - sofern die betroffenen Mitarbeiter keine Krankheitssymptome zeigen.

Die prekäre Lage ist offenbar eine akute Folge der hohen Zahl an Coronainfektionen. Es spiegelt sich nach Experteneinschätzungen aber auch ein generelles Problem wider: Der Mangel an Pflegekräften ebenso wie teils widrigste Arbeitsumstände in dem Berufsfeld.

Corona in München: Trotz positivem Test - Pflegekräfte weiter im Einsatz

Informationen über positiv auf Corona getestete Kräfte im Pflege-Einsatz wurden unserer Redaktion aus mehreren Quellen bekannt - entsprechende Arbeitsmaßgaben aus mindestens drei Einrichtungen sind bekannt, die Dunkelziffer könnte höher liegen. Die Hinweisgeber baten allerdings aus Sorge vor negativen Konsequenzen darum, ihre Arbeitgeber nicht publik zu machen. Teils wird in den betroffenen Stellen den Informationen zufolge nach einer diagnostizierten Erkrankung lediglich eine kurze Quarantäne angesetzt. In der Folge sollen die Mitarbeiter mit FFP2-Masken ausgestattet wieder in den Dienst geschickt worden sein oder allgemein werden.

Christian Reischl, bei der Dienstleistungs-Gewerkschaft ver.di in München für den Fachbereich Gesundheit zuständig, bestätigte Merkur.de* entsprechende Schilderungen. „Wir haben das auch schon gehört“, erklärte er auf Anfrage. „Und zwar nicht nur ein Mal, sondern öfter.“

Damit stehe die aktuelle Praxis in scharfem Kontrast zur öffentlichen Darstellung. Konkrete Einrichtungen wollte ver.di gleichwohl nicht nennen. „Offiziell ist das überall natürlich alles anders, aber die Situation hat sich in den vergangenen Wochen immer wieder angedeutet“, sagte Reischl. Denkbar sei auch, dass sich die Lage in den kommenden Wochen weiter verschärfe - das sei aber schwer zu prognostizieren und hänge von der weiteren Entwicklung der Corona-Fallzahlen ab.

Corona-Notlage in der Pflege: Schon in der ersten Welle war mit infizierten Mitarbeitern zu rechnen

Reischl betonte allerdings auch, die brisante Lage sei prinzipiell nicht neu. Bei der ersten Corona-Welle im Frühjahr sei zwar anders vorgegangen worden - das Ergebnis sei aber de facto dasselbe gewesen: „Damals wurden ohnehin nur Mitarbeiter mit Corona-Symptomen getestet“, erklärte er. Bereits zu Beginn der Pandemie hatten immer wieder massive Corona-Ausbrüche etwa in Altenpflegeheimen in Bayern für Schrecken gesorgt. Ähnliche Fälle gibt es auch jetzt wieder.

Der Einsatz offenbar erkrankter Mitarbeiter sei teils natürlich auch dem akuten Bedarf an Pflege-Versorgung für corona-kranke Menschen geschuldet, sagte Reischl. Als eigentlichen Grund für die Verhältnisse nannte der ver.di-Vertreter aber die prekäre Lage in der Pflege im Allgemeinen - sowie zugleich die oft schwierige Lebenslage ausländischer Beschäftigter im Konkreten, die Infektionen befördern könnte.

So lebten viele Pflegende „auf 30 Quadratmeter in Wohnheimen“ und seien aufgrund gültiger Beschränkungen auch nicht in der Lage, nach Hause zu reisen. „Das verstärkt natürlich den Wunsch nach sozialen Kontakten“, erklärte er. Dabei werde sich wohl auch nicht immer an die Corona-Regeln gehalten. Die Schilderung erinnert durchaus an Missstände in der Fleischindustrie, die im Sommer zu heftigen Ausbrüchen führte.

Zugleich habe es im Zuge der Corona-Krise teils eklatante Unterschiede im Arbeitsalltag der Pflegenden gegeben. Während es auf den Intensivstationen teils massive Arbeitsbelastung gebe, seien vor allem während der ersten Welle andere Kräfte unterbeschäftigt gewesen - Grund sei etwa die Verschiebung geplanter Eingriffe infolge der Pandemie. Aktuell seien die Intensiv-Betten wieder stark ausgelastet.

Corona und Pflege: Notlage Folge von alten Problemen - Pflege-Azubis „im Betrieb verheizt“

Reischl warnte, einen akuten Ausweg aus dem Problem gebe es nicht. Die Situation sei auch Folge langjähriger Versäumnisse - „diesen Notstand gibt es im Prinzip seit den 90er-Jahren“, sagte er. „Natürlich kann man jetzt positive Anreize setzen, den Lohn erhöhen, nach besseren Pflegeschlüsseln streben. Aber kurzfristig zu handeln ist sehr schwierig.“

Zwar seien in den letzten Jahren „viele junge Menschen“ in Pflegeberufen ausgebildet worden. Eine großer Teil von ihnen sei aber im Betrieb „verheizt“ worden. „Die sagen: Ich mache jetzt meine Ausbildung fertig, aber eigentlich will ich so nicht arbeiten“, erklärte der Gewerkschafter.

So gebe es Fälle junger Pflegehelfer, die in einer Nachtschicht mit 27 Patienten allein gelassen wurden: „Diese Menschen wollen eigentlich helfen, aber sie sind entsetzt über und überfordert mit dem Arbeitsalltag“, sagte Reischl Merkur.de*. Nicht nur in der Corona-Krise machten ausufernde Arbeitszeiten Probleme. Auch im regulären Betrieb müsse aufgrund der angespannten Personalsituation immer wieder für Kollegen eingesprungen werden: „Da zerbrechen in der Folge Partnerschaften, mit einer Familie ist es ohnehin schwierig.“ Die Konsequenzen bekommen nun offenbar auch München und das Umland in der Pandemie zu spüren. (fn) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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