Pleite durch Pandemie droht

Erholungsstätte für Familien mit behinderten Kindern droht Corona-Aus - „Das kann uns nicht retten“

Die Langau in Steingaden ist für viele Menschen mit Behinderung und deren Familien eine zweite Heimat
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Die Langau in Steingaden ist für viele Menschen mit Behinderung und deren Familien eine zweite Heimat.

Die Langau gehörte früher zu einem Kloster, heute ist sie eine bundesweit einzigartige Erholungsstätte für Familien mit behinderten Kindern. Durch die Pandemie kämpft sie ums Überleben.

  • Die Corona-Pandemie* und ihre Auswirkungen treibt viele Betriebe Bayerns an den Rande des Ruins.
  • Im Kreis Weilheim ist eine in ganz Deutschland bekannte soziale Einrichtung betroffen.
  • Muss die Erholungsstätte Langau in Steingaden schließen? Es sieht nicht gut aus.
  • Hier finden Sie die Corona-News aus Bayern. Hier bieten wir Ihnen in einer Karte* die aktuellen Fallzahlen in Bayern.

Steingaden – „Die Langau ist unser Leben“, sagen Angela und Helmut Krauß aus Treuchtlingen. Sie kommen seit 35 Jahren mit ihrer schwer kranken Tochter Simone in die Erholungsstätte nach Steingaden (Kreis Weilheim-Schongau). Simone ist von Geburt an blind und sitzt im Rollstuhl. Als Kind war sie schüchtern. In der Langau, erzählt ihre Mutter, hat sie gelernt, sich auf andere Menschen einzulassen.

Die Langau war einst ein landwirtschaftliches Anwesen des Prämonstratenserklosters. Die Lage ist idyllisch und so einzigartig wie die Einrichtung selbst: Es gibt eine kleine angeschlossene Kirche „Arche“, ein Snoezelenraum, einen Erlebnisspielplatz, Nischen zum Wohlfühlen, Gruppenräume zum Erleben – alles hundert Prozent rollstuhlgerecht. Und dann ist da noch der menschliche Aspekt: „Hier ist immer jeder für die anderen da. Man fühlt sich aufgehoben, wie in einer kleinen Familie“, sagt Angela Krauß. Für Familien, die ein krankes Kind haben, gebe es keinen schöneren Fleck, betont sie. Denn hier bekommen sie die Gelegenheit, einmal durchzuschnaufen. „Wenn wir um die Kurve fahren und ich sehe die Langau, ist das wie heimkommen“, sagt Krauß.

Corona Bayern: Wohlfühl-Unterkunft für Behinderte von der Schließung bedroht

Peter Barbian, der Leiter der Einrichtung, schlendert durch die Gänge des liebevoll eingerichteten Hauses. Es ist ein charmantes Gebäude, das dank einer 17 Millionen-Euro-Sanierung im Jahr 2017 hochmodern umgebaut wurde. Ein Ort zum Wohlfühlen, zum Treffen für bis zu 140 Gäste mit oder ohne Behinderung. Doch seit Monaten ist es still hier. Vor einem Jahr waren hier 120 Besucher zu Gast. Familien, Schulklassen. Gruppen. Wegen der Corona-Krise* musste alles abgesagt werden. „Normalerweise haben wir hier an den Adventssonntagen immer 80 bis 90 Menschen zu Gast.“ Behindertenverbände empfehlen ihren Mitgliedern aktuell, keine Reisen zu unternehmen. Verständlich. Aber für die Langau zugleich verhängnisvoll.

Peter Barbian steht das Wasser bis zum Hals. Seit zehn Jahren leitet der Diakon die Einrichtung. Sie ist ihm, wie so vielen anderen auch, ans Herz gewachsen. Oft spricht er davon, wie wichtig es jetzt sei, positiv zu bleiben. Seine Augen sagen etwas anderes. Von März bis Juni war hier alles zu – und jetzt schon wieder. Alle Buchungen sind storniert, berichtet er. Bis weit ins nächste Jahr hinein. Klassenfahrten und Studienveranstaltungen sind untersagt. Das Jahres-Defizit beläuft sich aktuell auf 650.000 Euro. Besonders bitter: Der gemeinnützige Verein darf keine Rücklagen bilden. Steht das Tagungshaus vor dem finanziellen Aus?

Wer die Langau unterstützen möchte, findet hier weitere Informationen: www.langau.de/ich-engagiere-mich/spenden

Bayern: Corona-Aus droht - Förderhilfe des Freistaats „kann uns nicht retten“

Peter Barbian hat in den vergangenen Monaten wenig geschlafen. Und mit dem Schlimmsten gerechnet. Aktuell hangelt er sich mit Fördermitteln von Monat zu Monat. Vom Bund sind bislang 44.000 Euro in Aussicht gestellt. Das Land Bayern hat 220.000 Euro aus seinem Fördertopf gegeben. „Das kann uns nicht retten“, sagt Peter Barbian. Die große Hoffnung ist in diesen schlechten Zeiten die Kirche: Die evangelische Kirche will im Dezember über finanzielle Hilfen für die Langau beraten. Wie hoch die ausfallen könnten, kann derzeit noch keiner sagen.

Barbian hofft darauf, dass sich die Einrichtung zumindest bis Ostern retten kann. Und dann? Das Bangen wird weitergehen. Bereits in diesem Jahr konnten Arbeitsverträge nicht mehr verlängert werden. Haben noch vor der Krise 50 Mitarbeiter für das Wohl der Gäste gesorgt, so sind es im nächsten Jahr vielleicht nur noch 35, die Peter Barbian über Kurzarbeitergeld halten kann. Auch ein neues Demenz-Projekt muss eingestellt werden. Viele seiner Gäste bezeichneten die Langau oft als „Kraftort“, erzählt Barbian. Jetzt braucht die Langau selbst Kraft – und Unterstützung, um es durch die Krise zu schaffen. *Merkur.de ist ein Angebot des bundesweiten Ippen Digital Netzwerks

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